jetzt ein stillsingender Vogel , « dachte sie und Niemand als die Sonne sah wie das Kind noch lange vor sich hinlächelte . Tag auf Tag lebte Amrei so dahin , stundenlang konnte sie träumerisch zusehen , wie der Schatten vom Gezweige des Holzbirnenbaums sich von dem Winde auf der Erde bewegte , daß die dunkeln Punkte wie Ameisen durcheinanderkrochen ; dann starrte sie wieder auf eine feststehende Wolkenbank , die am Himmel glänzte , oder auf jagende flüchtige Wolken , die einander fortschoben . Und wie draußen im weiten Raum , so standen und jagten , stiegen und zerflossen auch in der Seele des Kindes allerlei Wolkenbilder , unfaßlich und nur vom Augenblick Dasein und Gestalt empfangend . Wer aber weiß , wie die Wolkenbildungen draußen in der Weite und im engen Herzensraum zerfließen und sich wandeln ? Wenn der Frühling anbricht über der Erde , du kannst nicht fassen all das tausendfältige Keimen und Sprossen auf dem Grund , all das Singen und Jubeln auf den Zweigen und in den Lüften . Eine einzige Lerche fasse fest mit Aug und Ohr , sie schwingt sich auf , eine Weile siehst du sie noch wie sie die Flügel schlägt , eine Weile unterscheidest du sie noch als dunkeln Punkt , dann aber ist sie verschwunden dem Auge und auch dem Ohr . Du hörst nur noch ein Singen und weißt nicht von wannen es kommt . Und könntest du nur einer einzigen Lerche im freien Raum einen ganzen Tag lauschen , du würdest hören , daß sie am Morgen , am Mittag und am Abend ganz anders singt ; und könntest du ihr nachspüren vom ersten zaghaften Frühlingsjauchzen an , du würdest hören , wie ganz andere Töne sie im Frühling , im Sommer und im Herbst in ihren Gesang mischt . Und schon über den ersten Stoppelfeldern singt eine neue Lerchenbrut . Und wenn der Frühling anbricht in einem Menschengemüthe , wenn die ganze Welt sich aufthut , vor ihm , in ihm , du kannst die tausend Stimmen , die es umfließen , das tausendfältige Knospen auf dem Grunde und wie es immer weiter gedeiht , nicht fassen und festhalten . Du weißt nur noch , daß es singt , daß es sproßt . Und wie still lebt sich ' s dann wieder , wie eine festgewurzelte Pflanze . Da ist der Wiesenzaun beim Holzbirnenbaum , die Schlehen blühen früh auf und werden nur selten zeitig . Und welch eine schöne Blüthe hatte die Mehlbeere , wie kräftig duftete das und jetzt sind schon kleine Birnen daraus geworden und schon färben sie sich roth und auch die giftige Eimbeere beginnt schon schwarz zu werden . Es kommen jene hellen , schnittreifen Erntetage , wo der Himmel so wolkenlos blau , daß man oft den ganzen Tag den Mond wie ein feingezirkeltes Wölkchen am Himmel sieht . Draußen in der Natur und im Menschengemüth ist es wie leises Athemanhalten vor einem Ziele . Das war bald ein Leben auf dem Wege , der durch den Holderwasen führt ! Schnellrasselnd fuhren die leeren Leiterwagen dahin und darauf saßen Frauen und Kinder und lachten , auf- und niedergehoben vom Schüttern des Wagens wie vom Lachen , und dann fuhren die garbenbeladenen Wagen leise und nur manchmal krächzend heimwärts und Schnitter und Schnitterinnen gingen nebenher . Amrei hatte von der reichen Ernte fast nicht mehr als ihre Gänse , die sich manchmal in kecker Zudringlichkeit an die beladenen Wagen herandrängten und eine herunterhängende Aehre abrauften . Wenn das erste Stoppelfeld draußen im Feldgebreite sich aufthut , kommt bei aller Freude über den eingeheimsten Erntesegen doch auch ein gewisses Bangen in das Menschengemüth : die Erwartung ist Erfüllung geworden , und wo alles so wogend stand , wird es nun kahl . Die Zeit wandelt sich . Der Sommer wendet sich zur Neige . Der Brunnen auf dem Holderwasen , in dessen Abfluß sich die Gänse behaglich tummelten , hatte das beste Wasser in der Gegend und die Vorüberziehenden versäumten selten , an der breiten Röhre zu trinken , während ihr Zugvieh indeß vorauslief ; sich den Mund abwischend und den Davongeeilten nachschreiend lief man ihm dann nach . Andere tränkten vom Feld heimkehrend hier Zugvieh . Amrei erwarb sich die Gunst vieler Menschen durch einen kleinen irdenen Topf , den sie sich von der schwarzen Marann ' erbettelt hatte , und so oft nun ein Vorüberziehender sich nach dem Brunnen begab , kam Amrei herbei und sagte : » Da könnet Ihr besser trinken . « Bei Rückgabe des Topfes ruhte mancher freundliche Blick bald länger bald kürzer auf ihr und das that ihr so wohl , daß sie fast böse wurde , wenn Leute vorübergingen ohne zu trinken . Sie stand dann mit ihrem Topfe beim Brunnen , ließ voll laufen und goß aus und wenn all dieses Zeichengeben nichts half , überraschte sie die Gänse mit einem unverhofften Bade und überschüttete sie . Eines Tages kam ein Bernerwägelein mit zwei stattlichen Schimmeln daher gefahren , ein breiter oberländischer Bauer nahm den Doppelsitz fast völlig ein . Er hielt am Weg und fragte : » Mädle ! hast du nichts , daß man da trinken kann ? « » Freilich , ich hol ' schon . « Behend brachte Amrei ihr Gefäß voll Wasser herbei . » Ah ! « sagte der Oberländer , nachdem er einen guten Zug gethan und absetzte , und mit triefendem Munde fuhr er dann , halb in den Krug hinein sprechend , fort : » Es giebt doch in der ganzen Welt kein solches Wasser mehr . « Er setzte wieder an und winkte dabei Amrei , daß sie still sein solle , denn er hatte eben wieder mächtig zu trinken begonnen , und es gehört zu den besondern Unannehmlichkeiten , während des Trinkens angesprochen zu werden . Man trinkt in Hast und spürt ein Drücken davon . Das Kind schien das zu verstehen und erst nachdem der Bauer den Krug zurückgegeben , sagte