' ich wahrhaftig noch die Geschichte vom fleißigen Edelmann ! « Minder erbaut waren die Leute im Städtchen von diesem Treiben , doch ließen sie der seltsamen Erziehung ihren Lauf . Auch holte sich niemand gern ohne Grund die wuchtigen Höflichkeiten ab , die Frau Rosel für jeden Besucher bereit hielt . Aber als der Knabe endlich neunjährig geworden , ohne auch nur einen Buchstaben zu kennen , trieb die Leute ihr frommes Gewissen , sich ins Mittel zu legen . Denn Unterricht und Gottesdienst sind ja bei diesem Volke eins und Unwissenheit eine Todsünde ; wer nicht lesen kann , ist auf Erden ein Verruchter , im Jenseits ein Verdammter . So ordneten sie eine Gesandtschaft ins Mauthaus ab , welche wohl bitter empfangen wurde , aber doch ihren Zweck erreichte . Sie werde , erklärte die Frau , ihr liebes Kind keinem » Cheder « ( Judenschule ) anvertrauen , aber einen » Knaben-Bocher « , einen Hofmeister , wolle sie gern bezahlen . Nur die Schwächlichkeit des Knaben habe sie bisher abgehalten , dies selbst zu veranlassen . Doch müsse sie bitten , ihr einen sanften und geduldigen Menschen zu schicken . Der Beisatz war fast überflüssig , denn ungeduldige » Knaben-Bachorim « gibt es nicht , wenigstens nicht im podolischen Ghetto . Das sind Leute anderen Schlages , als die » Jeschiwa-Bachorim « , die Hörer an den Rabbinerschulen . Es ist ein Gegensatz wie etwa zwischen dem dürftigen Schulmeister und dem übermütigen , selbstbewußten Sohn der » Alma mater « . Es kommt ja auch vor , daß aus einem flotten Studenten , der nicht ans Ziel gelangt , ein zahmer Hofmeister oder gar ein gedrückter Volksschullehrer wird , aber dann ändert er eben sein Wesen . Die Knaben-Bachorim sind arme , scheue , demütige Menschen , die sich im Schweiße des Angesichts ihr kümmerliches Brot verdienen und alle Launen der Zöglinge und ihrer Eltern mit so unbewegtem Gesichte hinnehmen , als wäre das im Gegenteil gerade die Butter auf dies harte Brot . Da aber mit der Frau da draußen nicht zu spaßen war , so schickte man ihr ein wahres Lamm . Es war dies der Bocher Naphtali , der wohl mit seinem Familiennamen Ritterstolz hieß , aber ein halbverhungertes Männchen von kleiner , dürftiger Gestalt war , mit einem Gesicht wie aus schlechtem Fließpapier geschnitten . Der Unterricht begann und anfangs ging alles gut , der Knabe saß still und ließ sich in die Geheimnisse des Alphabets einführen , weil ihn die Neuheit der Sache interessierte und weil sich das bärtige Männchen im Erklären so komisch hin und her wiegte , wie ein Perpendikel , und jedes Wort schön durch die Nase sang . Nur wenn der Fedko vorbeikam , lief Sender davon . Aber bald lief er auch davon , wenn ein anderer Wagen vorbeikam , und schließlich ohne jede Veranlassung . Auch Mosche Rindsbraten , Schlome Rosenthal , Chaim Fragezeichen , Selig Diamant und wie sonst die Pädagogen von Barnow hießen , hatten kein besseres Ergebnis zu verzeichnen . Da sich jeder von ihnen sonderbar hin und her bewegte und durch die Nase sang und jeder in anderer Art , so hielt der Knabe in den ersten Stunden immer still , aber da keiner gelernt hatte , Variationen in seinen Vortrag oder Vorsang anzubringen , so ward das Ende immer dasselbe . Die Frau nahm sich das nicht zu Herzen . » Das Kind hat ja Zeit « , meinte sie . Und so hatte das blasse , hastige , vorwitzige Büblein wieder selige Tage , fast ein Jahr lang . Aber sie sollten ein jähes Ende nehmen , auf immer . Zwei Ereignisse führten dies herbei , ein Spaziergang und eine Kunstproduktion . Da fuhr nämlich einmal Sender auf dem Gemüsewagen des Fedko davon und kam nicht wieder ; erst am dritten Tage brachte ihn ein Barnower Dorfgeher der angstgequälten Pflegemutter zurück . Er habe nach Lemberg gewollt , erklärte Sender unbefangen , weil man ihm erzählt habe , daß dies die schönste und größte Stadt der Welt sei . Und als ihn die Frau fragte , ob er denn nicht Heimweh oder Bangen verspürt habe , schüttelte der Zehnjährige den Kopf ; er kannte die Empfindung offenbar gar nicht . Das machte die Mutter denn doch nachdenklich . Aber noch fand sie nicht den Schlüssel für die sonderbare Natur des Kindes . Erst ein Fremder sollte es ihr mit dürren Worten sagen , der alte , reiche Moses Freudenthal , als er einmal während eines jähen Regens Schutz in ihrem Häuschen suchte . Der Greis fragte den Knaben , warum er nicht lernen wolle , und erhielt darauf die keckste und possierlichste Antwort . Da setzte sich das Bürschlein an den Tisch und kopierte jeden seiner unglücklichen Erzieher so schrecklich getreu mit allen Arten und Unarten , daß der alte Mann vor ungemeinem Staunen gar nicht zum Lachen kam . Es war kein bloßes Nachäffen , wie man es von ungezogenen Kindern häufig genug sieht , sondern dem Manne war ' s , als sähe er da wirklich bald den Chaim Fragezeichen , bald den Naphtali Ritterstolz , bald den Schlome Rosenthal leibhaftig vor sich sitzen . Und als nun der Knabe , durch die Mutter aufgemuntert , auch seine Freunde , die Fuhrknechte vorzuführen begann , alle mit fast unheimlicher Naturtreue in Stimme und Ausdruck , da blieb der alte Mann wohl eine Stunde über den Regen sitzen und sagte der Frau , als er schied : » Es ist ein Pojaz , wie ich noch keinen gesehen habe . Er hat ' s von seinem Vater , aber er trifft ' s schon jetzt besser als der Kowner ! Denkt an mich : in drei Jahren läuft er davon und läßt nie wieder von sich hören . Eines Schnorrers Sohn ist er und ein Schnorrer wird er werden ! « Die Frau erschrak tödlich ; wie Schuppen fiel es ihr von den Augen , nun konnte