Angeredete drohte mit einer ihrer großen Nadeln zu Lewin hinüber , dem es übrigens nahe bevorstand , sich aus dem Angriff in die Verteidigung gedrängt zu sehen . Der » Empereur « war nicht umsonst zitiert worden ; einmal in das Gespräch hineingezogen , gleichviel ob im Ernst oder Scherz , begann er seine Macht zu üben , und Lewin , wenigstens momentan des neckischen Tones vergessend , begann ein Bild jener fluchtartigen Reise zu geben , die den zum ersten Mal von seinem Glück verlassenen Kaiser in vierzehntägiger Fahrt von Smolensk bis in seine Hauptstadt zurückgeführt hatte . Er gab Altes und Neues , bei einzelnen Punkten länger verweilend , als vielleicht nötig gewesen wäre . Tante Schorlemmer und Marie waren der Erzählung aufmerksam gefolgt ; Renate aber warf hin : » Vorzüglich , und wie belehrend ! Ein wahrer Generalbericht über russisch-deutsche Poststationen . Oh , ihr großstädtischen Herren , wie seid ihr doch so schlechte Erzähler , und je schlechter , je klüger ihr seid . Immer Vortrag , nie Geplauder ! « » Sei ' s drum , Renate ; ich will nicht widersprechen . Aber wenn wir schlechte Erzähler sind , so seid ihr Frauen noch schlechtere Hörer . Ihr habt keine Geduld , und die Wahrnehmung davon verwirrt uns , läßt uns den Faden verlieren und fahrt uns , links und rechts tappend , in die Breite . Ihr wollt Guckkastenbilder : Brand von Moskau , Rostoptschin , Kreml , Übergang über die Beresina , alles in drei Minuten . Die Erzählung , die euch und euer Interesse tragen soll , soll bequem wie eine gepolsterte Staatsbarke , aber doch auch handlich wie eine Nußschale sein . Ich weiß wohl , wo die Wurzel des Übels steckt : der Zusammenhang ist euch gleichgiltig ; ihr seid Springer . « Renate lachte . » Ja , das sind wir ; aber wenn wir zuviel springen , so springt ihr zuwenig . Eure Gründlichkeit ist beleidigend . Immer glaubt ihr , daß wir in der Weltgeschichte weit zurück seien , und wir wissen doch auch , daß der Kaiser in Paris angekommen ist . Oh , ich könnte Bulletins von Hohen-Vietz aus datieren . Aber lassen wir unsere Fehde , Lewin . Was ist es mit den roten Scheiben im Schloßhof von Berlin ? In der Zeitung war eine Andeutung ; Kathinka schrieb ausführlicher davon . « » Was schrieb sie ? « » Wie du nur bist . Nun kümmert dich wieder , was Kathinka schrieb . Daß ich so töricht war , den Namen zu nennen . « Lewin suchte seine flüchtige Verlegenheit zu verbergen . » Du irrst , ich schweife nicht ab ; mich hat das Phänomen lebhaft beschäftigt . Es kam dreimal ; am dritten Tage habe ich es gesehen . « » Und was war es ? « » An allen drei Tagen , etwa eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang , erglühten plötzlich die oberen Fenster des alten Schloßhofes . Die Wachen meldeten es . Da die Sonne längst unter war , so dachte man an Feuer . Aber es fand sich nichts . Auf dem neuen Schloßhof blieben die Fenster dunkel . Die Leute sagen , es bedeute Krieg . « » Ein leichtes Prophezeien « , bemerkte Tante Schorlemmer ruhig . » Wir hatten Krieg in diesem Jahre und werden ihn mit in das neue hinübernehmen . « » Ich glaube « , fuhr Lewin fort , » der ganze Vorgang wäre schnell vergessen worden , wenn nicht eines unserer Blätter , das euch nicht zu Händen kommt , am zweitfolgenden Tage schon eine Geschichte gebracht hätte , die bei allem Dunklen ersichtlich darauf berechnet war , der Erscheinung im Schloß eine tiefere Bedeutung zu geben , so etwas wie Zeichen und Wunder . « » O erzähle ! « » Ja . Aber du darfst nicht ungeduldig werden . « » Bist du empfindlich ? « » Wohlan denn . Es ist eine Geschichte aus dem Schwedischen . Die Überschrift , die das Blatt ihr gab , war : Karl XI. und die Erscheinung im Reichssaale zu Stockholm . Ich bürge nicht dafür , daß ich alles genauso wiedergebe , wie ' s in dem Blatte stand , aber in den Hauptstücken bin ich meiner Sache gewiß . Was man gern hat , behält man . Gedächtnis ist Liebe , sagte Tubal noch gestern , und selbst Kathinka stimmte bei . « Bei dem Namen Tubal kam das Erröten an Renate . Lewin aber , als ob er es nicht bemerkt habe , fuhr fort : » Karl XI. war krank . Er lag schlaflos zu später Stunde in seinem Zimmer und sah nach der anderen Seite des Schloßhofes hinüber , auf die Fenster des Reichssaales . Bei ihm war niemand als der Reichsdrost Bjelke . Da schien es dem König , daß die Fenster des Reichssaales zu glühen anfingen , und darauf hindeutend , fragte er den Reichsdrosten : Was ist das für ein Schein ? Der Reichsdrost antwortete : Es ist der Schein des Mondes , der gegen die Fenster glitzert . In demselben Augenblick trat der Reichsrat Oxenstierna herein , um sich nach dem Befinden des Königs zu erkundigen , und der König , wieder auf die glühenden Scheiben deutend , fragte den Reichsrat : Was ist das für ein Schein ? Ich glaube , das ist Feuer . Auch der Reichsrat antwortete : Nein , gottlob , das ist es nicht ; es ist der Schein des Mondes , der gegen die Fenster glitzert . Die Unruhe des Königs wuchs aber , und er sagte zuletzt : Gute Herren , da geht es nicht richtig zu ; ich will hingehen und erfahren , was es sein kann . Sie gingen darauf einen Korridor entlang , der an den Zimmern Gustav Erichsons vorüberführte , bis daß sie vor der großen Türe des Reichssaales standen . Der König forderte den Reichsdrosten auf , die Tür