kennen , und seine Augen flogen von der einen zur andern Stelle . Sie trat näher ; auch da keine Regung . Mit unterschränkten Armen betrachtete sie ihn . - Ist das ein Mensch oder eine Pagode ? - Sie schritt langsam im Kreis um ihn , ohne sich zu sehr Mühe zu geben leis aufzutreten ; aber die mit Heu dicht unterstopfte Decke verrieth sie nicht . In einem Moment war es ihr , als ob sie auflachen müsse ; im nächsten , als müssten die Thränen ihr aus den Augen stürzen . Sollte sie ihn anreden ? Das hieße einen Nachtwandler aus seinem Traum aufrufen . Erst als sie sich wandte , um hinauszugehen , wehte er mit der Hand . Es war als ob instinktartig eine Ahnung ihn überkommen , daß ein Wesen in der Nähe sei , das ihn stören könnte . Leise hatte sie die Thür wieder zugedrückt . Durch das Flurfenster schien der Mond auf die Rumpelkammer , durch die der Weg nach ihrem Schlafzimmer führte . Die wunderlichen Ecken und Spitzen der alten Möbeln starrten sie im Mondenlicht eigenthümlich an . Es überfuhr sie ein Schauer , sie lachte , um sich Luft zu machen , hell auf . Aus den Winkelu schien es ihr zu antworten . Die Jungfer hatte die Nachtlampe in ihrer Schlafstube hingestellt . Der Geheimräthin war es zu dunkel . Sie musste die Kerzen auf dem Armleuchter anzünden . Sie war beim Entkleiden ungehalten , sie behauptete , die Jungfer verfahre mit Absicht ungeschickt . Sogar entfuhr der sanften Frau der Vorwurf : sie steche sie aus Bosheit . Die Jungfer weinte . Die Geheimräthin hielt ihr eine ernste Vorhaltung , ob das ein Grund sei , um Thränen zu vergießen ? Sie erinnerte sie an die vielen leidenden Kreaturen , denen der Schöpfer nicht einmal eine Stimme gegeben , um zu klagen . Wenn Jeder klagen wollte , was ihn drückte , ob es in der Welt vor Gewimmer und Thränen auszuhalten sei ! Die Geheimräthin fragte sie mit Würde , ob sie glaube , daß die armen Mädchen mehr litten als die vornehmen Damen , die ihre Schmerzen verhalten müssten ? Sie ermahnte sie zur Duldung , zum Gehorsam , zur Tugend , und entließ sie . Die moralische Vorhaltung schien auf die Predigerin selbst keine Rückwirkung geübt zu haben . Sie saß entkleidet an ihrem Bett , das Gesicht im Ellenbogen gestützt , und starrte in die Lichtschnuppen der Kerze . Da fiel ihr Auge , den Lichtstrahlen folgend , auf ein Spinnengewebe am Winkel der Zimmerdecke . Es war Freitag . Das Reinigungsgeschäft sollte erst am Sonnabend erfolgen . Die dicke Spinne , die sie heut nicht zum ersten Male bemerkt , lag schlafend in der Mitte des Raubnetzes , das sie ausgespannt , gesättigt und erschlafft , schien es , von dem Mordgeschäft , worauf die todten Fliegen im Netz deuteten . Die Geheimräthin stand auf und nahm den Armleuchter . Ihre Augen waren scharf , ihr Arm aber reichte nicht bis an die Decke . Ein Kitzel , die Nemesis zu spielen , überkam sie . Die Bäume im Hofe , vom Winde bewegt , schlugen gegen das Fenster . Das war doch keine warnende Stimme ! Es war ja kein Unrecht , ein solches mörderisches Ungeziefer zu vertilgen , das selbst seine Netze ausspannt zur Vertilgung seiner Mitgeschöpfe . Sie holte einen Stuhl . Auch der war zu niedrig . Sie schleppte mit Anstrengung einen Tisch heran . Warum that sie es mit angehaltenem Athem , warum bemühte sie sich , ja kein Geräusch zu machen ? Warum schlich sie auf den Zehen , da sie schon in bloßen Füßen ging ? Warum pochte ihr Herz , als sie auf den Stuhl und vom Stuhl auf den Tisch stieg ? Die Spinne regte sich nicht . Nur das Gewebe schaukelte etwas , wie eine Hängematte vom Hauch des Lichtes angeregt . Draußen rauschten wieder die Aeste . Hätten sie die Spinne geweckt , vielleicht hätte die Geheimräthin sie geschont . Was schonen ! Morgen vollbrachte es der Besen der Magd . Wer ihr ins Gesicht gesehen , wie die Augen glänzten , die Lippen sich krampfhaft verzogen ! Jetzt war ' s geschehen . Ein Knistern . Die Spinne , zusammenglühend , schien sich einmal zu krümmen , dann flackerte das Netz in leichten Flammen auf und der verkohlende Körper schwebte nieder . Die Geheimräthin schloß , krampfhaft zurückfahrend , die Augen , als sie einen heftigen Schmerz empfand . Die schief gehaltene Kerze hatte einen heißen Wachstropfen auf ihren bloßen Fuß gespritzt . Die Aeste rauschten zum dritten Mal . Es war der Grabesgesang . » Die hat ausgelitten ! Sie empfindet keinen Schmerz mehr ! Und wie leicht und schnell ! « sagte die Geheimräthin . Ihr Fuß musste ja noch morgen bei der zarten Komplexion ihres Körpers empfindlich schmerzen . Jetzt aber schmerzte er sie nicht . Sie empfand ein Wohlbehagen , das der Empfindung eines Rausches verwandt war . Sie hatte eine Kreatur , die doch zum Tod verdammt war , rascher aus der Welt geschafft , als es morgen der stumpfe Besen der gefühllosen Magd gethan hätte . Und im Schlaf ! Sie hatte ihr einen seligen Tod bereitet . Sie suchte noch mehr Spinnen ; aber im Zimmer war keine mehr zu entdecken . Dagegen hingen an den Wänden unzählige Fliegen , die der regnerische Tag hineingetrieben . Noch vorsichtiger schlich sie auf den Zehen heran , und es glückte ihr , die erste , zweite , auch eine dritte durch das schnell angehaltene Licht zu tödten . Morgen würden sie langsam , unter furchtbaren Qualen am Fliegenstock verenden ; jetzt im Lichtschein , im Taumel , waren sie einen Augenblick erwacht und verglüht . So musste auch Semele in einem Moment glückselig und todt sein , angeleuchtet von Zeus ' Lichtglanz und verbrannt von der Wonne - dachte die Geheimräthin . Aber nicht alle