Kranker , der nach Gesundheit schmachtet , wie ein eingefangener Vogel , der sich nach Freiheit sehnt . Das Unglück geliebter Menschen rührt uns tausendmal mehr , als unser eigenes , und die Last , die Berger bei sich selbst kaum noch beachtet , wird ihm unerträglich dünken , sobald er sie auf den Schultern eines Andern sieht , den er liebt . Denn , ich wiederhole es , nur so ist diesem Manne beizukommen . Gegen Vernunftgründe ist er , der scharfsinnige Denker , der alle Philosophen in- und auswendig kennt , in einen undurchdringlichen Harnisch gehüllt . Gegen einen Beweis von der Würde und Realität des Lebens bringt er Ihnen zehn andere , die das Gegentheil darthun ; und wo Sie ein Haar spalten , spaltet er das gespaltene noch einmal . Uebrigens brauchen Sie nicht zu fürchten , daß er Sie , wie sonst wohl , in philosophische Dispüte verwickeln wird . Die Wissenschaft , aus der er sonst in so vollen Zügen trank , ist ihm ein Gräuel ; er mag nichts davon hören und sehen . Und nun noch eins : wie lange gedenken Sie in Fichtenau zu verweilen ? Vier bis fünf Tage höchstens . Sehr gut ; ich wollte Sie eben bitten , Ihren Besuch nicht länger auszudehnen . Es handelt sich darum , auf Berger einen bedeutenden Eindruck zu machen , und zu der Freude , Sie wiederzusehen , muß der Schmerz kommen , Sie so bald wieder zu verlieren . Vielleicht , daß wir ihn so in die Welt zurück locken , von der er sich jetzt voll Ekel abwendet . Ist Berger von meiner Ankunft unterrichtet ? Nein ; ich wollte auch die Ueberraschung zu Hülfe nehmen . Damit wir den Eindruck ganz rein haben , werde ich Sie nicht zu ihm begleiten . Sie werden mir dann ja erzählen , wie er Sie empfangen hat . Er pflegt um diese Zeit seinen Spaziergang in die Berge zu machen , den er manchmal bis in den Abend ausdehnt . Ich lasse ihn ganz frei gewähren , da jede Restriction schädlich sein würde , wie es denn überhaupt jetzt nur noch sein freier Wille ist , der ihn hier hält . Begleiten Sie ihn auf diesem Spaziergange , die Herzen erschließen sich unter dem Himmelsdome leichter , als unter einer Zimmerdecke . Noch eins ; fuhr Doctor Birkenhain fort , während sie sich von ihren Plätzen erhoben ; Sie werden Berger auch in seinem Aeußern verändert finden ; suchen Sie auch da , mit aller Schonung natürlich , einzuwirken . Solche scheinbare Kleinigkeiten sind von der größten Bedeutung ; ein fehlender Handschuhknopf kann einen Dandy um seine gute Laune bringen und wir haben eine andere Stimmung im Schlafrock und eine andere im Frack . - Nun wollen wir gehen , wenn es Ihnen recht ist ; ich will Sie selbst bis an Bergers Thür bringen . Die beiden Herren gingen aus dem Empfangszimmer auf den mit Steinfliesen ausgelegten Flur , die breiten steinernen Treppen hinauf , durch hohe , helle , luftige Corridore . Es begegneten ihnen mehrere Personen , die Oswald nicht für Kranke gehalten haben würde , wenn Doctor Birkenhain es ihm nicht gesagt hätte ; so vernünftige Antworten gaben sie auf die hingeworfenen Fragen des Arztes . In diesem Flügel ist die Station für die leichtesten Kranken , sagte Doctor Birkenhain ; bei dem schönen Wetter sind die meisten im Garten , oder auf dem Hofplatz . - - Wie geht ' s , Herr Commerzienrath ? Danke , Herr Doctor ! erwiderte der Angeredete , ein außerordentlich wohlhäbig aussehender Mann , der mit einer Gießkanne in der Hand vorüberging ; danke ; es würde ganz gut gehen , wenn - Der Commerzienrath trat mit einem Blick auf Oswald dem Doctor näher und flüsterte ihm etwas in ' s Ohr , wovon Oswald nur die Worte : Bündel Heu - in der Seite - verstehen konnte . O , das ist das Wenigste , erwiderte Birkenhain in einem Ton , dessen Zuversichtlichkeit für den größten Hypochonder überzeugend sein mußte , das wollen wir schon weg kriegen . - Der Kranke drückte seinem Arzt dankbar die Hand und entfernte sich , augenscheinlich über den glücklichen Ausgang seines vermeintlichen Leidens beruhigt und getröstet . Ich wollte , Bergers Fall wäre so leicht wie dieser , sagte Doctor Birkenhain , während sie in dem Corridor weiter schritten ; aber mit Pillen und Latwergen ist seiner Krankheit nicht beizukommen . So , nun gehen Sie den Corridor zu Ende , die letzte Thür links ist Bergers . Ich bin äußerst begierig , was Sie mir zu erzählen haben werden . Wollen Sie morgen bei mir speisen ? Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen , Sie meiner Frau vorzustellen . Um drei Uhr . Ist ' s Ihnen recht ? also à revoir ! Doctor Birkenhain reichte Oswald die Hand und trat in eine der Thüren , an denen sie eben vorbeigekommen waren . Oswald ging den Corridor allein zu Ende , voll von dem bedeutenden Eindruck , den der Mann , welcher ihn so eben verlassen , auf ihn gemacht hatte , und zugleich voll Unruhe über die Rolle , die ihm zugetheilt war . Er sollte in Berger die Freude an einem Leben wiedererwecken helfen , das für ihn selbst beinahe alles Interesse verloren hatte ! War er unter Allen nicht der am wenigsten zu einer solchen Mission Geeignete ? Und doch hatte er sie übernommen ! Er mußte sie ausführen ! Oswald kam an die bezeichnete Thür . Auf der braunen Täfelung stand mit Kreide und offenbar von Bergers Hand geschrieben : Lasciate ogni speranza , voi ch ' entrate ! Ein Schauer durchrieselte Oswald . Er blieb unschlüssig vor der Thür stehen , bevor er es über sich gewinnen konnte , zu klopfen . Er lauschte , ob sich nichts drinnen rege ; er hörte nichts . Endlich faßte er sich ein Herz und klopfte mit fester Hand