Kleinlaut wandte ich mich mit Anka zur Rückkehr in unsere Gemächer . Francine , die im Gange stehengeblieben war und alles mit angesehen hatte , begleitete uns . Ja , so ist er ... Oh , Sie kennen ihn noch nicht , flüsterte sie mir zu , er hat sich geärgert , nicht über das verspätete Frühstück , sondern über Ihre Bestürzung und über das Mitleid , mit dem Sie ihn ansahen . Das war aber auch gewaltig ... Sie kicherte und warf mir einen spöttischen Blick zu . Sie hatte so häßliche Augen ! Tiefschwarze , kugelrunde Augen , fast ohne Lider , dafür aber mit dichten , halbkreisförmigen Brauen . Oh , Mitleid verträgt er nicht , der Graf , Sie sollten das wissen ; bemerken Sie nicht , wieviel Mühe er sich gibt , seinen Schmerz um seine Frau zu verbergen ? Wie er sich stellt , als ob er ihren Verlust mannhaft ertrüge , während er des larmes de sang um sie weint . Jetzt darf niemand wissen , wie übel er sich beim Sturz mit dem Pferde , den er ohne Zweifel getan , zugerichtet hat , damit er nur ja nicht bedauert werde . Aber , das können Sie mir glauben , sein Kopf tut ihm nicht wohl in diesem Moment , und der rechte Arm ist verrenkt oder gebrochen . Instinktmäßig , ich wußte damals wirklich nicht , warum ich es tat , suchte ich ihr den Schrecken zu verbergen , in den ihre Worte mich versetzten , und fragte mit anscheinender Ruhe , ob man nicht einen Boten nach dem Doktor schicken sollte . Sie meinte nein , der Doktor komme morgen früh , müsse demnach schon unterwegs sein ; es bliebe nichts übrig , als zu warten . Warten - ja , wenn es nur mit dem Gedanken hätte geschehen können , der Kranke sei bis zum Eintreffen des Arztes leidlich versorgt . Diesem Tröste durften wir uns jedoch nicht hingeben . Der Haushofmeister , den der Graf , gelangweilt durch dessen Klagen , aus seiner Nähe gewiesen , kam am Nachmittag , Francine zu beschwören , sie möge sich der Pflege des Patienten ein wenig annehmen . Der Alte hatte an der Tür gelauscht und behauptete , der Graf sei bewußtlos , der Kammerdiener allein bei ihm , und der sitze in einem Winkel , die Hände im Schoß . Er wage nicht sich zu rühren und dem Fiebernden auch nur ein feuchtes Tuch auf die Stirn zu legen . Anka und ich stimmten in die Bitten des alten Dieners ein , aber Francine blieb unbeweglich und erklärte ein Mal ums andere , sie dränge sich nicht auf ; wenn der Graf ihrer bedürfe , möge er sie rufen lassen . Und sooft wir wiederholten : er sei ja bewußtlos , er könne sie nicht rufen lassen , so oft wiederholte sie , wie eine gedankenlose Maschine , ihren albernen Satz . Endlich riß mir die Geduld . Bleiben Sie denn hier , ich gehe zu ihm ! rief ich und schritt resolut aus dem Zimmer und über die Treppe und pochte an der Tür des Grafen . Der Kammerdiener öffnete mir . Er hieß Raimund , war ein ältlicher , dicker Mensch , der immer schläfrig aussah , und obwohl anfangs erschrocken über mein kühnes Eindringen , dankte er bald dem Himmel und jedem einzelnen Heiligen darin , daß ich da war . Kein Wunder , denn ich wußte bei Kranken Bescheid . Hatte doch mein jüngerer Bruder , dessen Wartung zumeist mir obgelegen , von den dreizehn Jahren seines Lebens neun auf dem Siechbette zugebracht . Überdies , meine Teuerste , bleiben das Kinder- und das Krankenzimmer ewig die Domäne , in der der Frau recht gern die Herrschaft eingeräumt wird . So hatte ich bald Ordnung geschafft , Verbandszeug herbeibringen und einen Kübel mit Eis vor das Bett stellen lassen , an das ich nun trat und dessen Vorhänge ich zurückschlug . Der Graf lag gerade ausgestreckt auf dem Rücken , wachsbleich und regungslos , aber nicht in Ohnmacht , sondern in jenem dumpfen , schweren Schlaf , in den kräftige Leute nach überstandenen körperlichen Schmerzen versinken . Um die Stirnwunde war das Blut geronnen ; sie schien klein und tief , durch den Sturz auf einen spitzen Stein hervorgebracht . Der beschädigte Arm lag hoch angeschwollen auf der Decke , ich schnitt den Ärmel des Hemdes entzwei und begann meinen Krankenpflegerdienst . Raimund ging mir treulich an die Hand , solange er sich des Schlafes erwehren konnte . Als er aber nur noch wie ein Träumender meinen Weisungen nachkam , eine halbe Stunde brauchte , um das erlöschende Feuer im Kamin anzufachen , als er begann , die Umschläge statt auf die Stirn und den Arm des Grafen auf das Kissen und die Decke zu legen , da dankte ich ihm für seine Beihilfe und ließ ihn ungestört schlafen auf einem Bärenfell , auf das er hingesunken war wie ein Klotz . Mein Kranker begann indes zu fiebern und zu phantasieren , sein Atem wurde kürzer ; die Tücher , die ich eiskalt auf seine Stirn gelegt hatte , nahm ich wenige Minuten später dampfend vor Hitze wieder hinweg . So kam die Mitternacht heran . Daß ich müde oder schläfrig werden könnte , fürchtete ich nicht , davor schützten mich meine Aufregung und meine Besorgnis ; doch waren infolge des beständigen Hantierens mit dem Eise meine Finger ganz erstarrt , ich mußte ihnen Zeit gönnen , sich zu erwärmen , und Raimund wecken , um mich von ihm ablösen zu lassen . Im Begriff , auf ihn zuzugehen , wandte ich mich und - fühlte mich plötzlich zurückgehalten . Der Graf hatte meine Hand erfaßt . Sitta ! rief er - der Name seiner Frau - Sitta ! Sitta ! und den Kopf etwas erhoben , blickte er mich mit weitgeöffneten Augen an ... Augen freilich , die nur sahen , was das Fieber ihnen