gegebenen Erlaubniß , welche Clara dadurch bestrafte , daß sie ihre Hand hastig wegzog , flüchtig gute Nacht rief und die Thüre hinter sich zudrückte und verschloß . Der junge Mann blieb noch einen Augenblick auf der Schwelle stehen , blickte an dem Hause hinauf , ohne irgend etwas ihn Anziehendes zu sehen , als ein matt erleuchtetes Fenster droben hoch in dem Giebelfelde . Nachdem er dieses eine Weile betrachtet , und nachdem es ihm geschienen , als bewege sich ein weißer Vorhang an diesem Fenster , gerade so , als öffne Jemand die Thüre und trete in ' s Zimmer , verließ er seinen Standort und ging dann in der That höchst zufrieden seiner Wege . Clara war unterdessen die dunklen Treppen hinaufgestiegen , hatte ein wahres Labyrinth von finsteren Biegungen und schmalen Gängen hinter sich gelassen und erreichte nun den vierten Stock , wo sie nach einigem Suchen mit der Hand eine Thüre fand , die sie geräuschlos öffnete . Sie trat in ein unerleuchtetes Zimmer , doch hatte sie vor sich eine andere Thüre , durch deren breite Spalten und Risse einiges Licht in dies erste Gemach fiel , hier eine zweifelhafte Helle verbreitend , bei welcher man einen kleinen Tisch entdeckte , auf dem etwas Bettwerk lag , über welche man ein weißes Tuch gebreitet hatte . Clara ging auf den Zehen durch dieses Zimmer , öffnete die andere Thüre und trat in das Wohnzimmer der Familie , welches dem geneigten Leser näher zu beschreiben wir genöthigt sind . Es war dies ein ziemlich großes und kahles Gemach mit schiefen Seitenwänden , welche der Stellung des Daches folgten , und einem einzigen Fenster , das wir schon von unten beobachtet haben . Das Meublement bestand aus einem großen eisernen Ofen , von dem übrigens , der wenigen Wärme im Zimmer nach zu urtheilen , ein sehr bescheidener Gebrauch gemacht wurde ; neben demselben stand in einer Ecke ein Schreibtisch , das heißt , ein großer Tisch mit Büchern und Papieren aller Art bedeckt , hinter demselben befand sich ein Stuhl , auf welchem ein Kissen von rothgestreiftem Zeug lag ; in einer anderen Ecke war ein gewöhnliches Bett und ein Kinderbett . Unter dem einzigen Fenster stand ein Tisch und ein paar Stühle , daneben eine große alte Kommode , über welcher ein Spiegel hing . Sonst bestanden die Verzierungen sämmtlicher Wände aus einem Crucifix mit halb vertrocknetem Zweig über dem großen Bette , sowie aus dem Portrait einer berühmten Tänzerin , das dieselbe bei ihrer Anwesenheit einer Jeden vom Ballet zum Geschenk gemacht hatte . In dem Zimmer befanden sich zwei kleine Kinder , ein Mädchen von sechs und ein Bübchen von vier Jahren , die zusammen in dem kleinen Bette lagen - Clara ' s Stiefgeschwister , und ihr und Clara ' s Vater , ein alter Mann , der an dem Schreibtische stand und im Begriffe war , sich eine Feder zu schneiden , wobei er gerade den Kindern einige Ermahnungen zurief , da sie nicht einschlafen wollten , sondern sich unruhig hin und her warfen . Als Clara in das Zimmer trat , wurde ein Weinen , das aus der Ecke kam , wo die kleine Bettlade stand , plötzlich unterdrückt . Der alte Mann trug einen langen blauen , fadenscheinigen Rock , den er bis zum Halse zugeknöpft hatte , gelbe Sommerhosen , obgleich es Winter war , und ein paar große , dicke Hauspantoffeln . Trotzdem er auf der Nase eine Brille hatte , mußte er doch die Finger mit der Feder ganz nahe vor die Augen halten , um den Spalt abknixen zu können . » Seid nur ruhig , seid nur ruhig , « sagte er gegen das Bett gewendet ; » eure Leiden sind noch klein , theilweise eingebildet ; ihr steigt den Berg aufwärts und könnt schon einigermaßen Mühseligkeiten ertragen , da ihr dereinst Hoffnung auf eine schöne Aussicht habt . Uebrigens kann ich euch wahrhaftig nicht helfen und ihr müßt schon warten bis die Clara kommt , unser aller Hort und Stern . « Darauf erfolgte das Weinen , von dem wir oben gesprochen , und wurde unterdrückt beim Eintritt der jungen Tänzerin . » Ah ! da ist sie ja ! « sprach der alte Mann . » Grüß dich Gott , liebe Clara . Du kannst auch jetzt wieder eine Trostspenderin sein ; die beiden kleinen Geschöpfe da haben allerlei Kummer , den sie dir anvertrauen werden . « Bei diesen Worten ließ er sich auf das Kissen von gestreiftem Zeug nieder , schob das Schreibpapier zurecht , murmelte : » Seite zweiundvierzig , « und machte sich wieder an seine Arbeit . Die beiden kleinen Kinder hatten sich beim Eintritt der Schwester aufrecht in ihr Bettchen gesetzt und schauten aufmerksam und mit leuchtenden Augen allen Bewegungen derselben zu , wie sie ihr großes Tuch ablegte und ihre Pakete , und wie sie darauf das Weißbrod auf den Tisch unter dem Fenster legte . Namentlich das letzte Manöver schien ihren vollen Beifall zu erringen , denn während das kleine Mädchen blos ihren Mund spitzte , sagte der Knabe halblaut und mit lächelndem Gesicht und indem die Thränenfluth auf seinen Wangen plötzlich stockte : » Ein Brod ! ein Brod ! « Clara trat an den Tisch , wo ihr Vater emsig schrieb , und bot ihm einen guten Abend . » Bist du noch immer am Schreiben ? « sagte sie . » Es ist schon spät , Vater ; du solltest deine Augen schonen . « » Ei , mein liebes Kind , « entgegnete heiter der alte Mann , » vor Thorschluß oder vor dem Läuten der Abendglocke legt man nicht die Hände in den Schooß , es kommt ja nächstens doch eine lange , lange Zeit , wo ich meine Augen schonen kann und muß , deßhalb will ich sie jetzt noch ein Bischen gebrauchen . - Aber siehst du , Clara , « fuhr er sich emporrichtend fort