konnte . Jetzt war Alles bereit . Der Tisch wurde vor den Alten , der sich nicht von seinem Platze bewegte , hingeschoben , und Maria und ich nahmen jeder zu beiden Seiten von ihm Platz . Vorher sprach sie jedoch stehend das Abendgebet , und mit einem Ton der Stimme , der mich mehr als Alles befremdete , was ich bisher in diesem Hause wahrgenommen . Es ist wahr , das Gebet bestand aus den hergebrachten überlieferten Floskeln , und Maria , man sah und hörte es ihr an , konnte schöner beten aus ihrem eigenen Herzen heraus . Daher lag im zitternden Ausdruck ihrer Worte , während sie sprach , bald etwas schneidend Wehmüthiges , bald etwas erhaben von innen her sich Aufschwingendes . Ihre schwankende Stimme klagte bald , bald zürnte sie über ihren eigenen Text , bald gewann sie wieder Flügel von der geheimsten Seele her , und bat rührend und lieblich zu ihrem Gott aufwärts , daß er doch nur Alles möge gut sein lassen . Dann wurde die betende Stimme wieder rauh , sie schien zu grollen über ein allzu eisernes Mädchenschicksal , und erstarb endlich leise und wie vor sich selbst erschrocken in einem halb verschwiegenen Seufzer . In dieser Bewegung , welche das Mädchen so plötzlich ergriffen , war sie ganz roth geworden , und der schöne Busen arbeitete mit den heftigsten Schlägen auf und nieder . Als sie geendet , warf sie einen scharfen , spähenden Blick , den ich wohl zu verstehen glaubte , auf den Vater hin , der aber ruhig mit gefalteten Händen dem gewöhnlichen Sinn des Textes gefolgt war . Lange dauerte es jedoch , ehe sie , mir gegenübersitzend , die vorige Freiheit ihres Wesens wiedergewann . Nur schienen wir , da ich ihr verstehend in die Augen blickte , von diesem Moment an , ohne es uns gesagt zu haben , vertrauter , bekannter . Das Abendessen war wirklich ein christlich katholisches . Eine vortreffliche Mehlspeise , wie man sie nur in katholischen Ländern zubereitet findet , würde jedem Andern , als mir , vorzüglich behagt haben . Ich aber konnte meine Augen und Gedanken nicht von dem auffallenden Wesen dieses Mädchens abbringen . Wir schienen alle mit etwas Anderem beschäftigt , als mit dem gegenwärtigen Augenblick , und das Gespräch schlich wie eine stockende Stubenuhr , welche der eilenden Stunde ihre schwerfälligen Gewichte an die Ferse hängt . Nur einzelne Blitze fuhren oft lebhaft zwischen uns auf . Und hierin war gerade Maria stark , daß sie , unter unsern abgerissenen Bemerkungen , Einzelnes unabsichtlich hinzuwerfen wußte , was in einen tieferen Zusammenhang ihres Geistes hineinblicken ließ . Sie steckte kleine Feuerzeichen der Laune auf und deutete damit die Gluth einer ganzen Seele an . Sie streute einen zufälligen Witz aus , und verrieth daran eine sorgfältige Bildung . Nur war sie nicht in der Lage , sich ganz gehen lassen zu können . Es drückte etwas in dieser Atmosphäre auf sie , das die freie Entfaltung ihres eignesten Wesens niederhielt . Und der gute Alte , was that er ? Warum sprach er kein Wort ? Dachte er noch immer verwundersam nach über Casanova ? Seine Sprosser , die draußen vor den Fenstern in ihren Käfigen hingen , begannen schon gewaltig in das Nachtdunkel hinein zu schlagen . Auf diese machte er uns endlich aufmerksam , und wir horchten beide still , und dachten nicht an die Sprosser . Mir fing an Manches klar zu werden , und ich glaubte mir dies Verhältniß zwischen Vater und Tochter nach und nach zu enträthseln . Sie hatte unter andern schönern Umständen ihre über diese Hütte hinausgehende Erziehung genossen , und war jetzt , wer kann wissen durch welche Wendung ihres jungen Geschicks , an die Pflege des alten , mürrischen und ihr völlig fremden Vaters gefesselt . Was früher göttlich frei gewesen , auserkoren für das heitere Glück gebildeter Umgebungen , hatte wieder unter das niedrige Dach sorgenvoller Beschränkung heimkehren müssen . Was sich ausgedehnt hatte in Lust und Liebe , in zarten reinlichen Formen des Daseins , in Glorie gottgefälliger Frauenschönheit , war wieder unter harte Bande der Nothdurft gelegt , an die kalte , freudlose Alltäglichkeit , ohne Genuß und ohne Blüthen , geschmiedet worden . Ich verstand es , ich verstand es ! Nicht zum ersten Mal begegnet mir solch ein Leben , dem die Blüthen und die Sterne genommen sind . Ja , es gibt viele Wesen , die ganz ohne Sterne leben müssen . Ein Leben ohne Sterne , ohne Duft , ohne Grün , ohne Laub , ohne Fluß in der Nähe , ohne Abendgold in der Ferne . Alles wird ihnen abgeschnitten ; es rauscht nichts um sie her , es spiegelt sich nichts bei ihnen ; kein Strauch wirft ihnen ein Myrtenblättchen ins Haar . Und gerade weibliche Naturen sind es am häufigsten , welche man an ein solches Leben ohne Sterne verbannt findet , sie , denen sonst die Seele dazu gegeben ist , immer einen Himmel in sich frei zu haben . Aber das häusliche Leben engt sich über ihnen zusammen , die stillen Wände des Familienzimmers drücken nieder auf ihre Brust . Eine fromme Pflicht bindet sie an eine abgeschiedene Alltäglichkeit , Pflegerinnen am Sorgenstuhl der menschenfeindlichen Alten , Wärterinnen in der verhüllten , verdunkelten Krankenstube , versäumen sie jedesmal die Stunde , wann draußen ein Frühling aufbricht , und der goldene Mädchenmuthwille läßt allmälig die Vogelschwinge sinken . Sie wehren sich kaum , weil sie immer noch heimlich hoffen , denn des Weibes Geduld ist deshalb so stark , weil sie einen so großen Schatz an Hoffnung im Busen nährt . Dann , in spielender Wehmuth , binden sie wohl dem fortflatternden Schmetterling ihrer Jugend heimlich ein rothes Fädchen unter die Flügel , als Symbol ihrer verborgen gebliebenen Lieblingswünsche , und meinen , ihn daran wiederzuerkennen , wenn er einmal wieder zu ihnen heimfliegen sollte , in irgend einem Spätsommer besserer Zeiten .