behauptet haben - macht sie nicht verantwortlich dafür , wo Ihr hättet widerstehen müssen ! « » Leset diesen Brief , Herr Graf , « fuhr der Geistliche fort - » er ist seit längerer Zeit für Euch angekommen , - und entscheidet Euch dann für Eure Rückkehr ! « » Und mein Kind ? « rief Leonin , indem er den Brief seiner Gemahlin erbrach . » Herr Graf , « sagte der Arzt - » wir müssen die Unglückliche schonen , die es jetzt eifersüchtig behütet . Wir hätten mehr zu fürchten , als wir verantworten könnten , wenn wir uns jetzt in ihren wilden , harten Schmerz drängten . Gut aufgehoben sind die ersten zarten Jahre des Kindes bei ihr ; wir sind ihr alle ein besonderes Zeugniß ihrer Tüchtigkeit schuldig und behalten jedenfalls einen Ueberblick , den sie mir namentlich , als Arzt nicht entziehen wird ; da sie weiß , daß sie mich nöthig haben kann . « Leonin schwieg noch immer ; aber als die Freunde sahen , daß er seine Augen auf den entfalteten Brief richtete , zogen sich Beide zurück , in einiger Entfernung ihn beobachtend . » Die Trennung , in der wir plötzlich leben , « schrieb Viktorine - » wird mir nicht hinreichend erklärt durch das , was man mich will glauben machen . Ihre Abreise konnte nur durch ein besonderes Ereigniß motivirt werden . Sie hätten mich um geringer Ursache Willen nicht verlassen , Ihre Familie nicht in Verlegenheiten gestürzt , die für Sie wichtig sind . Man sagt jetzt , Sie wären krank , und hält mich doch zurück , zu Ihnen zu reisen . Ich werde Ihre Antwort erwarten und hoffe , daß Sie mir selbst die Erlaubniß geben , zu Ihnen zu kommen , wenn Ihre Gesundheit Ihre Abreise verzögert ; denn dann ist mein Platz bei Ihnen , und ich habe keine höhere Pflicht , darf auch meiner eignen Gesundheit jetzt schon vertrauen . Lassen Sie nichts Fremdes zwischen uns treten ; - ich weiß Ihnen kaum auszudrücken , wie seltsam mich das berührt , was wie ein Geheimniß plötzlich zwischen uns tritt . Lassen Sie mich - was es auch sei - den mir zustehenden Platz Ihrer Freundin einnehmen . Ich traue hier Niemandem , ich höre mit Widerwillen und Mißtrauen , was man mir von Ihnen sagt - ich kann es Niemandem beweisen , und doch fühle ich , es ist nicht wahr ! Ihnen will ich glauben und gehorchen - - antworten Sie nicht , reise ich ab . Gott behüte Sie ! Viktorine . « » Antworten Sie nicht - reise ich ab , « rief Leonin - » o nein , das darf nicht sein ! Hier darf ihr Fuß nicht rasten - hier kann ich sie nicht wiedersehen ! « » So müßt Ihr also zu ihr , « sagten die beiden Freunde , die wieder näher traten - » dies edle Wesen darf nicht in die Verwirrung verflochten werden , die ihr hier nicht zu entziehen wäre . Schont wenigstens sie noch ! Ihr rettet nicht , was Euch verloren , wenn Ihr sie auch aufopfert . « » Ach , meine Freunde , « seufzte Leonin - » ich unterziehe mich Eurem Ausspruche ; denn ich habe kein Recht mehr , nach dem Einzigen zu greifen , was mir wohlthun könnte . Aber der Fluch , den ich auf mein Haupt herabgezogen , wird alle Verhältnisse berühren , in die ich zu treten wage . Ich werde Viktorine durch meine Rückkehr zu schützen suchen ; aber mein Anblick , mein zerstörtes Innere wird ihr nicht zu entziehen sein , und wenn sie Erklärung fordert , werde ich ihr die Wahrheit verhüllen und sie damit von mir fern halten , oder ich werde sie ihr gestehen und sie damit rettungslos unglücklich machen . « Die beiden Männer schwiegen gerührt - erschüttert von dem Zustande des Unglücklichen , und hauptsächlich durch die Ueberzeugung bewegt , daß er der Kraft ermangeln werde , seinem verworrenen Leben eine versöhnende Gestaltung zu verschaffen . Doch waren Beide , so lange er noch mit ihnen zusammen war , bemüht , ihn in seiner abgespannten , düstern Stimmung zu stützen und ihn zu einer schonenden Zurückhaltung gegen seine unglückliche Gemahlin zu bestimmen ; da sie nach dem , was sie über den edeln , aber festen und stolzen Karakter der jungen Gräfin vernommen hatten , nur annehmen konnten , daß die Erkenntniß ihres unberechtigten , durch den größten Frevel entweihten Verhältnisses , sie zu einer entschiedenen Trennung führen werde , die Beide dann gleich unglücklich machen mußte . Aber Alle blieben über den Erfolg ihrer Bemühungen unsicher . Es war neben einer kalten Verachtung des Lebens eine Bitterkeit , eine Geringschätzung gegen die Menschen und Zustände , die ihn früher beherrscht hatten , eingetreten , die sie mit Bedauern seiner geringen religiösen Entwicklung zurechnen mußten , und die ihnen wenig Hoffnung für seine Zukunft gab . Wir verlassen ihn hier , um zu erfahren , wie die Verhältnisse sich gestaltet , denen er in dieser Stimmung entgegen ging . Wenn wir die Zeit noch ein Mal auffassen , die wir uns bemühten , in ihren ungewöhnlichen Zuständen darzustellen , und wenn wir uns erinnern , welchen Standpunkt der König in dieser Steigerung aller Verhältnisse , mit einer , unsere Begriffe fast überbietenden Ausdehnung , einnahm , so werden wir vielleicht begreifen , welchen Eindruck eine persönliche Beleidigung gegen diese geheiligte Person , eine anscheinende Nichtachtung ihrer Herablassung hervorbringen mußte . Monsieur erschien augenblicklich , obwol es nicht die Stunde für ihn war , beim Könige , und Ludwig war so erstaunt , so zweifelnd an der Möglichkeit einer solchen Beleidigung , daß er unruhige und verlegene Blicke auf die erhitzten Züge seines Bruders richtete , unsicher , wie es schien , über das Befinden desselben . Aber er mußte sich endlich entschließen , diesen Angriff auf seine unbestrittene Würde anzuerkennen , und in