nickte lustig ihm zu und lief schnell die Stufen hinab nach dem Hause . Da sprang ihr der kleine Ernst aus der großen Halle entgegen und lachend fing sie ihn in ihren Armen auf . Seiner enthusiastischen Beschreibung nach hatte der Kleine schon Unglaubliches geleistet . Er hatte dem Maurer , der den Herd errichtete , Backsteine zugetragen , war von Mama beim Ausklopfen der Betten beschäftigt worden und meinte mit großem Stolze , die Herren und Damen auf der wollenen Tapete sähen viel schöner und freundlicher aus , seit er mit der Bürste über ihre staubigen Gesichter gefahren sei . Er schlang entzückt die Arme um den Hals der Schwester , die ihn die Treppe hinauftrug , und hörte nicht auf zu versichern , daß er es hier oben doch tausendmal schöner finde , als in B. Der Oberförster empfing Elisabeth droben im Vorsaale . Er ließ ihr kaum Zeit , die Eltern zu begrüßen , und führte sie , ohne ein Wort zu sagen , in das Zimmer mit den Gobelins ... Welche Veränderung ! ... Das grüne Bollwerk vor dem Fenster war verschwunden , draußen , jenseits der äußeren Mauer , trat der Wald auf beiden Seiten kulissenartig zurück und gewährte einen vollen Einblick in ein weites Thal , das Elisabeth wahrhaftig paradiesisch erschien . » Das ist Lindhof , « sagte der Oberförster und zeigte auf ein ungeheures Gebäude in italienischem Geschmacke , das sich ziemlich nahe an den Fuß des Berges drängte , auf welchem Gnadeck lag . » Ich habe dir hier etwas mitgebracht , das dir sofort jeden Baum drüben auf den Bergen und jeden Grashalm drunten auf den Wiesen vorführen wird , « fuhr er fort , indem er dem jungen Mädchen ein gutes Perspektiv vor die Augen hielt . Da rückten die gewaltigen , ernsten Bergkuppen herüber , deren granitene Gipfel hier und da den Wald zerrissen und auf ihrer äußersten Spitze eine einsame Tanne gen Himmel streckten . Hinter diesen nächsten Bergen türmten sich zahllose bewaldete Rücken im blauen Dämmerlichte , und aus einem fernen dunklen Thale , das nur wie ein tiefer Einschnitt zwei Bergriesen voneinander trennte , tauchten zwei schlanke gotische Türme bleich und nebelhaft empor . Ein kleiner Fluß , eine von Pappeln eingefaßte Chaussee und mehrere schmucke Dörfer belebten den Hintergrund des Thales ; vorn lag das Schloß Lindhof , umgeben von einem im großartigsten Stile angelegten Parke . Unter den Fenstern des Schlosses breitete sich ein weiter , kurzgeschorener Rasenplatz aus , auf dem kleine , wunderlich geformte Beete in feuriger Tulpenpracht hingestreut lagen . Elisabeths Blick schweifte darüber hinaus und tauchte erquickt in das geheimnisvolle Dunkel einer Allee prächtiger Linden , deren Kronen sich dicht über den braunen Stämmen wölbten , während einzelne schwere untere Zweige ihre breiten Blätter zwanglos auf den Kies niederhingen . Bisweilen streckte ein Schwan seinen weißen Hals neugierig in den Schatten der Allee , wobei seine Flügel einen blitzenden Regenschauer an die alten Stämme schleuderten - ein klarer kleiner See schmiegte sich dicht an ihre Füße ; er lag in diesem Augenblicke ziemlich melancholisch in seinem blumengeschmückten Ringe , denn ein bewölkter Himmel spiegelte sich in seiner Fläche . Hatte Elisabeth das Fernrohr bis dahin rastlos von einem Gegenstande zu dem andern wandern lassen , so suchte sie jetzt einen festen Halt und Stützpunkt für dasselbe ; denn sie hatte eine Entdeckung gemacht , die ihr Interesse in hohem Grade fesselte . Unter dem letzten Baume in der Allee stand ein Ruhebett . Eine junge Dame lag darauf ; sie hatte den reizenden Kopf zurückgelehnt , so daß ein Teil ihrer langen kastanienbraunen Locken über das Polster herabfiel . Unter dem Saume des langen weißen Musselinkleides , das die ganze Gestalt bis an den Hals züchtig verhüllte , erschienen zwei zarte Füßchen in goldglänzenden Saffianschuhen . Die Dame hielt zwischen den feinen , fast durchsichtig mageren Fingern einige Aurikeln , welche sie gedankenlos unaufhörlich hin und her drehte . Nur auf den schmalen Lippen lag ein schwacher Anflug von Rot , sonst war das Gesicht lilienweiß , man hätte sich versucht fühlen können , seine Lebenswärme zu bezweifeln , hätten nicht die blauen Augen in einem wundersamen Ausdrucke geleuchtet . Diese Augen mit diesem Ausdrucke aber waren auf das Gesicht eines Mannes gerichtet , der , gegenüber sitzend , ihr vorzulesen schien . Elisabeth konnte sein Gesicht nicht sehen , denn er wendete ihr den Rücken zu . Er schien jung , groß und schlank zu sein und hatte üppiges dunkelblondes Haar . » Ist die reizende Dame da drunten die Baronin Lessen ? « fragte Elisabeth gespannt . Der Oberförster nahm das Perspektiv . » Nein , « sagte er , » das ist Fräulein von Walde , die Schwester des Besitzers von Lindhof . Du nennst sie reizend , und ihr Kopf ist es auch , aber ihr Körper ist krüppelhaft - sie geht an der Krücke . « In diesem Augenblicke trat Frau Ferber hinzu . Auch sie sah durch das Glas und fand das Gesicht der jungen Dame überaus lieblich ; sie hob besonders den Ausdruck von Seelengüte hervor , der » die Züge verkläre « . » Ja , « sagte der Oberförster , » gut und mildthätig soll sie auch sein . Als sie hierher kam , war die ganze Umgegend ihres Lobes voll ... Aber auch darin hat sich das Blättchen sehr gewendet , seit die Baronin Lessen das Regiment im Hause führt ... Da kommt kein Almosen mehr unter die Armen , das nicht erst mit dem Muckertum auf der Goldwage gelegen hätte ... Wehe dem armen Bittsteller , er kriegt keinen Pfennig Unterstützung , und noch spitze Bemerkungen obendrein , wenn es sich nämlich herausstellt , daß er lieber beim Pfarrer in Lindhof die Predigt hört , als in der Schloßkapelle , wo ein Kandidat - der Hauslehrer der Baronin - allsonntäglich Feuer und Schwefel und alle erdenklichen Höllenqualen von der Kanzel herab auf die Häupter der Gottlosen schleudert .