, wo kann etwas hingekommen sein ? Und unten in der Remise ... da haben wir seit heute früh fünf bis jetzt um elf Alles untersucht , wir sind matt und müde davon , wir haben uns , gut gerechnet , sieben mal waschen müssen von all ' dem Staub und Moder , und hinter keinem Bild , in keiner Schublade ist Etwas zu finden . Von dieser Seite aus sind wir vor bösem Leumund sicher und du hast alle Aussicht , unter die Heiligen zu kommen , was du doch wol willst ! Vergib , daß ich spotte . Noch vor sechs Jahren , sagte die Geheimräthin ruhiger , hätte über mich erzählt werden können , was da wollte ! Es war eine Zeit , wo man noch die Leidenschaften als die Quelle edler Gefühle erkannte . Aber jetzt , wo sich Alles verändert hat , wo das junge Herrscherpaar einen neuen Ton in die Gesellschaft einführte , jetzt wo sich Alles dadurch auszuzeichnen sucht , so gewöhnlich und unscheinbar wie möglich zu sein und nur den nächsten Pflichten zu leben , jetzt könnt ' ich in der wilden Zügellosigkeit der Urtheile und der völligen Schutzlosigkeit des Einzelnen gegen das Gewühl der Zeit , die Alles , das Beste , rasch verbraucht und als Dünger für Neues von sich wirft , eine solche Öffentlichkeit der Rache nicht ertragen . Und glaubst du nicht , Charlotte , daß sie Alles weiß , von Allem unterrichtet ist ? ... Die Alte schwieg und zuckte bedeutsam die Achseln . Du hättest sie in deiner Amarantha schonen sollen , sagte die Ludmer . Jedermann rieth auf Amanda , und der Spott war unverkennbar . Nach Allem , was zwischen Euch einst vorging , nach Allem , dessen du dir , als kitzlich und zu heiß zum Anfassen , bewußt warst , hättest du lieber schweigen sollen , und du weißt , was ich überhaupt davon dachte , als du die Feder ergriffest ... Die Geheimräthin seufzte . Das ist vorbei , sagte sie dann . Ja ! Ich hätte dir folgen sollen . Ich schrieb , weil Alles schrieb , und da ich nichts erfinden konnte , erzählt ' ich , was ich oder Andere erlebt hatten . Ich streifte mit genauer Noth an Partien vorbei , wo ich mich und Andere zu schonen alle Ursache hatte , und doch reizte mich der Kitzel des Spottes und der Trieb der Vergeltung . Ich fühlte , daß ich plötzlich in der Feder eine Waffe hatte , die mir damals allmächtig schien . Ja ! Amarantha ist Amanda und sie ist es nicht . Ich ließ eine Magdalena fromm werden , aber Amanda konnte sich doch wol in allen Sünden Amaranthens nicht wiederfinden . Dennoch nahm man sie für Amarantha und ich erschrak genug , als ich eines Morgens einen Brief mit dem Postzeichen Plessen empfange und die einfachen , von einer mir wohl erinnerlichen Hand geschriebenen Worte lese : » Die Fürstin Amanda von Hohenberg schreibt keine Romane , aber sie schreibt Bekenntnisse , die Gott richten wird « . Damals lacht ' ich darüber . Es schien mir die Drohung der Ohnmacht . Ich schwelgte in den Huldigungen , die die Gesellschaft meiner jungen Feder zollte . Aber die Gesellschaft ist nicht mehr die » Gesellschaft « , die Fürstin ist gestorben , alle Welt erzählt von Denkwürdigkeiten , an denen sie in ihren letzten Lebensaugenblicken schrieb und Eines , Eines , Charlotte - die Zecks lebten auf ihren Gütern - hab ' ich nicht Ursache zu zittern ? Die alte Freundin blieb in ihrer unerschütterlichen Ruhe und erschöpfte sich in einer Menge von Trost - und Gleichgültigkeitsgründen , die alle auf eine sehr leichte und fast kecke Ansicht vom Leben hinausliefen . Pauline hatte diese Ansicht früher auch getheilt . Daß sie aber jetzt , nicht mehr von ihr getröstet wurde , hing nicht etwa mit einer gesteigerten Innerlichkeit ihres Wesens , mit dem Gefühl der Reue und Besserung zusammen , sondern mit einer eigenthümlichen Wendung der öffentlichen Verhältnisse , die ihrem Ehrgeize Schranken setzte , an denen sie bis zur Verzweiflung bohrte und rüttelte , ohne sie erschüttern oder hinwegräumen zu können . Diese Beziehungen müssen wir genauer anführen , da sie zugleich für einen gewissen Umschwung des Zeitgeistes auch im Allgemeinen bezeichnend genug geworden sind und die Grundlage unsrer fortgesetzten Erzählung bilden werden . Funfzehntes Capitel Die » Gesellschaft « und die » kleinen Cirkel « Auf dem Throne des Staates , in dessen Residenz wir uns befinden , sitzt ein erst kürzlich an die Regierung gekommenes junges Herrscherpaar . Der frühere Monarch , ausgezeichnet durch hohe Tugenden der Mäßigung und Gerechtigkeit , hatte gewissermaßen die Zügel der Geistesrichtungen seines Landes sich selbst überlassen und dadurch möglich gemacht , daß sich in der Familie und Gesellschaft ein von ihm selbst völlig verschiedenes Wesen entwickelte , eine gewisse ihn selbst völlig ignorirende Genialität oder Starkgeistigkeit , wie man diese leichte Auffassung der Sitten und Überlieferungen im Gegensatz zu einer auf der andern Seite überwuchernden Bigotterie nennen konnte . In dieser Zeit hatte Pauline von Harder geglänzt . Es war die Zeit gewesen , wo sie zwar den Ansprüchen ihrer damals noch sehr anziehenden Gestalt , den Ansprüchen der schönen Reste einer jugendlichen Epoche noch keineswegs entsagt hatte , aber doch schon nach mancherlei Unterstützungen des Einflusses greifen mußte , den sie auf die Gesellschaft ausüben wollte . Sie war lange zweifelhaft , ob sie , um bedeutend zu bleiben und zu erscheinen , mit den Empfindsamen gehen sollte . Sie sahe , daß diese Partei großen Einfluß hatte und auf den nicht mehr verheiratheten greisen Landesfürsten Alles vermochte . Doch war die Maschine des Staats damals so einfach , der Gang der Geschäfte so trocken , die Politik so wenig anregend , daß es für guten Ton galt , sich nicht um das Öffentliche zu bekümmern und lieber für Italien , die Kunst , die Literatur , die Dichter , die