die Lust , die übrigen geistlichen Männer zu besuchen , war mir gänzlich vergangen ; doch beschloß ich , einige Vorlesungen mit anzuhören , was ich auch den Tag nachher ausführte . Man denke sich einen weiten , niedrigen Saal , vollgepfropft mit jungen Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten ; Mützen von allen Farben und Formen , lange herabwallende , kurze emporsteigende Haare , Bärte , an welchen sich ein Sappeur der alten Garde nicht hätte schämen dürfen , und kleine zierliche Stutzbärtchen , galante Fracks und hohe Krawatten , neben deutschen Röcken und ellenbreiten Hemdkrägen ; so saßen die jungen geistlichen Herren im Kollegium ; vor sich hatte jeder seine Mappe , einen Stoß Papier , Dinte und Feder , um die Worte der Weisheit gleich ad notam zu nehmen . O Platon und Sokrates , dachte ich , hätten eure Studiosen und Akademiker nachgeschrieben , wie manches Wort tiefer , heiliger Weisheit wäre nicht umsonst verrauscht ; wie majestätisch müßten sich die Folianten von Socratis opera in mancher Bibliothek ausnehmen ! - Jetzt wurden alle Häupter entblößt . Eine kurze , dicke Gestalt drängte sich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu , es war der Doktor Schnatterer , den ich gestern besucht hatte ; mit Wonnegefühl schien er die Versammlung zu überschauen , hustete dann etwas weniges und begann : » Hochachtbare , hochansehnliche ! « ( damit meinte er die , welche sechs Taler Honorar zahlten ) . » Wertgeschätzte ! « ( die welche das gewöhnliche Honorar zahlten ) . » Meine Herren ! « ( das waren die , welche nur die Hälfte oder aus Armut gar nichts entrichteten ) , und nun hob er seinen Sermon an , die Federn rasselten , das Papier knirschte , er aber schaute herab wie der Mond aus Regenwolken . Ich hätte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen können , denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt » De angelis malis « , worin ich vorzüglich traktiert zu werden hoffen durfte . Wahrhaftig , er ließ mich nicht lange warten : » Der Teufel « , sagte er , » überredete die ersten Menschen zur Sünde , und ist noch immer gegen das ganze Menschengeschlecht feindlich gesinnt . « Nach diesem Satz hoffte ich nun eine philosophische Würdigung dieses Teufelsglaubens zu hören ; aber weit gefehlt . Er blieb bei dem ersten Wort Teufel stehen , und daß mich die Juden Beelzebub geheißen hätten . Mit einem Aufwand von Gelehrsamkeit , wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht gesucht hätte , warf er nun das Wort Beelzebub dreiviertel Stunden lang hin und her . Er behauptete , die einen erklären , es bedeute einen » Fliegenmeister « , der die Mücken aus dem Lande treiben solle , andere nehmen das » sephub « nicht von den Mücken , sondern als » Anklage « wie die Chaldäer und Syrier . Andere erklären » sephul « als Grab , sepulcrum ; die Federn schwirrten und flogen , so tiefe Gelehrsamkeit hört man nicht alle Tage . Zu jenen paar Erklärungen hatte er aber volle dreiviertel Stunden verwendet , denn die Zitaten aus heiligen und profanen Skribenten nahmen kein Ende . Von Anfang hatte es mir vielen Spaß gemacht , die Dogmatik auf solche Weise getrieben und namentlich den Satan so gründlich anatomiert zu sehen ; aber endlich machte es mir doch Langeweile und ich wollte schon meinen Platz verlassen , um dem unendlichen Gewäsch zu entfliehen , da ruhte der Doktor einen Augenblick aus , die Schnupftücher wurden gebraucht , die Füße wurden in eine andere Lage gebracht , die Federn ausgespritzt und neu beschnitten - alles deutete darauf hin , daß jetzt ein Hauptschlag geschehen werde . Und es war so ; der große Theologe , nachdem er die Meinungen anderer aufgeführt und gehörig gewürdigt hatte , begann jetzt mit Salbung und Würde seine eigene Meinung zu entwickeln . Er sagte , daß alle diese Erklärungen nichts taugen , indem sie keinen passenden Sinn geben ; er wisse eine ganz andere , und glaube sich in diesem Stück noch über Michaelis und Döderlein stellen zu dürfen . Er lese nämlich saephael und das bedeute Kot , Mist und dergleichen . Der Teufel oder Beelzebub würde also hier der » Herr im Dreck « , » der Unreinliche « , To pneyma akatarton , » der Stinker « genannt , wie denn auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein gewisser unanständiger Geruch verbunden sei . Ich traute meinen Ohren kaum ; eine solche Sottise war mir noch nie vorgekommen ; ich war im Begriff , den orthodoxen Exegeten mit dem nämlichen Mittel zu bedienen , das einst Doktor Luther , welcher gar keinen Spaß verstand , an mir probierte , ihm nämlich das nächste beste Dintenfaß an den Kopf zu werfen ; aber es fiel mir bei , wie ich mich noch besser an ihm rächen könnte , ich bezähmte meinen Zorn und schob meine Rache auf . Der Doktor aber schlug im Bewußtsein seiner Würde das Heft zu , stand auf , bückte sich nach allen Seiten und schritt nach der Türe ; die tiefe Stille , welche im Saal geherrscht hatte , löste sich in ein dumpfes Gemurmel des Beifalls auf . » Welch ein gelehrter Mann , welch tiefer Denker , welche Fülle der tiefsten Gelehrsamkeit ! « murmelten die Schüler des großen Exegeten . Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte , ob ihnen auch kein Wörtchen von seinen schlagenden Beweisen , von seinen kühnen Behauptungen entgangen sei ; und wie glücklich waren sie , wenn auch kein Jota fehlte , wenn sie hoffen durften , ein dickes , reinliches , vollständiges Heft zu bekommen . Sobald sie aber die teuren Blätter in den Mappen hatten , waren sie die alten wieder ; man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen , man setzte die Mütze kühn auf das Ohr , zog singend oder den großen Hunden pfeifend ab , und wer