, denn bis jetzt habe ich darüber keine Erfahrungen machen können . « Es war schon spät , und man trennte sich , indem alle mehr nachdenkend geworden waren , als sie erwartet hatten . Zweiter Abschnitt Ein heller Sommerglanz war an dem Morgen verbreitet , an welchem Elsheim und Leonhard , die Stadt verlassend , über das grünende Gefilde fuhren . Beide waren eine Zeitlang stumm , wie es gewöhnlich beim Anfang einer Reise zu sein pflegt ; nach einiger Zeit sagte der Baron : » Dein alter Magister , mein Freund , hat mich gestern innig gerührt , und ich habe viel an ihn denken müssen ; es scheint mir in ihm ein schönes Gemüt zugrunde gegangen zu ein , wie in so manchen Menschen , wenn sie ihren Beruf verfehlen ; ich fing damit an , über ihn zu lachen , und endigte , ihn zu lieben und innerlich zu beweinen . Wie bist du an ihn gekommen ? « » Ich hörte von ihm reden « , antwortete Leonhard , » und suchte ihn auf , wo ich ihn in einer Gesellschaft von Bürgern traf , die sich über ihn lustig machten . Von meinem wackern Vater habe ich das Mitleid geerbt , das er vorzüglich mit verarmten Gelehrten und Künstlern hatte , und deshalb zog ich ihn in mein Haus , so daß er nun sorgenfreier und anständiger leben kann . « » Fühlst du denn auch wohl « , fuhr der Baron fort , » welchen köstlichen Schatz du an deiner Frau besitzest ? Wahrlich , gestern habe ich sie näher kennen und wahrhaft lieben und verehren gelernt . Ein Weib , das ihren Widerwillen und Verdruß , den sie doch über deine Reise notwendig empfindet , nicht nur zähmen kann , sondern diese Freundlichkeit , Sanftmut und Liebe so ungezwungen darstellt , ist eine der größten Seltenheiten . Denn selbst die liebenswürdigsten dieses Geschlechts können unangenehm werden , wenn sie über verletzte und unerkannte Liebe schmollen sie scheinen oft der Meinung zu sein , daß sie ihr Herz , in lauter Verdrüßlichkeit und epigrammatischen Grimm gekleidet , dann nicht genug zur Schau tragen können . « » Mir ist es sonderbar mit ihr ergangen « , erwiderte Leonhard . » Ich stand auf der Grenze zwischen Knaben und Jüngling , als ich sie kennenlernte . Der erwachende Sinn für Schönheit und Reiz ist in diesen Jahren gewöhnlich ungebildet , aber von desto größerer Schärfe , und so erschien mir ihr Angesicht , ihre Farbe , ihre einfache Kleidung , die blauen oder roten seidenen Bänder , die ihren Gürtel umflatterten , alles wie vom hellesten Glanze verklärt . Sie schien mich bald auszuzeichnen , und da sie Vermögen besaß , sah mein Vater dies Verhältnis nicht ungern ; ihr Oheim begünstigte mich ebenfalls . Von diesem Augenblick an vermied ich sie , aus übergroßer kindischer Delikatesse , mit einem gewissen störrigen Eigensinn gemischt , denn es verdroß mich , daß die Alten unsere frohe Heiterkeit und jene reizende jugendliche Neigung , die kaum an morgen denken will , schon für unser bürgerliches Fortkommen berechnen und nützen wollten . Oft war ich recht sehnsüchtig verliebt , oft mit ihr entzweit , die über mich lachte , oft versöhnten wir uns . In der Entfernung war mein Herz in manchen Stunden wie krank aus Liebe , dann konnte ich sie wieder auf Wochen vergessen ; ein andermal überredete ich mich , daß wir niemals füreinander gepaßt hätten . Als ich zurückkam , fand ich sie mit freudiger Überraschung noch unverheiratet ; unser früheres Verhältnis knüpfte sich wieder an , als wenn es nie wäre zerrissen gewesen , und so wurden wir verbunden und glücklich , ohne daß wir eigentlich eine Leidenschaft füreinander gefühlt hatten . « » Vielleicht « , sagte der Freund , » sind diese Ehen auf die Dauer die glücklichsten , weil beide Teilnehmer keine unmöglichen Erwartungen mitbringen ; und darum möchte ich fast den Entschluß fassen , gar nicht zu heiraten , denn die Sehnsucht , die Anbetung , die Leidenschaft der Liebe ist es doch nur , das fühle ich innig , was ich am heißesten wünschen und was mich allein glücklich machen könnte . « Beide Freunde sahen sich stumm an , und es entstand wieder eine Pause im Gespräch . Ihr Blick haftete auf den Wäldern und schön geschwungenen Hügeln , die sie umgaben , sie folgten dem Flusse , der abwechsend durch die Lücken des Waldes mit seinen Krümmungen erglänzte . Das heitere Lied der Lerche und der Gesang der Nachtigall aus der Ferne stimmten das Gemüt zu sanfter Fröhlichkeit . Nach einiger Zeit sagte Elsheim : » Ich habe mich immer verwundert , mein Freund , daß du dir bei deinen offnen Sinnen und vielfältigen Kenntnissen , bei deiner Lust an allem Gebildeten nicht lieber den Stand eines Künstlers erwählt hast , da es dir doch gewiß nicht hätte fehlen können , dich auszuzeichnen . Ist denn dein Beruf nicht vielleicht auch ein verfehlter ? « » Gewiß nicht « , antwortete Leonhard , » und ich bin schon früh mit mir über diese Punkte aufrichtig umgegangen . Daß ich nicht zum Gelehrten paßte , sah ich früh ein , weil Sachen mich mehr als Gedanken , Worte und Formen interessierten . Zum Künstler fehlt mir ganz jener Enthusiasmus , jener strebende , fliegende Geist , der alles neben sich vernachlässigen und vergessen kann und darf , der in fremden Welten , aber nicht in der hiesigen einheimisch ist ; mein Gemüt im Gegenteil ist beschränkt und wahrhaft bürgerlich , mein Eifer für Arbeit , Nützlichkeit , meine Lust an Dingen , die brauchbar sind und fest stehen : alles dies überzeugte mich früh , daß ich zum Handwerker bestimmt sei , und zwar zu der Beschäftigung , welche ich erwählt habe . Doch gibt es jetzt Augenblicke , in welchen ich mit meinem Stande , ja fast mit dem ganzen Leben unzufrieden bin . «