und ab zu gehen . Ihre alte Dienerin trat ein und verwunderte sich über die Maßen , ihre Herrin unbeschäftigt zu finden . Aber sie freute sich noch mehr als sie sich verwunderte . Der Himmel selbst , meinte sie , beschere ihr eine Gelegenheit , sich so recht nach Herzenslust über die interessanten Neuigkeiten auszulassen , die sie vom Markte mitgebracht . Leider fand sie nur geringe Teilnahme und wurde plötzlich durch die Worte unterbrochen : » Agnes - ich gehe jetzt aus . « Das war freilich leichter gesagt als getan . Ausgehen ? Jetzt ? - die Alte entsetzte sich über » diese Idee « . Vor dem Essen war das Fräulein nie ausgegangen , warum denn heut ! Die Frage und die seltsam forschende Miene , mit der sie gestellt wurde , machten Lotti erröten ; sie wandte das Gesicht verlegen ab und sagte : » Warum ? - ja - - ich könnte eigentlich auch später - wenn du dich beeilen wolltest ... « Agnes entfernte sich , erschien jedoch bald wieder . Sie überbrachte die Visitenkarte eines fremden Herrn , der das Fräulein dringend zu sprechen wünschte . Der Agent des » Amerikaners « kam einmal wieder , die Anerbietungen seines Chefs in bezug auf die Uhrensammlung zu erneuern . Er wurde selbstverständlich abgewiesen . Allein statt sich damit zu bescheiden und sich - zufrieden oder nicht - zu empfehlen , nahm er auf das breiteste Platz in dem Fauteuil und ließ alle fünf Minuten einige wegwerfende Worte über alte Uhren fallen . Nach einer tödlich langen Stunde erhob er sich endlich mit der Versicherung , er wolle vor seiner Abreise noch einmal vorsprechen . Lotti erlaubte sich zu bemerken , das sei ganz überflüssig , worauf er verbindlich erwiderte , er danke und werde sich gewiß einfinden . Dieser Besuch schien Lotti den Appetit verdorben zu haben , denn sie ließ ihr Mittagsmahl , das von Agnes endlich aufgetragen wurde , unberührt . Sie kleidete sich rasch und hastig zum Ausgehen an und blieb dann zögernd an der Tür stehen ... sie eilte die Treppe hinab und schritt langsam durch die Straßen ... immer langsamer , je näher sie ihrem Ziele kam . Sie wollte sich Gewißheit über die Umstände verschaffen , unter denen ihr einstiges Geschenk verkauft worden war . Sie wollte es . Und doch erhoben sich Einwendungen in ihr gegen den unwiderruflichen Entschluß . - Was soll die Gewißheit , nach der du strebst , dir bringen ? fragte sie . - Was hast du zu erwarten ? Du wirst von einem Leichtsinn hören , den du nicht heilen kannst , oder von einer Not , der abzuhelfen du nicht vermagst . Laß ab ! Was quälst du dich ? ... Zu wessen Frommen ? Du bist längst vergessen - vergiß auch du ! Lotti horchte den leisen abratenden Stimmen und - mit Bewußtsein handelte sie ihnen entgegen . Jetzt stand sie an der Tür des Uhrmacherladens , jetzt drückte sie die Klinke . Der Laden war leer , aber aus dem anstoßenden offenen , mit Gaslicht hell erleuchteten Raume schallte ihr ein lauter Wortwechsel entgegen . » Ich weiß ja , daß ich eine Gefälligkeit von Ihnen verlange ! « rief eine Stimme , deren Ton Lotti seit fünfzehn Jahren nicht mehr gehört hatte und die sie dennoch augenblicklich erkannte . » Ich aber bin nicht in der Lage , Gefälligkeiten zu erweisen . - Entschuldigen Sie , da ist jemand ... « sagte der Uhrmacher , der den Eingang zum Gewölbe nicht aus dem Auge gelassen hatte : » Ah - Fräulein ! eben recht ... « Er eilte auf Lotti zu , indem er fortfuhr zu sprechen : » Vierundzwanzig Stunden bin ich im Wort gestanden ; jetzt sind drei Tage vorüber ; und mit dem besten Willen - wenn ich noch so gern möchte - ich könnte die Uhr nicht beschaffen , denn sie ist - « er warf Lotti einen Blick des Einverständnisses zu , » bereits in anderen Händen . Diese Dame kann es bestätigen . « Derjenige , dem diese Rede galt , hatte sie mit Äußerungen des Unglaubens begleitet . Als Lottis Zeugnis angerufen wurde , richtete er plötzlich die Augen auf sie , verstummte und starrte sie so vernichtet , so völlig überwunden und ratlos an wie ein Kind , das auf einer schlimmen Tat ertappt wird . » Mein Gott - Sie ? ... « stammelte er , » was werden Sie von mir denken ? « Lotti hatte sich rascher gefaßt als er ; sie erwiderte : » Nichts anderes , als daß es schön von Ihnen ist , sich so herzlich nach Ihrer alten Uhr zurückzusehnen . « Beide schwiegen und sahen einander an . Sie ihn mit leiser , etwas peinlicher Überraschung : er sie halb wehmütig , halb freudig . Seine Verlegenheit war wie durch Zauber verschwunden , und ihm wurde leicht und wohl ums Herz . Ihm schien es , als träte ihm die Erinnerung an die beste Zeit seines Lebens verkörpert entgegen ... nicht die glänzendste , oh , bei weitem nicht ! Aber die beste gewiß . » Fräulein Lotti - Fräulein Lotti « , wiederholte er mehrmals , ohne den Blick von ihr zu verwenden . Er fand in ihrem Gesicht den Ausdruck , den er einst geliebt hatte , wieder . Hübsch war sie nie gewesen , doch konnte sie schön sein , wenn ihre Seele sich in ihren Zügen spiegelte , wenn der Abglanz ihrer reinen Gedanken auf ihrer Stirn sichtbar wurde , wenn eine Gemütsbewegung ihre Wangen rötete - so wie jetzt ... Was lag daran , ob leichte Falten diese Stirn furchten , ob diese Wangen schmaler geworden ? Die Augen blickten so gütig , wie je ; die rosige Farbe der Lippen hatten die Jahre verwischt , den Zug von Sanftmut und stiller Heiterkeit , der sie umspielte , jedoch nur tiefer eingeprägt ... Ja , sie