« Auch den Besuch Malkes und ihres Gatten , die sich gleich nach ihrer Ankunft durch Jütte bei ihm anmelden ließen , lehnte er ab . Als sie vom Arzt erfuhren , wie es um ihn stehe , baten sie ihn in einem herzlichen Brief , kommen zu dürfen . Er blieb bei seinem Entschluß . Aber Jütte gab nicht nach . » Ihr müßt hingehen ! « rief sie ihrer Freundin zu , die sie nun als Wirtschafterin ins Haus genommen . » Ihr müßt . « Sie rang die Hände . » Sonst stirbt er « , rief sie verstört und brach in ein heftiges Schluchzen aus . Malke blickte sie befremdet an ; Tränen war sie an dem tapferen Mädchen nicht gewohnt . » Jutta « , sagte sie sehr ernst . » Du hast einmal die Liebe eine christliche Mode genannt ... « » Ich liebe ihn nicht ! « rief Jütte heftig . » Aber mein Leben gäb ' ich drum , wenn ich das seine erhalten könnte . « Ihren Willen setzte sie durch . Eines Tages traten Doktor Salmenfeld und seine Gattin bei dem Kranken ein . Sender war sehr erregt , und als sie ihm herzlich zusprachen , feuchteten sich seine Augen . Aber er erwiderte doch nur : » Wünschen Sie mir keine Genesung . Wozu ? Um bei Dovidl Nummern zu schreiben ? « » Um ein großer Künstler zu werden « , rief Malke . » Damit ist ' s vorbei . Ein todkranker Mann ! Und wenn auch das nicht - meine Pflegemutter verlangt das Opfer , muß es verlangen , und ich muß es bringen . « » Lieber Herr Glatteis « , sagte der Advokat , » nur das erste ist richtig . Nach ihren Anschauungen muß sich Ihre Pflegemutter durch die letzten Worte Ihrer Eltern gebunden halten . Aber Sie ? ! Ihr armer Vater war ja ein in seiner Art berühmter Mann ; wir alle haben genug über ihn erfahren , um zu wissen : wenn er lebte , er würde Sie deshalb nicht verdammen , ihm wäre der Unterschied zwischen einem Schnorrer und einem Künstler klar . Und Frau Rosel spricht ja nur gleichsam in seinem Namen ... « Sender schüttelte den Kopf . » Das mag ja alles richtig sein , aber ihr wäre es doch das Furchtbarste . Und darauf allein kommt es an . Sie hat mir ihr ganzes Leben auf Erden geopfert - soll ich ihr dafür die künftige Seligkeit rauben ? « Aber ein Interesse weckten diese Unterredungen doch in ihm : er begann dem Leben und Wesen seines Vaters nachzuforschen . Der Marschallik konnte ihm viel von Mendele berichten , die Bedeutung der Inschriften im Gebetbuch ward ihm nun verständlich . Frau Rosel aber erzählte ihm von der armen Miriam , wie sanft und fromm sie gewesen , wie gut und dankbar . Auch lebte noch einer der Männer , die einst an Mendele Kowner die letzte Pflicht erfüllt und seinen Leichnam von der einsamen Todesstätte nach dem » guten Ort « zu Barnow gebracht . Es war Meyerl Kaiseradler , der Gemeindediener . Aber seine Erzählung brachte Sender eine tiefe Erschütterung des Gemüts , denn auf die Frage , wo jene Stätte gewesen , erwiderte Meyerl : » Dicht an der kleinen Kapelle , wo der Fußweg nach Biala von der Straße abzweigt . « Es war dieselbe Stelle , wo der Orkan Sender in den Straßengraben geschleudert , die Kapelle , wo er zu seiner Rettung das Büchlein liegen gelassen . Ihm war es kein seltsamer Zufall ; nun wußte er , wessen Geist ihn in jener Stunde umschwebt und gerettet . Aber freilich ? - wozu ? - zu solchem Ende ? ! Gegen Ende April kam ein Brief Nadlers aus Czernowitz , er habe durch einen Zufall erst jetzt erfahren , warum Sender nicht gekommen . In herzlichster Teilnahme bat ihn der Direktor , nicht mutlos zu werden , das Siechtum zu überwinden ; sein Schutz sei ihm immer sicher . Daß der Zufall in einem Brief Salmenfelds bestanden , wußte Sender nicht , wohl aber , was er zu erwidern habe . Er dankte dem Direktor in rührenden Worten und nahm von ihm Abschied . Da sollte ein furchtbares Ereignis wieder in sein Leben eingreifen , zugleich zum Segen und zum Verderben . Es war an einem der ersten Maitage , Sender besprach eben mit Frau Rosel , daß sich nächstens sein Geburtstag jähre , wo er zugleich zum ersten Male den Todestag seiner Mutter begehen könne , als der Marschallik eintrat . Sender sah ihm sofort an , daß er schlimme Botschaft bringe , doch erfuhr er nicht , um was es sich handle ; der Alte teilte es Frau Rosel auf dem Flur mit . Es mußte etwas sehr Schlimmes sein , denn als sie wiederkam , war ihr Gesicht bleich und angstvoll , doch erwiderte sie auf Senders Frage » Nichts , nichts von Bedeutung . « Es mußte aber von Wichtigkeit sein , denn nach einer Stunde hörte Sender auf dem Flur neben der Stimme Türkischgelbs auch jene Dovidls . Aber auch von seinen hastigen Reden konnte er nur einige Worte verstehen : » Und alles das hat der Schurk ' , der Stümper , der Luiser auf dem Gewissen . « Und dann das letzte : » Beruhigt Euch , ich kenne ja die Gesetze . Nach den Gesetzen darf er Euch nichts antun . « Beruhigend schien diese Versicherung nicht auf sie gewirkt zu haben ; als sie in die Stube zurückkehrte , war sie noch erregter . Vergeblich bat Sender nochmals , ihm den Grund zu sagen . Sie stand fast immer am Fenster und spähte auf die Straße hinaus . Da - es dämmerte schon - schrie sie plötzlich entsetzt auf : » Da ist er ! « und stürzte auf den Flur . Gleich darauf hörte er eine rauhe , ihm fremde Stimme