Heimatlande untereinander , indem sie im äußersten Norden , Westen und Süden des ehemaligen Reichsrandes liegen , verband uns mehr , als daß sie uns trennte . Alle drei von einem gleichen innern Zuge der gemeinsamen Abstammung beseelt und an den großen Binnenherd der Völkerfamilie gekommen , befanden wir uns in der Lage weitläufiger Vettern , die im Gedränge eines gastfreien Hauses unbeachtet die Köpfe zusammenstecken und sich Lob oder Tadel dessen , was ihnen gefiel oder mißfiel , gegenseitig anvertrauen . Wir hauen freilich schon ein und anderes Vorurteil mitgebracht , ohne unsere Schuld . Es war jene Zeit , da Deutschland von seinen dreißig oder vierzig Inhabern so eng sinnig und ungeschickt verwaltet wurde , daß Scharen von Vertriebenen jenseits der Grenzen umherzogen und die Fremden im Schmähen und Schelten gegen ihr Vaterland förmlich unterrichteten . Sie setzten Spottworte in Umlauf , welche den Nach baren bisher unbekannt gewesen waren und nur aus dem Innern des gescholtenen Landes kommen konnten , und da die Gaben der Selbstironie , deren Übertreibung das Phänomen am Ende war , außerhalb Deutschlands nur spärlich verstanden und geschätzt werden , so nahm der Fremde das Unwesen zuletzt für bare Münze und lernte es selbständig gebrauchen oder mißbrauchen , zumal man sich mit solchem Tun förmlich einschmeicheln konnte bei den Unglücklichen , die in ihrer Weltunkenntnis hievon Hilfe und Beistand erwarteten . Jeder von uns hatte dergleichen gehört und in sich aufgenommen . Mit der Zeit aber führte uns das vertraute Gespräch zu der Verständigung , daß die Ausgewanderten und die Daheimgebliebenen jederzeit verschiedene Leute seien und daß , um den Charakter eines Volkes recht zu kennen , man dasselbe bei sich und an seinem Herde aufsuchen müsse . Es sei geduldiger und darum auch besser als die Ausgeschiedenen und stehe daher nicht unter , sondern über ihnen , trotz des gegenteiligen Anscheines , den es schließlich immer zu vernichten wisse . Waren wir nun hierüber beruhigt , so plagte uns wieder ein anderes Übel , nämlich der Gegensatz zwischen den Südlichen und Nördlichen . Bei Völkerfamilien und Sprachgenossenschaften , welche zusammen ein Ganzes bilden sollen , ist es ein wahres Glück , wenn sie einander etwas aufzurücken und zu sticheln haben ; denn wie durch alle Welt und Natur bindet auch da die Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit , und das Ungleiche und doch Verwandte hält besser zusammen . Das aber , was wir die Nord- und Südländer sich vorwerfen hörten , war gröblich beleidigend und lieblos , indem diese jenen Herz und Gemüt , jene diesen Geist und Verstand absprachen , und so unbegründet die Tradition war , gab es nur wenige tüchtige Personen beider Hälften , welche nicht daran glaubten . Oder jedenfalls zeigten nur wenige den Mut , die schlendrianischen Reden solcher Art zu unterbrechen , wenn sie unter den Ihrigen waren . Um für unser Bedürfnis den vermißten idealen Zustand herzustellen , gaben wir uns das Wort , jedesmal wenn der Fall eintrat , als Unparteiische aufzutreten , ob wir einzeln oder in Kompanie zugegen seien , und für den , wie wir glaubten , mißhandelten Teil einzustehen . Zuweilen gelang es uns , einige Verblüffung zu erregen oder gar eine wohlwollende Wendung hervorzurufen ; andere Male dagegen wurden wir selbst da- oder dorthin klassifiziert und je nach unserer Herkunft als einfältige Biederleute und Gemütsduseler oder als überkritische , geistreiche Hungerschlucker bezeichnet . Weil das aber uns keineswegs unglücklich machte , vielmehr unsere Heiterkeit wachrief , so wurde wenigstens der schneidende Ton der Unterhaltung gemildert und ein leidlicher Ausgleich zustande gebracht . Unser Mittleramt wurde aber eines Tages überflüssig und zugleich schönstens belohnt , als die ganze reichgeartete Künstlerschaft die kommende Faschingszeit zu feiern sich zusammentat , um in einem großen Schau- und Festzuge ein Bild untergegangener Herrlichkeit zu schaden , nicht mit Leinwand , Pinsel und Meißel , sondern mit Einsetzung der lebendigen Person . Es sollte das alte Nürnberg wiederauferweckt werden , wie es in beweglichen Menschengestalten sich darstellen konnte und wie es zu der Zeit war , als der letzte Ritter , Kaiser Maximilian , in ihm Festtage feierte und seinen besten Sohn , Albrecht Dürer , mit Ehren und Wappen bekleidete . In einem einzelnen Kopfe entstanden , wurde die Idee sogleich von achthundert Männern und Jünglingen , Kunstbeflissenen aller Grade , aufgenommen und als tüchtiger Handwerksstoff ausgearbeitet und ausgefeilt , als ob es gälte , ein Werk für die Nachwelt zu schaffen , und es erwuchs in der sachgerechten und allseitigen Vorbereitung eine Lust und Geselligkeit , welche wohl an Macht von der Freude des Festtages überboten wurde , in der Erinnerung jedoch ein lieblich heller Teil des Ganzen blieb . Der Festzug zerfiel in drei Hauptzüge , von denen der erste die nürnbergische Bürger- , Kunst- und Gewerbswelt , der zweite den Kaiser mit den Fürsten , Reichsrittern und Kriegsmännern und der dritte einen alten Mummenschanz umfaßte , wie er von der bedeutenden Reichsstadt dem gekrönten Gast vorgeführt wurde . In diesem letzten Teile , welcher recht eigentlich ein Traum im Traume genannt werden konnte , hatten wir dreie unsern Standort gewählt , um als verdoppelte Phantasiegebilde im Schattenbilde der Vergangenheit mitzuziehen . Der Ernst und die feierliche Pracht , womit die Unternehmung von vornherein angelegt war , hatten die Teilnahme des weiblichen Geschlechtes nicht ausgeschlossen ; Frauen , Töchter , Bräute der Künstler und deren Freundinnen aus den andern Ständen bereiteten demnach ihre festliche Umkleidung vor , und es gehörte nicht zu den geringsten Vorfreuden der Männer , an der Hand der alten Trachtenbücher das wichtige Geschäft zu leiten und darüber zu wachen , daß die Sammet- und Goldstoffe , die schweren Brokate und die duftigen Flore für die schlanken Gestalten richtig zugeschnitten und zusammengesetzt , die Haare in gehöriger Weise geflochten oder ausgebreitet wurden , die Federhüte , die Barette , Hauben und Häubchen aller Art Form und Stil bekamen und gut saßen . Zu diesen Beglückten zählten sich auch meine Freunde Erikson und Lys , von denen jeder in seiner Weise auf