sein ganzes Herz voll Liebe , voll Wünsche , voll Sehnsucht in unbedingter Hingebung dem Willen Gottes aufopfert ? Offenbar - nichts ! denn was auch geschehen möge - es wird immer aufgenommen als Gottes anbetungsvoller Wille , Fügung oder Zulassung . Nur da , wo es eigenen Willen gibt , gibt es auch Furcht : Furcht vor dem Opfer . Ist es gebracht , tritt Ruhe ein . Der Schmerz hört nicht auf ; der gehört zum Menschenleben . Aber Ruhe im Schmerz sproßt zu Füßen des Kreuzes . Wenn es Wahrheit wäre ? sagte Corona zu sich selbst ; wenn er in der Todsünde lebte , mein Mann , der Vater meines Kindes - an den wir gewiesen sind fürs Leben , als an unsere irdische Stütze , unseren Freund , Ratgeber und Beschützer - wie dürfte ich es dulden als christliche Ehefrau und Mutter ! und ach ! wie könnte ich es hindern ? Ist es nicht Mangel an Liebe für Orest , wenn ich den Inhalt dieses Briefes für Wahrheit halte ? und halte ich ihn für Verleumdung - ist das nicht eine heimliche moralische Feigheit ? So sprach sie mit sich selbst und mit Gott , und betete und flehte um Kraft , Einsicht und Gnade , damit sie das Rechte treffen möge und litt den bittersten Schmerz , der auf Erden gelitten werden kann : den Schmerz um eine schwere Gottesbeleidigung , verübt von einem geliebten Menschen . Denn sie liebte ihn , - aber nicht wie der Mensch den Menschen zu lieben pflegt , aus Neigung des Herzens , aus blinder Leidenschaft , aus selbstsüchtigem Wohlgefallen ; sondern als eine nach dem Ebenbilde Gottes geschaffene Seele . Orest bemerkte nicht ihr stilles Leid , das sie freilich immer hinter einem noch sanfteren Lächeln und noch sanfteren Wort zu verbergen suchte . Hätte er es aber auch bemerkt - er würde es doch nicht beachtet haben : so wenig zählte sie in seinem Leben . Der Fasching war längst vorüber , der größte Teil der Fastenzeit auch . Da sagte Corona eines Tages , als Orest mit ihr zu Mittag gegessen hatte - was nicht oft geschah : » Lieber Orest , die österliche Zeit hat begonnen . Willst Du Deine Andacht hier oder zu Hause halten ? Im vorigen Jahre waren wir getrennt : Du hier , ich auf Stamberg . Ich bitte Dich , laß uns in diesem Jahre vereint sie halten . « Orest hatte im vergangenen Jahre nicht im entferntesten an seine Christenpflicht in der österlichen Zeit gedacht ; und auch jetzt sah er in dieser heiligen Zeit nichts anderes , als den entsetzlichen Moment , der ihn von Judith trennte , indem sie sich Ende April zur italienischen Oper nach London begab und ihm erklärt hatte , sie schicke ihn dann zurück in seine odenwäldische Wildnis , da sie in ihrem Salon auch für andere Leute Platz machen müsse und da es viel angenehmer sei , wenn er sich nach einer längeren Abwesenheit wieder bei ihr einfinde . Orest hatte ihr eine empfindliche Antwort gegeben ; darauf sagte sie denn in ihrer Weise , die nichts bestimmtes verhieß und doch viel zu verheißen schien : » Wie kann Sie das verletzen , Graf Orestes ? Was wäre der Frühling , wenn er beständig dauerte ? gibt es ein traurigeres , stumpferes Grün , als das Immergrün ? « So verfiel er stets aufs neue unter ihre Bezauberung . Jetzt sprach Corona von der österlichen Zeit und wie alle leichtsinnigen Menschen , die stets das Unangenehme aus ihrer Gegenwart in die Zukunft zu schieben suchen , sagte er : » Zu Hause ! natürlich ! « Ein heller Freudenstrahl blitzte in Corona ' s Augen auf . Sie hatte keine Ahnung von einem so verdunkelten Gewissenszustand , daß er , wenn ' s notwendig war , seiner Frau mindestens diese kleine Freude zu machen , auch allenfalls mit ihr seine Andacht halten wollte . Nur wußte er gar nicht , um was er sich anzuklagen habe ! sein Verhältnis zu Judith war ja eine ganz unglaublich platonische Liebe ! Vielleicht ließ sich auf Stamberg auch noch ein Mittel finden , dieser kirchlichen Zeremonie zu entkommen . Er glich , der Seele nach , jenen Totkranken , die gar nicht glauben wollen , daß sie in Lebensgefahr sind . Es ist eine der fürchterlichsten Wirkungen des Weltgeistes das Gewissen einzuschläfern , ihm in dieser Schlaftrunkenheit die Pflichten , die Verhältnisse , die inneren Zustände in ein trügerisches Licht zu stellen und dann diese geistige Verblendung und moralische Erschlaffung zu benutzen , um es zuerst verwirrt über Wahrheit und Recht - und dann gleichgültig gegen beides zu machen . Freudig kam Corona nach Stamberg zurück ; Orest - in halber Verzweiflung . » Ich sterbe an der Monotonie des häuslichen Lebens ! « rief er und umbaute seinen Divan mit einem Wall von französischen Romanen . Corona mahnte ihn mild an seine Zusage ; die österliche Zeit sei fast verflossen . Sie bat ihn flehentlich , auf ein paar Tage wenigstens mit etwas anderem , als mit dieser Literatur sich zu beschäftigen , die , ebensowenig als die Welt , der sie entstamme , ihm Frieden und Freuden geben könne . Er blieb auf seinem Divan , rauchte und las - und versicherte , er habe noch Zeit genug . Endlich sagte Corona , der nächste Sonntag sei der letzte in der österlichen Zeit , und fügte hinzu : » An Deine arme Seele willst Du nicht denken , lieber Orest ; ach ! so denke mindestens daran , daß Du Deinen katholischen Dienstboten und Untergebenen kein Ärgernis geben darfst durch Verletzung dieses heiligen Kirchengebotes . « » An meine arme Seele soll ich denken ? nun , wenn sie auch nicht so schwanenweiß ist , wie Du die Deine wähnst , so ist sie doch auch gewiß nicht so rabenschwarz , als Du es Dir einbildest : das denke ich von