Freiherr hatte sie nicht angenehm verlebt . Die Baronin fuhr zwar täglich aus , um ihrem Sohne die Stadt und deren Merkwürdigkeiten zu zeigen und sich an der Freude des Knaben zu ergötzen , aber die ungewohnte Lebensweise regte sie auf , die Luft in den enggebauten Straßen schien ihr sehr drückend , und der Ausspruch des zu Rathe gezogenen Arztes hatte auch nicht tröstlich gelautet , obschon er keine bestimmte Erklärung von sich gegeben . Es war für den Winter von einem Aufenthalte in einem milden Klima die Rede gewesen , Italien , an das man dabei dachte , konnte jedoch unter den obwaltenden politischen Verhältnissen nicht wohl zum Aufenthalte einer Leidenden gewählt werden . Dazu erinnerte der Freiherr sich mit Unbehagen und Bedenken des Geldaufwandes , welchen einst die italienische Reise seiner Mutter und seiner verstorbenen Schwester erfordert hatte ; und sollte er auch die Gattin , wie die Schwester , über die Alpen gehen und nicht lebend wiederkehren sehen ? Er liebte Angelika nicht mehr , aber die Vorstellung , die junge , schöne Frau vor sich sterben zu sehen , ging ihm doch nahe , und dabei wollten seine Geldangelegenheiten sich durchaus nicht , wie er es wünschte , ordnen lassen . Die Kaufleute , denen es bekannt war , daß die Herren von Arten bisher alle ihre Geschäfte mit dem Hause Flies gemacht hatten , und die es wußten , wie dieses wohl im Stande wäre , das anscheinend so sichere Darlehn zu leisten , wurden mißtrauisch , eben weil man ihnen das Geschäft anbot . Denn der bisherige Banquier der Herren von Arten konnte es sicherlich nur aus einem wichtigen Grunde zurückgewiesen haben . Sie zögerten , machten Schwierigkeiten , verlangten , wie Herr Flies es dem Baron vorausgesagt hatte , Zinsen , die ihn zu neuen Anleihen nöthigen mußten , und da der Freiherr auf solche Weise nun an sich selber die alte Erfahrung bestätigt fand , daß Geld und Credit für denjenigen , der sie braucht , stets schwer zu haben sind , so sah er sich immer wieder auf den Hausverkauf hingewiesen . Die Nothwendigkeit hat eine überzeugende und verführerische Beredsamkeit . Je länger er ihr gegenüberstand , um so mehr räumte es sich der Freiherr ein , daß er eigentlich niemals Freude an dem Hause in der Residenz gehabt und daß Keiner der Seinigen dort gern oder glücklich gelebt habe . Seit es erbaut worden , hatte es mit Ausnahme kurzer Besuche , welche die Familie in der Stadt gemacht , fast immer leer gestanden , bis Fräulein Esther es bezogen ; und weder die Erinnerungen an sie , noch jene , welche sich an die sechs Monate knüpften , die der Freiherr mit Angelika nach seiner Verheirathung in der Residenz zugebracht hatte , waren von der Art , ihn an das Haus zu fesseln . Auffallen konnte es Niemandem , daß er es verkaufte , da er es nicht benutzte . Die Schwierigkeiten , mit denen die grillenhafte Besitzerin die Abtretung des Grundstückes an einen Anderen belastet hatte , waren nicht unüberwindlich ; und daß Herr Flies , den er als einen bequemen Geschäftsmann kannte , sich nicht kleinlich zeigen würde , wo er für sich und seine Familie etwas Angenehmes zu erreichen wünschte , darauf meinte der Freiherr rechnen zu dürfen . Die Angelegenheit ließ ihm keine Ruhe , sie beschäftigte ihn am Tage , sie quälte ihn in der Nacht . In seinen Träumen ging er mit seinem Sohne in dem alten Hause umher , und von den Wänden stiegen die Bilder der Tante herab und verfolgten ihn und den Knaben mit leidenschaftlicher Hast , daß er sich und das Kind nicht vor ihnen zu retten wußte . Wenn er angstvoll die Thüre und das Portal des Hofes erreicht hatte , so stand die Tante auch da wieder vor ihm und wehrte ihm den Ausgang ; und jenseit des Gitters thürmten sich dichte Wolken auf , aus denen der Juwelier mit seinem zufriedenen Lächeln auf ihn herniedersah und ihn fragte : Was wollen Sie mit dem alten Hause , Herr Baron ? Es ist darin für Sie nicht mehr geheuer ! Am Morgen nach einer solchen Nacht beschloß er , ein Ende damit zu machen , nur um der lästigen Gedanken los zu werden ; aber der Mittag kam heran , ehe er sich dazu bringen konnte , den darauf bezüglichen Brief zu schreiben . Herr Flies saß in behaglicher Sonntagsruhe mit Frau und Tochter in dem Garten hinter seinem Hause , als ihm das Schreiben des Freiherrn zu Händen kam , und da die Kriegsräthin mit ihrem Manne zu einer Picknickpartie auf das Land gefahren war , verstand es sich von selbst , daß Paul den freien Tag bei seinen Freunden und Beschützern zubrachte . Von dem Herrn Baron von Arten ! sagte der Diener , als er Herrn Flies den Brief übergab . Die Mutter warf dem Vater einen Blick des Einverständnisses zu , den er nicht beachtete . Er las das kurze Schreiben , sagte , daß er nicht ermangeln werde , sich morgen in der Frühe einzustellen , und entließ den Diener . Die Mutter fragte nichts , Herr Flies sprach auch nicht von der Sache ; da sie aber Alle wußten , um was es sich handelte , konnten sie sich denken , was der Brief bedeute , und nur Paul sah fortwährend nach Herrn Flies hinüber , als wünsche er in den Mienen desselben die Antwort auf eine Frage zu lesen , die er nicht zu thun wagte . Er vermochte nicht bei dem Buche zu bleiben , mit dem er beschäftigt gewesen war ; er stand auf , ging fort , kam wieder - man war nicht gewohnt , ihn so unstät zu sehen . Endlich , als Seba sich erhob , um einen Auftrag für die Mutter auszurichten , folgte er ihr nach , und seinen Arm in den ihrigen legend - denn der vierzehnjährige Knabe war fast so