Ehrfurcht einflößen mußte . Der neue Ankömmling war lang und mager , von gelber Gesichtsfarbe , und hatte so durchaus etwas Jämmerliches und Demütiges . Er bückte sich bei jedem Wort , das meine Mutter mit einer Protektionsmiene zu ihm sprach , so furchtsam und ungeschickt . Mir entging nichts von dem allen , meinen Widerwillen wußte ich aber erst später zu erklären . Er ward mir als mein Hofmeister bekannt gemacht , und zu gleicher Zeit sagte meine Mutter zu meiner guten Wärterin , sie wäre von nun an die Hofmeisterin meiner Schwester , die unter ihrer unmittelbaren Aufsicht stehen sollte . Ich beneidete meine Schwester , ich wäre so gern bei meiner Wärterin geblieben . Es erfolgte jetzt ein förmliches Abschiednehmen ; meine Mutter küßte mich , und führte mich zum Prior , der mir seinen Segen gab , meine Schwester ward weinend von mir getrennt , der Hofmeister empfing mich aus den Händen des Priors , der ihm Wachsamkeit und Fleiß empfahl . Er führte mich fort , ich folgte ihm halb tot vor Entsetzen und bangem Erwarten . Es war der Anfang einer unglücklichen Reihe von Jahren , der ich entgegenging . Er führte mich in das für uns bestimmte Zimmer , es war ganz entlegen , und vom geräuschvollen Teile des Hauses entfernt . Eine große schwere Türe , am Ende eines finstern Ganges ward aufgetan . Wir traten hinein , eine kalte Luft umfing mich , ich schauderte , und derselbe Schauder überfiel mich jedesmal , wenn ich hineinkam . Das Zimmer war groß und hoch , gotisch gewölbt , die Fenster ganz oben , und zum Überfluß noch vergittert , die nackten grauen Wände nur von finstern Heiligenbildern verziert . Am einen Ende bedeckte ein großes Kruzifix einen Teil der Wand ; drunter ein Tisch , worauf eine Decke und zwei große Kerzen sich befanden , gegenüber unsre Betten , zwei Tische mit Schreibzubehör , ein Repositorium mit Büchern und einige Stühle : das war alles , was diese Gruft enthielt , in der ich vier lange , bange Jahre mit meinem gespensterhaften Aufseher , unter unaufhörlichem Zwang verleben mußte . Ich mochte ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein , als ich hineingelassen ward . Seltne spärliche Sonnenstrahlen fielen durch die kleinen Gitter , und diese vermehrten nur immer mehr meine Traurigkeit und meine Sehnsucht nach dem freien Himmel , wenn sie die gegenüberstehende Wand erhellten . Jeden Morgen beim Erwachen fiel mir das Kruzifix in die Augen , auf das oft ein solcher blasser Strahl schräg hinfiel und es so schauderhaft erleuchtete , daß ich davor zurückbebte . Ich habe mich in diesen ganzen vier Jahren an den Anblick nicht gewöhnen können ; ich war froh , wenn der Himmel umwölkt war , damit ich die Strahlen nicht mehr sähe , die sonst meine größte Freude gemacht hatten . Seitdem war ich noch oft sehr unglücklich , ich habe Momente der schrecklichsten Verzweiflung erlebt ; aber gegen die Bitterkeit jenes Zustandes , in dem ich die lieblichsten Jahre meiner Kindheit vertrauren mußte ... daran reichte seitdem nichts wieder ! Wie grenzenlos unglücklich ein Kind sein kann , dem die Hoffnung noch nicht bekannt ist , das nichts hat , nichts kennt als den gegenwärtigen Moment , an dem es mit allen Sinnen , mit aller Kraft und Begierde seiner empfangenden Seele hängt ; wenn es abhängig von fremder Laune , fremder Absicht , seine frohen Wünsche , die natürlichen Gefährten seines Alters unterdrücken muß , so daß selbst diese ihm fremd werden ... gewiß hat ein jeder dies irgendeinmal erfahren : aber die meisten vergessen diesen peinvollen Zustand wieder , sobald sie darüber hinaus sind . Ja oft rächen sie sich für das ausgestandne Übel wiederum an ihren Kindern , so wie diejenigen gegen ihre Untergebenen am härtesten verfahren , die selbst aus dem Stand der Dienstbarkeit sind . Kinder werden von einer Generation auf die andre als angebornes Eigentum angesehen , das man zu seinem eigenen Vorteil , oder nach Laune , bearbeitet und benutzt . Nun , wenn es unabänderlich so bleiben muß , so ist es nur eine Inkonsequenz , daß die Eltern nicht auch über Leben und Tod ihrer Kinder zu richten haben ! Es hielt schwer , eh ich mich bewegen ließ , bei meinem Hofmeister zu bleiben , der im Hause allgemein der Pater genannt ward . Ich sträubte mich aus allen Kräften dagegen . Endlich ward mir im Namen meiner Mutter notifiziert , daß ich mich durchaus fügen müßte , sonst sollte ich sogleich ins Kloster der Benediktiner , wohin ich durch besondere Vergünstigung des Priors nun erst in vier Jahren zu gehen brauchte . Er hätte aus Gewogenheit für mich und meine Mutter es erlaubt , daß der größte Teil meines strengen Noviziats in ihrem Hause unter der Aufsicht des Paters vergehen dürfte , und für diese Gunst sollte ich doppelt gehorsam und dankbar sein . Mein Schrecken war übermäßig , als ich erfuhr , daß ich zu den Benediktinern sollte . Der Prior hatte mich einmal im Kloster herumgeführt , mir die Ordnung , Einrichtung und Gesetze erklärt , und trotz dem , daß er mir alles auf schönste und unter vielen Schmeicheleien vortrug , konnte doch nichts den Abscheu überwinden , den ich mit der größten Heftigkeit gegen Kloster und Mönche faßte . Er war sonderbar , dieser Haß , denn ich kannte ja die Welt noch nicht , und wußte nichts von ihren Freuden . Aber es war mir immer , als spräche etwas in meinem Innern zu mir : es gibt noch viel schöne Dinge , aber weit von hier ! Doch alles , was ich einwenden mochte , half nichts , wollte ich diese vier Jahre noch im Hause meiner Mutter bleiben dürfen , so mußte ich mir alles gefallen lassen ; und nun war es beschlossen , daß sowohl ich , als meine Schwester zum Kloster bestimmt wären , und daß wir , dieser Absicht gemäß , schon