sich nach der Terrasse drängten und der Graf eine Bewegung machte , den wüsten Gesellen die Treppe hinabzuwerfen . War es nun infolge des Rausches , der vorigen Schwäche oder bloß der kräftigen Abwehr der Reckenburgerin , genug , der Mann taumelte und stürzte die Stufen hinab , eine Blutspur zeigte sich am Boden , der verwitterte Mantel entfiel ihm , das militärische Ehrenzeichen , der Stumpf des Armes wurden sichtbar ; Fräulein Hardine erbleichte . Die leichte Verletzung hatte den Berauschten plötzlich ernüchtert . Er richtete sich rasch in die Höhe und stand einen Moment in drohendem Trotz mit geballter Faust der Dame Aug in Auge . Dann ließ er den Arm sinken und sprach mit einem Stolz , der sich seltsam gegen die vorige Roheit abhob : » Es ist nicht das erste Mal , Fräulein Hardine , daß Sie Ihre Hand gegen mich erhoben haben ; aber Gott sei mein Zeuge , es ist das letzte Mal , Sie werden August Müller nicht wiedersehen . Ich hätte es mir ja denken können , daß einer , dessen Dasein in einem Waisenhause verborgen worden ist , nun , da das Elend ihn treibt , für sein mutterloses Kind eine Freistatt zu suchen , von der Schwelle Ihres stolzen Hauses wie ein Verbrecher verjagt werden würde . « Die Blicke der sprachlosen Dame fielen während dieser Schmährede auf das Kind , das hinter dem Vater drein bis dicht in ihre Nähe geschlichen und jetzt von einer Gruppe mitleidiger oder neugieriger Gäste umringt worden war . » Wie heißt du ? « fragte eine Dame . » Hardine , « murmelte die Kleine . Es folgte noch eine weitere Examination , auf welche sie mit stumpfsinniger Gleichgültigkeit den Kopf schüttelte . Endlich : » Was wollt ihr , wen sucht ihr hier ? « » Meine Großmutter Hardine , « sagte das Kind . Auch das hörte das stolze Fräulein mit an ; sie sah die verblüfften Mienen der hohen Gesellschaft und - sie schwieg . Sie schien wie erstarrt oder in ferne Erinnerungen verloren . » Schweig , Hardine ! « herrschte jetzt der Invalid seine Tochter an , indem er sie mit Gewalt aus der Gruppe zog . » Schweig und komm ! Gott ist ein Vater der Waisen . Es wird anderwärts barmherzigere Seelen geben . « Damit wendete er sich zum Gehen . Nach ein paar Schritten aber sah man einen bleifarbenen Schatten über seine Züge fliegen . Er schauderte und klammerte sich zitternd an das Laubengitter . Auf einen Wink des Fräuleins eilte der Prediger ihm zu Hilfe ; sein Sohn , der uns schon bekannte Gymnasiast , sprang zwischen den Hecken hervor und nahm die kleine Hardine an seine Hand . Auch der Graf folgte ihnen in merklicher Bestürzung . Sie verschwanden im Laubengang . Fräulein Hardine aber wendete sich mit verstörten Mienen , ohne ihre Gäste zu beachten , ihrem Schlosse zu . Wie möchten wir nun aber bei diesem Betragen der stets so gehaltenen , selbstbewußten Dame die Stimmung der verlassenen Gesellschaft zu beschreiben wagen ? Ein Teil , und sicherlich der klügste , bestieg ohne Abschied die bereits vorgefahrenen Wagen . Andere entblödeten sich nicht , in der eigenen Umhegung der Festgeberin den am Nachmittag in der Schenke gesammelten Erläuterungen ihrer Dienerschaft Gehör zu geben . Der Rest schlenderte in den Gartenwegen auf und ab , ein Wiedererscheinen der Dame oder die Lösung des Rätsels erwartend . Nach kurzer Zeit kehrte Ludwig Nordheim atemlos zurück , um den Kreisphysikus , der sich unter den Gästen befand , zu dem in der Schenke plötzlich erkrankten Fremdling zu holen . Später kam der Prediger mit dem Grafen , der letztere mit dem Ausdruck der stärksten Empörung . » Der Säuferwahnsinn ist bei dem Vagabunden ausgebrochen , « antwortete er auf die Fragen der ihn umringenden Bekannten . Der Prediger zuckte schweigend die Achseln . Beide begaben sich nach dem Schlosse . Wenige Minuten später eilte von dorther ein Diener nach der Schenke ; bald darauf folgte ihm der Prediger . Man erfuhr , daß das Fräulein die sorgfältigste Pflege für den Kranken befohlen habe , auch dessen Übersiedelung nach dem Schlosse wünsche , falls der Arzt dieselbe für zulässig halte . Noch hatte man nicht dazu kommen können , sein Erstaunen über diese Weisung auszusprechen , als der Graf aus dem Portale trat , leichenblaß , in heftigster Aufregung an der Unterlippe nagend . Ohne ein aufklärendes Wort zu gewähren , bestieg er den bereithaltenden Wagen und jagte von dannen . Auch den letzten Gästen schien jetzt der Aufbruch geboten . Kaum eine Stunde nach der aufregenden Begegnung war es in der Umhegung der Reckenburg so still wie alle Tage . Am anderen Morgen jedoch kehrten etliche der gestrigen Gäste - wohlzumerken der Graf nicht unter ihnen - zurück , um aus reinstem Wohlwollen , wie sich von selbst versteht , Erkundigungen über das Befinden der Dame und des rätselhaften Fremden einzuziehen . Der letztere lag noch in der Schenke , schwer krank , aber nicht am Säuferwahnsinn , sondern an einer Lungenentzündung , wie der Doktor erklärte . Fräulein Hardine war verreist . Sie , die Stetige in ihrem Revier , die man nie , außer zu einer Visite in der Nachbarschaft , und immer nur in der sagenhaften goldenen Kutsche und dem schier unsterblichen Schimmelzug , zwei gepuderte Heiducken auf dem Trittbrett - sämtlich Erbstücke der schwarzen Gräfin - , sich aus der Reckenburger Flur hatte entfernen sehen , sie war diese Nacht ohne Dienerschaft im leichten Jagdwagen bis zur nächsten Station und von da mit Kurierpferden weitergefahren . Trotz der emsigsten Nachforschungen hat niemand erfahren können , wohin oder zu welchem Zweck . Als sie nach zwei Tagen auf dieselbe heimliche Weise zurückkehrte , war ihr erster Gang in die Schenke an das Krankenbett August Müllers . So befremdend dieses Gebaren war , es lag im Grunde noch nichts darin , was ein so makelloses Ansehen , wie Fräulein Hardines