Sie die Beiden doch lehren , was sie wollen ; ich behaupte dennoch , daß im Figaro , im Barbier , im Don Juan , in der ganz vergessenen , lieblichen Fanchon , etwas von der flüchtigen , zierlichen Leichtigkeit des vorigen Jahrhunderts liegt , die uns leider verloren gegangen ist . Von einer Leichtigkeit , sagte Eduard , die , in totale Verderbtheit ausgeartet , sinnlos forttänzelte zum Schaffot , trotz der warnenden Stimmen , an denen es nicht fehlte . Ja ! zum Schaffot , fuhr Erlau fort , auf dem die leichtfertigen Tänzerinnen mit einer Ruhe starben , mit einer Seelengröße , die einer Römerin würdig gewesen wäre . Die Prinzeß Elisabeth starb eben so ruhig als Arria , oder irgend eine andere Heldin Eurer gepriesenen , langweiligen Römerzeit ; und der ganze Unterschied ist der , daß die Französinnen liebenswürdig und glücklich waren , und Glückliche machten , während so eine antike Römerin , oder römische Antike in ihrem Frauengemache saß und tugendhaft war , und wollene Toga ' s webte . Da lobe ich mir die Französinnen ! Die alten Damen lachten , und Erlau fuhr dadurch ermuthigt fort : Sagt mir nur ehrlich , ist Einer von Euch halb so liebenswürdig , als der Graf Almaviva , oder Don Juan , oder Cherubin , oder der Abbé in Fanchon ? Du vielleicht , lieber Erlau ! sprach Eduard . Wollte Gott , ich wäre es . Ich strebe täglich , diese heitern Vorbilder einer fröhlichen Vorzeit zu erreichen , aber kommt man dazu ? Kaum hat man sich verliebt und schwelgt in Wonne , so erzählen sie von Actien zu einer Eisenbahn , oder von Entwürfen zu Kleinkinderschulen , in denen lauter Prüden und Pedanten erzogen werden sollen . Denkt man daran , sein Herz frei zu machen , um es bald wieder gefangen zu geben , so soll man einer Corporation zur Befreiung der Negersklaven oder zur Erleichterung der Hunde beitreten ; und kein Mensch denkt dabei , daß mich z.B. dies viel mehr ennuyirt , als es irgend einen Neger langweilt , Zuckerrohr zu tragen , oder einen Hund , seinen Karren zu ziehen . Es ist freilich nicht allen Menschen möglich , das Leben wie eine Lustpartie zu nehmen , und jedes höhere Interesse als lästiges Hinderniß zu verleugnen , erwiderte Reinhard , dem diese Scherze Erlau ' s besonders darum mißfielen , weil Jenny ein Wohlgefallen daran fand , das er nicht billigen konnte . Und wie soll man das Leben denn wohl anders nehmen ? fuhr der unerschöpfliche Erlau fort . Gott hat uns fraglos für die Freude geschaffen ; Gott will , daß wir uns freuen sollen , und daß Ihr mich neulich und heute wieder in meinem besten Vergnügen stört , ist eine wahre Todsünde . Was habt Ihr denn von dem ewigen Moralisiren ? Madame Meier und die Frau Pfarrerin hören so andächtig zu , daß ihnen der Thee eiskalt werden wird , und Fräulein Jenny sieht seit der abgeschmackten Unterhaltung so traurig aus , und ist so zerstreut , daß ich noch gar keinen Thee bekommen habe , den schweren Aerger zu ertränken , den Ihr mir verursacht . - Liebes Fräulein , sprach er gegen Jenny gewandt , nur eine doppelte Portion Zucker als Ausgleich für den bittern Verdruß , den Ihr Bruder mir gemacht hat ! Die kleine Gesellschaft war in ein herzliches Lachen ausgebrochen , das Erlau ' s fröhliche Laune hervorgerufen hatte . Auch Jenny riß sich gewaltsam aus den Gedanken heraus , die heute zum ersten Male in ganz neuer Gestalt in ihr erwacht waren . Nur Reinhard blieb in tiefes Sinnen verloren , und sah , aufgelöst in Liebe , zu Jenny hin , die sich eben anschickte , Erlau eine scherzhafte Antwort zu geben , als Joseph und Steinheim in das Zimmer traten . Sie waren zu Fuß aus dem Theater gekommen , und Steinheim entschuldigte ihr spätes Erscheinen mit den parodirten Worten : Spät komm ' ich , doch ich komme ; der weite Weg entschuldige mein Säumen . Aber warum fuhren Sie nicht auch nach Hause ? fragte Jenny . Weil leider Freitag Abend ist , antwortete Steinheim , und ich meiner Mutter den Kummer nicht machen wollte , zu fahren . Aus Kindesliebe , aus Frömmigkeit hole ich mir in dem nassen Wetter den Tod , nach dem Echauffement im Theater , und bei meinem reizbaren Nervensystem ! Was soll man aber thun ? Ich habe geglaubt , das Fahren sei nur am Sonnabend verboten , sagte die Pfarrerin . O nein ! erwiderte Steinheim , der Sonnabend fängt bei uns schon des Freitags an , und alle Ruhe- und Sabbathfeiergesetze müssen von Freitag Abend ab gehalten werden , bis Sonnabends die ersten Sterne blinken . Die Pfarrerin erwähnte es lobend , daß Steinheim sich an diese Formen halte . - Mir sind sie ganz gleichgültig , antwortete er , ich halte sie für ein Gesetz , das mißverstanden ist , und befolge es nur meiner Mutter zu Liebe , der ich viele Opfer der Art bringe , obgleich sie meine Gesundheit ruiniren . Für solch einen Mustersohn habe ich Sie nicht gehalten , sagte Jenny , die nie der Lust widerstehen konnte , Steinheim zu necken . Ich wußte nicht , daß Selbstverleugnung auch zu Ihren Tugenden gehöre . » Es liebt die Welt , das Strahlende zu schwärzen , und das Erhabne in den Staub zu ziehn , « declamirte Steinheim . Daß Sie , holdes Fräulein , aber an mir zweifeln , verdiene ich nicht , und ich könnte wie Cäsar sagen : » Brutus , auch Du ! « - Uebrigens wissen Sie ja , daß Sonnabends unsere Pferde geschont und ich strapazirt werde . Das ist das erste Gesetz gegen Thierquälerei , rief Erlau dazwischen , und ich wundere mich , lieber Meier , daß Du , in doppelter Hinsicht triumphirend , nicht längst darauf aufmerksam gemacht hast . Wirklich