bei den beiden Stationen , die sie hinter sich hatten , jedesmal beim Weiterfahren der junge Mann einen Anflug von Zutraulichkeit bekam und ihre Hand ergreifen wollte , zog sie sie zurück . In dem zornigen Temperament , das ihrem Blute eigen schien , bei dem schwachen » Talent zur Treue « , wie sie es selbst nannte , überlegte sie schon bei den ersten ahnungsvollen Blicken in die nächste Ferne , ob denn in der That nicht Amerika auch zu weit liegen möchte ; denn nach ihrem Princip mochte sie hier in jedem Dorfe gleich halten und in jedem Schlosse gleich die Leute kennen lernen . Den Bitten des nur mit seiner Kassette beschäftigten Oskar , im Wagen zu bleiben , gab sie kein Gehör . Der Weg ging bergauf , der Postillon schritt auch zu Fuß und sie wollte sogar noch weiter links in den Buchenwald hinein . Das dort noch gehäufte Laub vom vorigen Jahre lockte sie . Das raschelte so gleichförmig zu ihren Füßen hin , und sie wollte dabei an Amerika und das große Weltmeer denken , das sie mit dem jungen Manne und seiner thörichten Liebe zu ihr zu durchschiffen hatte . Und wie gebieterisch er schon wurde ! Er rief einmal über das andere in englischer Betonung : Mary ! Mary ! Als wenn auch er ihren Namen Lucinde zu verleugnen hätte ! Sie staunte dabei , daß Oskar , wie sie bei den zurückgelegten Stationen schon bemerkt zu haben glaubte , sich mit den Posthaltern und Wagenmeistern in gebrochenem Deutsch unterhielt . Mehr aus gereiztem Spott als aus guter Laune war es , daß sie von ihrem Laubmeer , das ihr bis an die Knöchel ging , zur Landstraße hinüber antwortete : Yes , my dear ! Yes , my dear ! Die englische Conversation that Oskar ' n wohl und schien zu seiner Beruhigung zu dienen . Während der Postillon horchend mit seinem Birkenzweig die Gäule kitzelte , fing jener laut einen englischen Discurs an , der im Walde hüben und drüben nachschallte . Lucinde verstand ihn freilich nicht mehr als der Postillon ; sie sagte immer nur : Yes , my dear ! Yes , my dear ! Ihr Augenmerk war auf Eichkatzen gerichtet , deren sie nicht wenige aus dem Laube , unter dem noch manche vorjährige Buchecker lag , aufschreckte . Wie sie so hin- und herrannte und die Thierchen die Stämme hinaufschossen , mußte sie sonderbarerweise der längst vergessenen und aus der Stadt entschwundenen Frau Hauptmännin von Buschbeck gedenken . Diese stand ihr plötzlich in dem Nachtkamisol mit der großen Haube über der Nase und dem aufgebundenen Unterrock vor Augen und vergegenwärtigte ihr besonders den Moment , wenn sie auf den Mäusefang ging . Fand nämlich Frau von Buschbeck auf ihrem Boden der Kartoffeln zu viele zernagt , so hatte die seltene Frau auch das Talent , Mäuse aus freier Hand zu fangen . Lucinde war ihr oft nachgeschlichen , wie sie auf der Hühnersteige , die zum Dache führte , auf der Lauer lag , listig um sich blickte und mit raschem Griff sich eines ihrer Opfer bemächtigte . Hing dann am Morgen in der Küche immer ein halb Dutzend Mäuse an den Schwänzen aufgereiht und hätte die Jägerin gesagt , es wäre ein Vorurtheil , so reinliche und leider von den besten Dingen sich nährende Thierchen nicht zu speisen , in den ersten Wochen , wo Lucinde von Langen-Nauenheim zu ihr gekommen war , hätte sie voll staunender Bewunderung und in ihrer » damaligen Dummheit « nicht widersprochen , sondern sie auf Befehl gegessen , gesotten oder gebraten , wie die Frau Hauptmännin nur gewollt . Warum ihr aber das gerade jetzt so entgegenkam ? Hier im Walde ? In dieser Einsamkeit ? Sie sah die Alte deutlich , sie sah sie zwischen den Bäumen hinhuschen und Mäuse fangen ; sie mußte sich schütteln ; sie kannte sich noch darauf nicht , was es ist , vom Fieber durchschauert zu werden . Sie war vor Aufregung seit gestern Abend mit dem Lockenbrennen und Frühaufstehen und » nach Amerika Reisen « nicht zur Ruhe gekommen und eine Krankheit drohte . Der junge Anglo-Amerikaner merkte nicht , wie gespenstisch blaß sie sah , als sie mit hängenden Locken über das raschelnde Buchenlaub zu ihm zurückkehrte und in den Wagen stieg , der jetzt bergab und schneller fuhr . Nur wieder seine Kassette , sein gedrucktes Reisehandbuch und die Entfernung bis zur nächsten Station hatte er im Kopfe . Eine wundervolle Gegend ! sagte er dann einmal ganz gedankenlos und bemerkte kaum , wie sich Lucinde in die Ecke des Wagens drückte , seinen Plaid um sich zog , den er ihr schon nach der zweiten Station übergelegt hatte , als es sie dort schon trotz der Schwüle des geschlossenen Wagens fröstelte . Ich will schlafen ! sagte sie jetzt und zog den Plaid bis über die Stirn . Hätte der Entführer eines den wunderlichen Widerspruch von Gescheidt und in vielem noch völlig Beschränkt verbindenden Mädchens Gefühl gehabt für irgendetwas anderes als die Sorge , für seine Reise einen großen Vorsprung zu gewinnen , so hätte er bemerken müssen , wie ihr Antlitz in Wachs sich verwandelt hatte , ihre Lippen bebten , ihre Hände schlaff hingen , das Kleid sich verschob und die Schultern marmorkalt hervorsahen . Es war auch wol ein solches Fieber , wie man es nach geistigen wie leiblichen Geburten hat . Sie begriff allmählich , wie es doch mit dieser schnellen Reise zusammenhängen mochte . Oskar Binder hatte Ursache zur Eile . Lucinde war , einfach in die Sprache der täglichen Welt übersetzt , erstens von ihm entführt , und zweitens war sie es von einem Diebe . Daß sie in ihrem Zustande keine Erquickung , keine Mittagsrast begehrte , kam dem Flüchtling ganz genehm . Er eilte nur und wetterte auf allen Stationen im geläufigsten Englisch oder gebrochenen Deutsch . Gegen Mittag kaufte er kalte Küche , sie im Wagen zu verzehren