fast noch Kinder : ihre Liebe besitzt die ganze Naivetät ihrer jugendlichen Torheit . Ich spreche nicht von Tschionatulanders Tod , weder vom treuen Hunde , der aus der Schlacht die tragische Botschaft bringt , nicht von Sigunens Klage , wie sie den Leichnam des Geliebten im Arme haltend unterm Baume sitzt , wo Parzifal an ihr vorüberkömmt im Walde , nicht von dem Edelstein unserer deutschen mittelalterlichen Dichtkunst . Nur jener Zug ist so meisterhaft schön , wo Tschionatulander , als er in die Welt hinausmuß und sein treues Windspiel klug zu den beiden Liebenden hinaufsieht , Sigunen anfleht um eine Gunst- « Cäsar stockte und sprach dann leise , mit fast verhaltenem Atem : » daß Sigune , um durch ihre Schönheit ihn gleichsam fest zu machen , wie der magische Ausdruck der alten Zeit ist , um ihm einen Anblick zu hinterlassen , der Wunder wirkte in seiner Tapferkeit und Ausdauer - daß Sigune - in vollkommener Nacktheit zum vielleicht - ewigen Abschiede sich ihm zeigen möge . « Wally betrachtete Cäsar einen Augenblick . Dann erhob sie sich stolz und verließ , ohne ein Wort zu sprechen , das Zimmer . An ihre Rückkehr war nicht zu denken . Cäsars Antlitz zeigte einen schmerzhaften Ausdruck . Er hatte das Höchste bewiesen , dessen seine Seele fähig war , die kindlichste Naivetät , eine rührende Unschuld in einer Forderung , die empörend war ; aber die Scham , die erst in ihm aufglühte , verschwand vor seinem Stolze , so edel und rein erschien er sich . » Sie ist ohne Poesie , sie ist albern , ich hasse sie ! « stieß er heftig heraus , trat zornig mit dem Fuße auf , lauschte und verließ , da er nichts als den Schlag der Pendeluhr im Nebensaale vernahm , mit unwillkürlichem Geräusch das Zimmer und das Hotel . Er schwur , es niemals wieder zu betreten . » Sie hat nicht mich , sie hat die Poesie beleidigt . Sie ekelt mich an ! « rief er und malte sich Wally mit den gräßlichsten Farben , daß es ihm keine Freude machen mußte , noch an sie zu denken . Wenn sie ihm noch einfiel , so geschah es nicht , ohne daß er mit dem Fuße etwas von sich stieß . 3 Inzwischen rückte Wallys Vermählung heran . Sie gestand sich oft und selbst ihren Umgebungen , daß es ihr wäre , als würde ein unsichtbares Netz , das sie aber fühle , immer enger angezogen , und daß es ihr bald zum Ersticken sein müßte . Alles , was man nur brachte , um die Atmosphäre recht duftend und verführerisch zu machen , drückte ihren Atem noch mehr zusammen ; sie ging wie Gretchen im » Faust « und lüftete Fenster und Türen , da Mephistopheles im Zimmer es so schwül gemacht hatte . Noch größer war aber die Unruhe in ihrem Innern . Sie brauchte gern physikalische Gleichnisse und verglich sich mit dem Gefühl eines lebenden Wesens , das man in die Glocke einer Luftpumpe setzt ; mit dem Vogel , dem es von innen und außen bei entzogener Luft weh wird . Ach , sie konnte Cäsar nicht vergessen : sie konnte jene begeisterte Miene des Freundes nicht vergessen , jene unschuldige Seligkeit , die sie an ihm noch nie gekannt hatte und die er damals zeigte , als sie einige aus seinen zuckenden Lippen schleichende Worte mit so pedantischer , altkluger Entrüstung aufnahm . Schon im nächsten Augenblicke , als sie gegangen war , war sie sich mit ihrer Tugend recht abgeschmackt vorgekommen . Wally fühlte bald , daß Cäsar an das Unsittliche seines Antrags im Momente nicht gedacht hatte . Sie machte sich den Vorwurf , diese Überlegung an dem Manne nicht abgewartet zu haben . Auch mußte sie sich gestehen , daß Cäsar ihr vielleicht nie das Prekäre der Situation eingeräumt haben würde . Jetzt wußte sie , worin der ganze Zauber liegt . Sie fühlte , daß das wahrhaft Poetische unwiderstehlich ist , daß das Poetische höher steht als alle Gesetze der Moral und des Herkommens . Sie fühlte auch , wie klein man ist , wenn man der Poesie sich widersetzt . Ach , das quälte sie , untergeordnet zu sein und weniger unschuldig im Grunde als die Poesie , die Menschen braucht und schildert ! Wally schlug die rührende Geschichte nach , die ihr Cäsar erzählt hatte . Sie weinte mit Sigunen , sie kostete die Unschuld , die in dem Verlöbnis der beiden Liebenden des Gedichtes lag , allmählich immer tiefer . Es liegt in der Schönheit der Natur eine göttliche Gewalt , die bezaubert . Wally beugte und wand sich mit all ihren schönen Grundsätzen und den Lehren , die sie ihrer Erziehung , ja selbst ihrer vernünftigen Überlegung verdankte , vor dem Ideale des Naturschönen . Sie ging noch weiter . Sie gab die Natur auf , sie hielt sich an die Kunst , an das Gebilde der Phantasie , das in sich abgerundet und hier so richtig gezeichnet war wie jeder logische Zirkel ihrer tugendhaften Entschlüsse . Sie kam sich verächtlich vor , seitdem sie fühlte , daß sie für die höhere Poesie kein Gegenstand war . So konnte es nicht mehr fehlen , daß sie sich bald selbst dazu machte . Wie oft war sie Cäsarn begegnet ! Er blickte stolz ! Er hatte eine Moral , die über der ihren war ! Er konnte das Auge erheben , das Ideale hub es in ihm ! Wally konnte nicht stolz sein , an ihr schien die Reihe der Scham zu sein . Sie fürchtete sich vor Cäsar . Ihre ganze Tugend war armselig , seitdem sie ihm gleichsam gesagt hatte , die Tugend könne nur in Verhüllungen bestehen , die Tugend könne nicht nackt sein . Cäsar hatte an ihr den poetischen Reiz verloren . Er übersah sie . Ob es wohl Menschen gibt , dachte Cäsar eines Tages bei sich