er achtete wenig darauf . Das schöne italienische Mädchen fürchtete sich vor ihm , sooft sie mit ihm zusammenkam , und doch schien sie ihn immer wieder von neuem aufzusuchen . Mit mir dagegen war sie sehr vertraulich und oft ausgelassen lustig . Alle Morgen , wenn es schön war , ging sie in den Garten hinunter und wusch sich an der Wasserkunst die hellen Augen und den kleinen , weißen Hals , und ich mußte ihr währenddessen die zierlichen Zöpfchen flechten helfen , die sie dann in einen Kranz über dem Scheitel zusammenheftete . Dabei sang sie immer folgendes Liedchen , das mir mit seiner ganz eignen Melodie noch immer sehr deutlich vorschwebt : Zwischen Bergen , liebe Mutter , Weit den Wald entlang , Reiten da drei junge Jäger Auf drei Rößlein blank , lieb Mutter , Auf drei Rößlein blank . Ihr könnt fröhlich sein , lieb Mutter : Wird es draußen still , Kommt der Vater heim vom Walde , Küßt Euch wie er will , lieb Mutter , Küßt Euch wie er will . Und ich werfe mich im Bettchen Nachts ohn Unterlaß , Kehr mich links , und kehr mich rechtshin , Nirgends hab ich was , lieb Mutter , Nirgends hab ich was . Bin ich eine Frau erst einmal , In der Nacht dann still Wend ich mich nach allen Seiten , Küß , soviel ich will , lieb Mutter , Küß , soviel ich will . Sie sang das Liedchen ganz allerliebst . Das arme Kind wußte wohl damals selbst noch nicht deutlich , was sie sang . Aber einmal fuhren die Alten , die sie darüber belauscht hatten , gar täppisch mit harten Verweisen drein , und seitdem , erinnere ich mich , sang sie das Lied heimlich noch viel lieber . So lebten wir lange Zeit in Frieden nebeneinander , und es fiel mir gar nicht ein , daß es jemals anders werden könnte , nur daß Rudolf immer finsterer wurde , je mehr er heranwuchs . Um diese Zeit hatte ich mehrere Male sehr schwere und furchtbare Träume . Ich sah nämlich immer meinen Bruder Rudolf in einer Rüstung , wie sie sich auf einem alten Ritterbilde auf unserem Vorsaale befand , durch ein Meer von durcheinanderwogenden , ungeheuren Wolken schreiten , wobei er sich mit einem langen Schwerte rechts und links Bahn zu hauen schien . Sooft er mit dem Schwerte die Wolken berührte , gab es eine Menge Funken , die mich mit ihren vielfarbigen Lichtern blendeten , und bei jedem solchen Leuchten kam mir auch Rudolfs Gesicht plötzlich blaß und ganz verändert vor . Während ich mich nun mit den Augen so recht in den Wolkenzug vertiefte , bemerkte ich mit Verwunderung , daß es eigentlich keine Wolken waren , sondern sich alles nach und nach in ein langes , dunkles , seltsam geformtes Gebirge verwandelte , vor dem mir schauderte , und ich konnte gar nicht begreifen , wie sich Rudolf dort so allein nicht fürchtete . Seitwärts von dem Gebirge sah ich eine weite Landschaft , deren unbeschreibliche Schönheit und wunderbaren Farbenschimmer ich niemals vergessen habe . Ein großer Strom ging mitten hindurch bis in eine unabsehbare , duftige Ferne , wo er sich mit Gesang zu verlieren schien . Auf einem sanftgrünen Hügel über dem Strome saß Angelina , das italienische Mädchen , und zog mit ihrem kleinen , rosigen Finger zu meinem Erstaunen einen Regenbogen über den blauen Himmel . Unterdes sah ich , daß das Gebirge anfing sich wundersam zu regen ; die Bäume streckten lange Arme aus , die sich wie Schlangen ineinanderschlungen , die Felsen dehnten sich zu ungeheuren Drachengestalten aus , andere zogen Gesichter mit langen Nasen , die ganze wunderschöne Gegend überzog und verdeckte dabei ein qualmender Nebel . Zwischen den Felsenplatten streckte Rudolf den Kopf hervor , der auf einmal viel älter und selber wie von Stein aussah , und lachte übermäßig mit seltsamen Gebärden . Alles verwirrte sich zuletzt und ich sah nur die entfliehende Angelina mit ängstlich zurückgewandtem Gesichte und weißem , flatterndem Gewande , wie ein Bild über einen grauen Vorhang , vorüberschweben . Eine große Furcht überfiel mich da jedesmal und ich wachte vor Schreck und Entsetzen auf . Diese Träume , die sich , wie gesagt , mehrere Male wiederholten , machten einen so tiefen Eindruck auf mein kindisches Gemüt , daß ich nun meinen Bruder oft heimlich mit einer Art von Furcht betrachtete , auch die seltsame Gestaltung des Gebirges nie wieder vergaß . Eines Abends , da ich eben im Garten herumging und zusah , wie es in der Ferne an den Bergen gewitterte , trat auf einmal an dem Ende eines Bogenganges Rudolf zu mir . Er war finsterer , als gewöhnlich . Siehst du das Gebirge dort ? sagte er , auf die fernen Berge deutend . Drüben liegt ein viel schöneres Land , ich habe ein einziges Mal hinuntergeblickt . Er setzte sich ins Gras hin , dann sagte er in einer Weile wieder . Hörst du , wie jetzt in der weiten Stille unten die Ströme und Bäche rauschen und wunderbarlich locken ? Wenn ich so hinunterstiege in das Gebirge hinein , ich ginge fort und immer fort , du würdest unterdes alt , das Schloß wäre auch verfallen und der Garten hier lange einsam und wüste . - Mir fiel bei diesen Worten mein Traum wieder ein , ich sah ihn an , und auch sein Gesicht kam mir in dem Augenblicke gerade so vor , wie es mir im Traume immer erschien . Eine niegefühlte Angst überwältigte mich und ich fing an zu weinen . Weine nur nicht ! sagte er hart und wollte mich schlagen . Unterdes kam Angelina mit neuem Spielzeuge lustig auf uns zugesprungen und Rudolf entfernte sich wieder in den dunkeln Bogengang . Ich spielte nun mit dem muntern Mädchen auf dem Rasenplatze vor dem Schlosse und vergaß darüber alles Vorhergegangene . Endlich trieb uns der Hofmeister zu