daß er sich selber so betrügt ! ihr alle betrügt euch , und ich mich selbst in mancher törichten Viertelstunde . Meint ihr denn , wie er im vorigen Herbste da war , ich hätte nicht gemerkt , daß er oft Langeweile bei mir hatte , daß ihn etwas beengte , stocken machte ? Seht , wenn er bei mir saß , mir seine Hand hinhielt und ich verstummte , nichts in der Welt begehrte , als ihm nur immer in die Augen zu sehn , dann lächelt ' er wohl - ach , und wie lieb , wie treulich ! nein , das macht ihm kein anderer nach ! Und hab ich dann nicht oft mitten in der hellen Freude , bestürzt mich weggewandt und das Gesicht mit beiden Händen zugedeckt , geweint und ihm verhehlt , was eben an mich kam ? - ach , denn ich fürchtete , er könnte mir im stillen rechtgeben , ich wollt ihm nicht selber draufhelfen , wie ungleich wir uns seien , wie übel er im Grunde mit mir beraten sei . « So fuhr sie eine Zeitlang fort und endete zuletzt mit bittern Tränen ; dann konnte es geschehn , daß sie sich schnell zusammennahm , gleichsam gegen den Strom ihres Gefühls zu schwimmen strebte , und mit dem Ton des liebenswürdigsten Stolzes fing das schöne Kind nun an , sich zu rechtfertigen , sich zu vergleichen ; die blasse Wange färbte sich ein wenig , ihr Auge leuchtete , es war der rührendste Streit von leidender Demut und edlem Selbstbewußtsein . Diese sonderbare Unzufriedenheit , ja dies Verzweifeln an allem eigenen Werte fiel desto stärker auf , da Theobald in der Tat nicht die geringste Ursache zu dergleichen gegeben , man auch früher kaum die Spur von einer solchen Ängstlichkeit an ihr entdeckte . Jetzt ward es freilich aus manchen ihrer Äußerungen klar , daß sie schon in gesunden Tagen diese Sorge heimlich genährt und wieder unterdrückt hatte , daß ein krankes Gefühl , das von jenem Nervenübel bei ihr zurückgeblieben war , sich mit Gewalt auf den verletzbarsten Teil des zarten Gemütes geworfen haben müsse . Damit wir jedoch sogleich über das Ganze ein hinreichendes Licht verbreiten , sind wir die Erzählung einer Tatsache schuldig , welche jenen Symptomen von Schwermut vorausging , und wodurch das , was vielleicht nur vorübergehende Grille war eine weit schwierigere Gestalt annahm . Zwei Wochen , nachdem Agnes vom Krankenlager freigesprochen war , hatte sie vom Arzte die Erlaubnis erhalten , zum erstenmal wieder die freie Luft zu kosten . Es war an jenem Tage eben ein weitläuftiger Verwandter , dessen eigentliche Bekanntschaft man jetzt erst machte , im Hause gegenwärtig ; der junge Mann war seit kurzem in der benachbarten Stadt bei der Landesvermessung angestellt und bei dem Förster ein um so willkommnerer Gast , als er neben einem angenehmen Äußern manches schöne gesellige Talent bewies . Man speiste fröhlich zu Mittag und Agnes durfte den Vetter Otto nach Tisch beim wärmsten Sonnenschein eine Strecke gegen die Stadt hin begleiten . Das Mädchen , wie neugeboren unterm offenen Himmel , genoß ganz das erhebende Vergnügen neugeschenkter Gesundheit , das sich mit nichts vergleichen läßt , sie sprach wenig , eine stille , gegen Gott gewendete Freude schien ihr den Mund zu verschließen und ihren Fuß im leichten Gang vom Boden aufzuheben ; ihr war , als sei ihr Inneres nur Licht und Sonne ; ein deutliches Gefühl von körperlicher Kraft schien sich mit einem kleinen Rest von Schwäche angenehm bei ihr zu mischen ; sie kehrte früher um und nahm Abschied von Otto , damit sie völlig ungestört sich dem Überflusse des Entzückens und des Dankes hingeben könne . Ihr Weg führte sie durch ein Birkenwäldchen , bei dessen letzten Büschen sie eine Zigeunerin allein am Rasen sitzen fand eine Person von ansprechendem und trotz ihres gesetzten Alters noch immer von jungfräulichem Aussehen . Man grüßt sich , Agnes geht weiter , und hat kaum fünfzehn Schritte zurückgelegt , als sie bereuet , die Unbekannte nicht angeredet zu haben , deren ganzes Wesen und freundlich bedeutender Blick doch sogleich den größten Eindruck auf sie gemacht hatte . Sie besinnt sich , sie lenkt um und eine Unterredung wird angeknüpft . Nach einer Weile , während der man gleichgültige Dinge gesprochen , pflückt das braune Mädchen gleichsam spielend einige Gräser , knüpft sie in eine regelmäßige Figur zusammen , löst sodann kopfschüttelnd den einen oder andern Knoten wieder auf und sagt : » Setzt Euch zu mir . - Der Herr , dem Ihr da vorhin ausgefolgt , ist Euer Schatz zwar nicht , doch denkt an mich , er wird es werden . « Agnes , obgleich etwas betreten , scherzt anfangs über eine so unglaubliche Prophezeiung , verwickelt sich aber immer angelegentlicher und hastiger ins Gespräch , und da die Äußerungen und Fragen der Fremden eine ganz unbegreifliche Bekanntschaft mit den eigentlichen Verhältnissen der Braut vorauszusetzen scheinen , so kommt sie den Worten der Zigeunerin unvermerkt entgegen . Das gutmütige Benehmen derselben entfernt zugleich fast jedes Mißtrauen bei Agnesen . Wie schmerzhaft aber und wie unvermutet wird ihr geheimstes Herz mit einem Male aufgedeckt , da sie aus jenem ahnungsvollen Munde unter andern die Worte vernimmt : » Was Euern jetzigen Verlobten anbelangt , so wär es grausam Unrecht , Euch zu verbergen , daß ihr auch allerdings nicht geboren seid füreinander . Seht hier die schiefe Linie ! das ist verwünscht ; stimmt doch das Ganze sonst gar hübsch zusammen ! Aber die Geister necken sich und machen Krieg mit den Herzen , die freilich jetzt noch fest zusammenhalten . Ei närrisch , närrisch ! mir kam so was noch wenig vor . « Agnes fand Sinn in diesen dunkeln Reden , denn sie erklärten ihr nur ihre eigene Furcht . » Wie ? « sagte sie leise und starrte lange denkend in den Schoß , » so ist ' s - so ist ' s ! ja Ihr