trachtend , niemals sie erreichend . So geht es dem , der es unternommen , für dich , geliebter Leser , das aufzuschreiben , was er von dem wunderlichen Leben des Kapellmeisters Johannes Kreisler erfahren . Gern hätte er angefangen : In dem kleinen Städtchen N. oder B. oder K. , und zwar am Pfingstmontage oder zu Ostern des und des Jahres , erblickte Johannes Kreisler das Licht der Welt ! - Aber solche schöne chronologische Ordnung kann gar nicht aufkommen , da dem unglücklichen Erzähler nur mündlich , brockenweis mitgeteilte Nachrichten zu Gebote stehen , die er , um nicht das Ganze aus dem Gedächtnisse zu verlieren , sogleich verarbeiten muß . Wie es eigentlich mit der Mitteilung dieser Nachrichten herging , sollst du , sehr lieber Leser , noch vor dem Schlusse des Buchs erfahren , und dann wirst du vielleicht das rhapsodische Wesen des Ganzen entschuldigen , vielleicht aber auch meinen , daß trotz des Anscheins der Abgerissenheit doch ein fester durchlaufender Faden alle Teile zusammenhalte . Eben in diesem Augenblick ist nichts anders zu erzählen , als daß nicht lange nachher , als Fürst Irenäus in Sieghartsweiler sich niedergelassen , an einem schönen Sommerabend Prinzessin Hedwiga und Julia in dem anmutigen Park zu Sieghartshof lustwandelten . Wie ein goldner Schleier lag der Schein der sinkenden Sonne ausgebreitet über dem Walde . Kein Blättlein rührte sich . In ahnungsvollem Schweigen harrten Baum und Gebüsch , daß der Abendwind komme und mit ihnen kose . Nur das Getöse des Waldbachs , der über weiße Kiesel fortbrauste , unterbrach die tiefe Stille . Arm in Arm verschlungen , schweigend wandelten die Mädchen fort durch die schmalen Blumengänge , über die Brücken , die über die verschiedenen Schlingungen des Bachs führten , bis sie an das Ende des Parks , an den großen See kamen , in dem sich der ferne Geierstein mit seinen malerischen Ruinen abspiegelte . » Es ist doch schön ! « rief Julia recht aus voller Seele . » Laß uns « , sprach Hedwiga , » in die Fischerhütte treten . Die Abendsonne brennt entsetzlich , und drin ist die Aussicht nach dem Geierstein aus dem mittlern Fenster noch schöner als hier , da die Gegend dort nicht Panorama , sondern in gruppierter Ansicht , wahrhaftes Bild erscheint . « Julia folgte der Prinzessin , die , kaum hineingetreten und zum Fenster hinausschauend , sich nach Crayon und Papier sehnte , um die Aussicht in der Beleuchtung zu zeichnen , welche sie ungemein pikant nannte . » Ich möchte , « sprach Julia , » ich möchte dich beinahe um deine Kunstfertigkeit beneiden , Bäume und Gebüsche , Berge , Seen so ganz nach der Natur zeichnen zu können . Aber ich weiß es schon , könnte ich auch so hübsch zeichnen als du , doch wird es mir niemals gelingen , eine Landschaft nach der Natur aufzunehmen , und zwar um desto weniger , je herrlicher der Anblick . Vor lauter Freude und Entzücken des Schauens würd ' ich gar nicht zur Arbeit kommen . « - Der Prinzessin Antlitz überflog bei diesen Worten Julias ein gewisses Lächeln , das bei einem sechzehnjährigen Mädchen bedenklich genannt werden dürfte . Meister Abraham , der im Ausdruck zuweilen etwas seltsam , meinte , solch Muskelspiel im Gesicht sei dem Wirbel zu vergleichen auf der Oberfläche des Wassers , wenn sich in der Tiefe etwas Bedrohliches rührt . - Genug , Prinzessin Hedwiga lächelte ; indem sie aber die Rosenlippen öffnete , um der sanften unkünstlerischen Julia etwas zu entgegnen , ließen sich ganz in der Nähe Akkorde hören , die so stark und wild angeschlagen wurden , daß das Instrument kaum eine gewöhnliche Guitarre zu sein schien . Die Prinzessin verstummte , und beide , sie und Julia , eilten vor das Fischerhaus . Nun vernahmen sie eine Weise nach der andern , verbunden durch die seltsamsten Übergänge , durch die fremdartigste Akkordenfolge . Dazwischen ließ sich eine sonore männliche Stimme hören , die bald alle Süßigkeit des italienischen Gesanges erschöpfte , bald , plötzlich abbrechend , in ernste düstere Melodien fiel , bald rezitativisch , bald mit starken , kräftig akzentuierten Worten dreinsprach . - Die Guitarre wurde gestimmt - dann wieder Akkorde - dann wieder abgebrochen und gestimmt - dann heftige , wie im Zorn ausgesprochene Worte - dann Melodien - dann aufs neue gestimmt . - Neugierig auf den seltsamen Virtuosen , schlichen Hedwiga und Julia näher und näher heran , bis sie einen Mann in schwarzer Kleidung gewahrten , der , den Rücken ihnen zugewendet , auf einem Felsstück dicht an dem See saß und das wunderliche Spiel trieb mit Singen und Sprechen . Eben hatte er die Guitarre ganz und gar umgestimmt auf ungewöhnliche Weise und versuchte nun einige Akkorde , dazwischen rufend : » Wieder verfehlt - keine Reinheit - bald ein Komma zu tief , bald ein Komma zu hoch ! « - Dann faßte er das Instrument , das er von dem blauen Bande , an dem es ihm um die Schultern hing , losgenestelt , mit beiden Händen , hielt es vor sich hin und begann : » Sage mir , du kleines eigensinniges Ding , wo ruht eigentlich dein Wohllaut , in welchem Winkel deines Innersten hat sich die reine Skala verkrochen ? - Oder willst du dich vielleicht auflehnen gegen deinen Meister und behaupten , sein Ohr sei totgehämmert worden in der Schmiede der gleichschwebenden Temperatur und seine Enharmonik nur ein kindisches Vexierspiel ? Du verhöhnst mich , glaub ' ich , unerachtet ich den Bart viel besser geschoren trage als Meister Stefano Pacini , detto il Venetiano , der die Gabe des Wohllauts in dein Innerstes legte , die mir ein unerschließbares Geheimnis bleibt . Und , liebes Ding , daß du es nur weißt , willst du den unisonierenden Dualismus von Gis und As oder Cis und Des - oder vielmehr sämtlicher Töne durchaus nicht verstatten , so schicke ich dir neun tüchtige