Mein Vater und meine Brüder waren gegenwärtig . Es ward mir leicht , unter einem Vorwande das Zimmer zu verlassen , und in der Einsamkeit die mühsam zurückgehaltne Erschütterung meines ganzen Wesens austoben zu lassen . Gern hätte ich auch den Thränen , die Schmerz und Zorn unaufgehalten hervorriefen , freien Lauf gegeben ; aber das durfte ich nicht wagen , denn die Stunde des Abendessens war nahe , und Agathokles , wie immer , bei uns . Ich wendete also blos die einsame Viertelstunde an , um eine leidentliche Haltung anzunehmen ; dann kam ich in ' s Speisezimmer zurück . Die Abreise , welche mein Vater und die Brüder recht aufrichtig bedauerten , war , wie du denken kannst , der Gegenstand aller Gespräche . Ich that mir Gewalt an , so viel Gewalt , daß mein Herz heimlich aus allen Tiefen zu bluten anfing ; aber ich erstaunte selbst über meine Kraft , und schien von Allen die Ruhigste , die Kälteste , sogar kälter als er , und das wollte Viel sagen ! Da bemerkte ich denn - o was sind diese Männer für schwache Geschöpfe ! Wie reizt sie so gar nichts , als was ihnen verwehrt ist ! Wie wird die unbedeutendste Sache ihnen , wie den kleinen Kindern , nur dann lieb , wenn sie sich ihnen entzieht ! - ich bemerkte deutlich , daß Agathokles in eben dem Maaße stiller , nachdenkender , mißmuthiger schien , je heiterer und fröhlicher ich wurde . Das verdoppelte meine Kraft ; denn es flößte mir ein Gefühl von Spott ein , und so gelang es mir , bis zu Ende der Mahlzeit die Rollen ganz umzutauschen . Wir schieden scherzend auseinander . Ich ging auf mein Zimmer - ich hoffte ruhig bleiben zu können . Da trat deine Chromis ein , und ich las deinen Brief . Auf einmal fiel die Erinnerung an meine Lage , vermischt mit dem , was ich für dich empfand , wie eine Centnerlast auf mein Herz . An deinen Schmerzen erneuerten sich die meinigen , und meine Thränen fingen an so heftig zu fließen , daß der Morgen bereits zu dämmern begann , als endlich ein mitleidiger Schlaf meine Augen schloß . So sind es denn Männer , und immer Männer , die die höchsten Qualen über unser Leben ausgießen , sie mögen uns lieben oder hassen ! Serranus liebt dich , dein Vater , so hart er scheint , nimmt doch gewiß innigen Theil an dir , und Agathokles ? O wie oft las ich das Geständniß seiner Liebe in seinen Augen , seinen entschlüpften Worten ! Und doch , doch können sie uns so grausam peinigen , so aller Rücksichten vergessen , und in der rohen wilden Kraft ihres Wesens auch nicht von fern ahnen , wie ein Weib fühlt , und was unsre Herzen bei diesen rauhen Berührungen leiden müssen ! Was ist es bei Agathokles ? Philosophischer Stolz , keiner Leidenschaft zu unterliegen ? Spiel mit einer wachsenden Empfindung , oder lächerliche Treue gegen ein Schattenbild ? Was es immer sey - er befolgt seinen Plan , weil er ihn einmal entworfen hat , ohne Rücksicht auf die , die Antheil an seinem Schicksal nehmen , die ihn in jedem Zimmer , bei jedem einsamen Mahle , bei jeder reizlosen Freude schmerzlich vermissen werden . Er denkt nicht daran . Er will reisen , und so thut er es . Und ich sollte ihm nachweinen ? Nein , Sulpicia , diesen Triumph soll der kalte ernste Censor1 nicht erleben . O ! ich will fröhlich und heiter seyn , und lächeln , wenn er sein Pferd besteigt , und zum letztenmal aus dem Thore unsers Hauses sprengt . Ich will - denn er verdient es nicht anders ! Sieh doch , Sulpicia , was Stolz und Unmuth für eine Gewalt über den Menschen haben ! Ich habe mit Thränen zu schreiben angefangen , sie sind während des Briefes noch häufig geflossen ; jetzt sind sie getrocknet . Ich weine nicht mehr , denn ich zürne , und finde in meinem Zorn eine Stütze gegen die unzeitige Weichheit meines Herzens . O man tadle mir den Zorn nicht ! er ist eine erhebende , eine heldenmüthige Empfindung , er hält der lähmenden Wehmuth das Gleichgewicht , und stärkt uns , wenn mir zu unterliegen befürchten müssen . Mit deinen zwei Peinigern wollen wir schon auch noch fertig werden . Sie sollen uns nicht über die Köpfe wachsen . Sind sie hart , wir wollen es noch härter ; sind sie schlau , wachsam , wir wollen es noch mehr seyn . Es soll ihnen nicht gelingen , uns zu trennen . Wir sehen uns bald und ungestört wieder . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Censor war eine obrigkeitliche Person in Rom , unter deren Aufsicht die Sitten und das Vermögen der römischen Unterthanen standen . 13. Sulpicia an Tiridates . Rom , im März 301 . Aus einer düstern Einsamkeit , von keinem Trost , von keinem heitern Gedanken erhellt , nur von den Manen meines ehemaligen Glückes umschwebt , dessen Erinnerung die Stacheln meiner Leiden schärft , schreibe ich an dich , Tiridates ! Bald vielleicht ist mir auch dieses letzte Gut geraubt . Härte und niedere Selbstsucht umgibt mich mit hundert feilen Argusaugen . Unser Verhältniß ist auf eine unwürdige Art vom Unwürdigen entheiligt dem Serranus und meinem Vater verrathen worden . Alles , was strenge , von trüben Ansichten geleitete Härte , was engherzige Kleinlichkeit und niedrige Eifersucht von Qual und Lasten auf ein zerrissenes Herz wälzen können , erdulde ich . Man hat gesucht , mich von Calpurnien zu trennen . Ihre treue Liebe und schlaue Kühnheit hat dies gedrohte Unglück von mir abgewandt . Sie hat Serranus rufen lassen . Ihr Verstand , ihre wohlangewandte Freundlichkeit hat ihn gewonnen . Das Geschlecht , aus dem sie stammt , und ihres Vaters Einfluß hat dem meinigen , Ehrfurcht geboten , und