. Hand in Hand gingen Beide endlich hinüber zur Generalin Geiersperg : Josephine hatte dem Wunsch ihres verstorbenen Gemahls zufolge dem edeln Freunde ihre Hand gereicht . Der erste Augenblick des Wiedersehens war tief erschütternd , Josephine hatte während Leontinens Abwesenheit den Tod der Bürgermeisterin erfahren . Als Anna das Haupt aus der Umarmung der mütterlichen Freundin erhob , an deren Brust sie lange leise geschluchzt , bemerkte sie einen jungen Offizier des Freiwilligencorps , der neben ihnen stand und sie mit tiefer Theilnahme betrachtete . Sieh ' , Anna , sagte Josephine , das ist mein Bruder , von dem ich dir so oft erzählt , den ich bei meiner Heirath mit Waldau als kleinen Knaben verließ ; es ist , glaub ' ich , eigentlich mein Sohn , fuhr sie lächelnd fort , indem sie mit den Fingern über seine schönen braunen Locken hinstrich ; er könnte es wenigstens den Jahren nach wol sein . Anna machte einen halbverlegenen Knicks und schlug die Augen nieder - dann eilte sie mit Leontinen fort . Das ist ein wunderbar schönes Mädchen , flüsterte der junge Mann , der bereits Verschwundenen immer noch nachsehend . Leontine war dreizehn Jahre alt und noch ganz und gar ein Kind . Sie hatte alle ihre Puppen und all ihr Spielzeug mitgebracht , das sie nun vor Annen ausbreitete . Anna sah wie ihr Schutzengel aus , als sie so ernst und freundlich neben der am Boden Knienden stand , die immer neue Herrlichkeiten aus einem Köfferchen hervorzog . Sie dachte unwillkürlich an Madame Sophie . Und weißt du denn nicht , wo jetzt Duguet ist ? fragte sie Leontinen . Ach , sagte diese , seit vielen Monaten haben wir nichts mehr von ihm gehört . Er hatte in Dresden Sophien nicht gefunden , und der gute Mann ist nun bei unsern Feinden , bei den Franzosen , - wer weiß , ob er nicht mit gegen uns fechten muß . Anna sah mit einem Male so mitleidig und traurig aus , daß der junge Offizier , der eben mit Josephinen eingetreten war , laut ausrief : Aber das Mädchen ist ja wirklich ein Engel ! Die Kinder hörten es nicht , sie waren zu sehr miteinander beschäftigt . Josephine blieb nur wenige Tage , sie ordnete ihre Geschäfte und den Verkauf des größeren Theils ihrer Mobilien , packte ihre Kunstschätze und bereitete sich vor , nach Berlin zu gehen , wo sie Geiersperg erwarten sollte . An dem glücklichen Ausgange des Kriegs zweifelte damals schon Niemand , man zitterte nur der Opfer wegen , die er vom Einzelnen fordern mußte . Roderich , der Generalin Bruder , hatte schon am folgenden Tage Weimar verlassen , er war zu seinem Regiment zurückgeeilt . Auch Otto hatte nach Jena zurückgemußt , und zwar ohne Annen wiedergesehen zu haben , die Josephine den ganzen Tag bei sich behalten hatte . Aber er gönnte der Geliebten den ihr wie vom Himmel zugefallenen Trost des Wiedersehens ihrer theuern Freunde und trug sein Herz voll himmlischer Träume und Hoffnungen nach Jena hinüber . Mit brennender Sehnsucht erwartete er dort den nächsten Sonnabend , an dem er wieder nach Weimar zu kommen gedachte ; er hatte keinen rechten Muth zum Schreiben , denn die erste Liebe macht ja des Jünglings Herz schüchtern , wie das der Jungfrau . Auch hatte sein Gefühl plötzlich die Welt zur Ewigkeit ausgedehnt , zu der hinüber die Liebe tausend Brücken schlug ; was galten ihm acht Tage , blieb sie ihm von nun an auf immer ! Josephine ging am nächsten Morgen zum Bürgermeister , was noch nie geschehen war , und blieb zwei volle Stunden bei ihm . Als sie aus seinem Zimmer trat , sprang ihr Anna entgegen , sie drückte das schöne Kind freundlich an ' s Herz und sagte weich und innig : Liebe Anna , du gehst mit uns nach Berlin ; dein Vater hat mir erlaubt , dich auf ein Jahr mitzunehmen . Anna zitterte und weinte vor Schmerz und Glück , sie umarmte bald Josephinen , bald ihren Vater , Leontine jauchzte und tanzte im ganzen Hause umher , sie war außer sich vor Freude . Gerade acht Tage nach dem Begräbniß der Bürgermeisterin reisten sie ab ; Anna schrieb einen herzlichen , ja fast zärtlichen Abschiedsbrief an Otto ; des letzten Gesprächs erwähnte sie mit keinem Wort . Als er das Blatt gelesen , packte Otto sein Ränzel und verließ Jena . Der alte greise Vater erfuhr es erst hinterdrein und mußte das einmal Geschehene ertragen , wenn er es auch nicht gutzuheißen vermochte . 1822 An einem der bis zur Erde hinabreichenden Balkonfenster , die eine Eigenthümlichkeit der Bauart des alten Berns sind , saß eine elegant gekleidete junge Frau und blickte gedankenschwer vor sich hin in die klare Gebirgsweite . Die Alpengipfel begannen aufzuleuchten , im Thal war die Sonne bereits verschwunden ; das lichte Grün der vorliegenden Unterberge ward noch einen Augenblick von ihrem schwachen Widerschein erhellt , im Hintergrunde der Landschaft aber , da wo sich die Hügelkette weitete und hob , färbten sich die mattern Abendtinten zu tieferem Purpur , violett und blau ; - langsam rollte die Dämmerung ihr Dunkel darüber hin , und hell und heller durchflammten es die rosigen und goldgelben Spitzen der Gletscher . Die beiden Eiger , die Breiten- und Blümelisalp , eine nach der anderen erglühte ; nur das finstre Aarhorn streckte über seine Schneescheitel noch zwei schwarze Felsspitzen in den heitern Abendhimmel , deren gerad ' ansteigende Flächen keine Schneedecke dulden . Alle diese Herrlichkeit überflog das ernste Auge der schönen Frau , dann schaute es so fest in sie hinein , als ob es noch darüber hin in ' s Weite sähe . Sie hatte den einen Arm auf die eiserne Balustrade gestützt ; der liebliche Kopf ruhte in der schmalen , von blonden Locken überflossenen Hand . Dieses Anlehnen hatte etwas Mattes , Müdes , das Auge aber , das so durchdringend