Gespräch , das sie auf einmal abbrachen , um eine übermüthige Polka zu tanzen ; Melitta , Helene und Emilie schwebten rosenbekränzt in einer goldenen Wolke hernieder , die zu einem Regen wurde , in welchem die drei Hexen aus dem Macbeth ihre Schlangenhaare schüttelten . - So verging die lange , bange Nacht . Als die Dämmerung in die Fenster hereingraute , wurden die Fiebergeister blasser und immer blasser . Er öffnete das Fenster und ließ den kalten Morgenwind seine heißen Schläfe kühlen . Das erquickte ihn etwas ; aber als es auf der Straße anfing , lebhafter zu werden , schloß er das Fenster wieder und ließ die Vorhänge herunter ; er mochte von dem Leben , das er so haßte , nichts sehen und nichts hören . In dem Hotel war Emiliens Flucht nicht eben aufgefallen . Der Einzige , welcher etwas Genaueres von der Sache wußte , der Portier , fühlte , im heimlichen Bewußtsein seiner Mitschuld , keine Neigung , sich weiter darüber auszusprechen . Man glaubte also , wenn man überhaupt in diesen vielbewegten Tagen Zeit hatte , sich um solche Nebensachen zu bekümmern , daß die Dame nicht , wie man anfänglich gemeint , die Gemahlin , sondern die Schwester des Herrn , und der zweite Herr , der sie abgeholt , der Gemahl der Dame gewesen sei . So nahm auch die Wirthin des Hotels , Frau Hauptmann Schwarz an , als sie am Mittag des folgenden Tages sich bei Oswald , melden ließ . Frau Hauptmann hatte die Gewohnheit , sich , wenn ihre Gäste drei Nächte unter ihrem Dache geschlafen , am vierten Tage persönlich nach ihrem Befinden und etwaigen Wünschen zu erkundigen , und auf diese Weise eine Art von persönlichem Verhältniß anzubahnen , wie es ihrem Herzen Bedürfniß war . Nun war Oswald freilich erst gestern Abend gekommen , aber der junge Mann hatte in dem Blick seiner Augen und dem Ton seiner Sprache ein Etwas gehabt , das sie wunderbar an vergangene Zeiten und an ein Wesen mahnte , das sie sehr geliebt und dessen Verlust sie noch immer nicht verschmerzt hatte . Sodann kam er aus Frankreich , dem Lande , aus welchem jene schöne , junge unglückliche Freundin gestammt und wohin sie sich wahrscheinlich später gewandt hatte . Freilich , sie hatte nie wieder Nachricht von sich gegeben , das arme Mädchen , und so war es nicht eben wahrscheinlich , daß sie noch am Leben war ; aber das hinderte die Frau Hauptmann nicht , sich jedesmal über die Ankunft eines Franzosen in ihrem Hause ganz besonders zu freuen , weil ihr damit wenigstens die Möglichkeit gegeben schien , etwas über die Verlorene in Erfahrung zu bringen . Wie erstaunt und betrübt war deshalb die gute Frau , als sie Oswald heute Morgen so bleich und verfallen fand - ein Schatten nur noch des stattlichen jungen Mannes von gestern Abend . Er hatte eine schlechte Nacht gehabt ? Freilich , das mußte eine recht böse , schlechte Nacht gewesen sein , die einen jungen Mann so herunterbringen konnte . Ob sie nach dem Doctor schicken solle ? Nein ? aber eine Tasse Bouillon mit einem Ei abgerührt ? Die gute alte Dame trippelte davon , um den Bouillon selber zu besorgen , den Niemand so gut , wie sie , zu bereiten verstand . Und während sie in der Küche damit beschäftigt war , schüttelte sie einmal über das andere ihr graues Haupt , weil der Monsieur Oswald - so hatte sich der Fremde genannt - so sehr gut deutsch sprach und so recht krank und unglücklich schien und trotzdem der Verlorenen nur um so ähnlicher sah . Ihr kamen dabei die Thränen in die Augen , und sie nahm sich vor , selbst auf die Gefahr hin , indiscret zu werden , nach der Ursache seines Kummers zu fragen . Mit diesem Vorsatze betrat sie abermals Oswalds Zimmer und fand den jungen Mann in derselben Stellung , wie sie ihn verlassen hatte , auf dem Sopha sitzend , die Arme über die Brust gekreuzt , die matten , schmerzlich starren Augen auf den alten französischen Kupferstich an der Wand gegenüber geheftet , der die an den Felsen gekettete und von dem Drachen bewachte Andromeda darstellt , zu deren Rettung Perseus mit dem Gorgohaupt durch die Lüfte herbeieilt . Er hatte das Bild heute Morgen in der Dämmerung zuerst bemerkt , und bei dem mangelhaften Lichte lange geräthselt , was es wol darstellen möchte , bis er es endlich , als es heller wurde , herausgebracht hatte . Das Bild war manierirt , wie alle Producte der Zeit , in welcher es entstand . Die Andromeda war ein wenig zu klein gerathen , ein Kind fast in dem Verhältniß zu dem sehr langen und sehr schlanken Heros , der , eben den Fuß auf den Felsen setzend , zum Schlage gegen das Ungeheuer ausholt , das ihn mit weit geöffnetem Rachen anschnaubt und mit giftigen Basiliskenaugen anstiert . Dennoch war es nicht ohne Geist in der Conception und nicht ohne Feinheit in der Ausführung . Besonders war das Aufleuchten der Hoffnung in den kindlich schönen Zügen des Mädchens und der heroische Zorn in dem Antlitz des Jünglings vortrefflich wiedergegeben ; und die Scenerie - ein einsamer Fels in dem grenzenlosen Meere - über dessen Horizont die Morgensonne aufsteigt , deren Strahlen über die Wellen fort bis an den Felsen zittern - hatte etwas von Claude Lorraine ' s heiterer Kraft und Großheit . Oswald hatte mit einem Gefühl schmerzlicher Wehmuth das Bild wieder und wieder betrachtet . Der schöne Sinn der alten Mythe , daß kühner Muth den , der ihn besitzt , mit Götterflügeln über Länder und Meere trägt , daß der Held mit dem Blick seiner Augen schon die Gefahr bändigt und schließlich nur ihm die holde Blume der Liebe und Schönheit auf rauhem Felsen in dem öden , unwirthlichen Meer des Lebens blüht - hatte ihn , den Muthlosen , den