den Sohn nicht zuerst unter fremden Menschen wiedersehen will , und dieser Wunsch ist natürlich . Deßhalb befehlen Sie , daß Pferde und Wagen bereit gehalten werden , damit der junge Mann morgen fahren kann , sobald er es wünscht , und lassen Sie uns das Uebrige geduldig erwarten . Der Haushofmeister war es gewohnt sich in Ehrfurcht der Ansicht des Grafen zu fügen , aber dieß Mal schien ihm zu viel auf dem Spiele zu stehen , und als der Graf die Treppe hinauf stieg , eilte er zu seiner Freundin , der Professorin , um ihr die Gefahr mitzutheilen , in der sie schwebten , den auf ' s Neue zu verlieren , den sie sich beide gewöhnt hatten als den Sohn der Gräfin zu denken . Die ehemalige Dienerin zürnte über den Leichtsinn des Grafen und wählte nicht mit zu ängstlichem Zartsinn die Worte , um diesen Zorn auszudrücken . Doch beruhigte sie sich nach einigem Nachdenken durch die Vorstellung , daß der Graf wenigstens darin Recht habe , wenn er meinte , die Kinderräuberin , wie sie ohne Umstände St. Juliens Mutter nannte , könne doch nicht wissen , daß jemand im Schlosse sei , der ihr Recht an diesen Sohn sich erlauben würde zu prüfen , und sie rieth dem Haushofmeister , mit guter Manier darauf zu sehen , daß der junge Mann nicht seinen Urlaubsschein oder andere Papiere mitnähme , auf die er sich einen Paß verschaffen könnte . Dübois versprach , so viel es die Bescheidenheit erlaubte , darauf zu achten . Der Graf fand seine Hausgenossen aufgeregt durch die Nachricht der nahen Ankunft einer Frau , in deren Gegenwart sich eines Jeden Lage verändern mußte . Der schwermüthige Blick der Gräfin haftete auf St. Julien . Es wurde ihr heute zum ersten Male recht klar , wie schwer es ihr werden würde , die Rechte einer Andern anzuerkennen , denn sie fühlte , wie innige mütterliche Gefühle sie selbst für den jungen Mann im Herzen hegte . Emilie und St. Julien suchten sich zu nähern und wagten doch einander nichts zu sagen . Der Obrist ging im Saale auf und ab , und wiederholte von Zeit zu Zeit , ein braver Soldat müsse seiner Fahne treu bleiben unter allen Umständen , und die Festigkeit eines Mannes zeige sich nicht bloß in der Schlacht , sondern vorzüglich dann , wenn es darauf ankäme , Gefühle des Herzens zu besiegen . Graf Robert und Therese waren in das Vorgefühl der eigenen Trennung verloren , und die Ankunft des Grafen erheiterte die Mienen nur auf kurze Zeit . So war der Abend ziemlich traurig verstrichen . Am andern Morgen zeigte sich Dübois bei St. Julien geschäftig , um den Rath seiner erfahrnen Freundin zu befolgen , aber zu seiner großen Beruhigung nahm der junge Mann gar nichts mit sich und würde in seiner kummervollen Zerstreuung selbst seine Börse vergessen haben , wenn sie ihm der Haushofmeister nicht gereicht hätte . Heute Abend bin ich zurück , sagte er , indem er dem alten Manne freundlich die Hand reichte . Dann verließ er das Zimmer , eilte mit leichtem Schritte die Treppe hinunter , warf sich hastig in den Wagen , der schnell dahin rollte und , wie es Dübois in diesem Augenblicke schien , das Glück des Hauses entführte . Der Tag verstrich den Schloßbewohnern langsam , in peinvoller Stimmung des Gemüths . Der Graf konnte sich die Ungerechtigkeit nicht abläugnen , die darin lag , daß eine Frau mit feindlichen Gefühlen von einer Familie erwartet wurde , der sie sich aus reinster Dankbarkeit nähern wollte . Doch konnte er eben so wenig , als die Andern dieß Gefühl besiegen , und er empfand jetzt , daß er viel fester daran glaubte , als er sich früher hatte gestehen wollen , daß der von Allen geliebte junge Mann der seiner Gemahlin geraubte und von ihr so innig geliebte Sohn sei . Die Gräfin , deren Seele keinen Gedanken mehr vor dem Grafen verbarg , hatte ihm längst bekannt , daß die große Aehnlichkeit St. Juliens mit dem Grafen Evremont , an den sie selbst die Stimme des jungen Mannes fortwährend erinnere , ihr Herz in die süße Täuschung eingewiegt habe , dieß könne ihr Sohn sein , daß sie deßhalb Mutterliebe für den jungen Mann fühle und seine Abreise ihr lebhaften Schmerz erregen würde . Emilie sagte nichts , aber der kummervolle Blick und die blassen Wangen verriethen ohne Worte ihr Gefühl . In solcher Stimmung war es natürlich , daß jeder von den Hausgenossen die Einsamkeit suchte , und der Graf Robert ritt zu dem Obristen Thalheim , wo , wie er es sich bewußt war , seine schöne Braut ihn mit reiner , unschuldvoller Zärtlichkeit erwartete . Der Arzt bemerkte kaum , daß etwas Ungewöhnliches in der Familie vorging . Alle Gedanken und Empfindungen , die nicht seiner Wissenschaft geweiht waren , richtete er mit seiner gewohnten Heftigkeit und unschuldigen Selbstliebe auf seine junge Verwandte , die mit ungeheuchelter Bewunderung seiner großen Gelehrsamkeit ihn aufrichtig verehrte und es nicht duldete , daß Jemand in ihrer Gegenwart über seine seltsamen Manieren scherzte , denn ihr schien diese Seltsamkeit von großer Gelehrsamkeit unzertrennlich , und sie sprach für ihr Alter mit großem Ernst und tiefem Gefühl über den edeln Beruf eines Arztes , der sich großmüthig ganz der leidenden Menschheit weiht , keine Stunde eigentlich für sich lebt , sondern jeden Augenblick bereit sein muß , sein Dasein für Andere zu benutzen , und den selbst Gefahr des Lebens nicht davon abschrecken darf , seinen Beruf zu erfüllen . Der Arzt war viel zu eitel , als daß er in solchen Schilderungen nicht sein Bild erkannt haben sollte , und sein Herz entzündete sich für die junge Verehrerin mit zärtlicher Liebe . Die Wittwe des Professors freute sich stillschweigend darüber , daß Alles sich nach ihren Wünschen zu fügen schien , und ihr Wohlwollen für den Arzt mehrte sich täglich , obgleich sie stündlich schalt