ein Blitzstrahl vor ihm niedergeschmettert , so , von bleichen Schrecken ergriffen , fuhr Hippolit jetzt von seinem Sessel auf ; sie sank völlig erschöpft zurück , und eine bange Pause entstand , während welcher kein Laut den bebenden Lippen beider sich zu entringen vermochte . » Ist es möglich ? « rief endlich Hippolit mit unendlich schmerzlichem Ton und Blick . » Gabriele ! was habe ich verbrochen , daß Sie so mich strafen ? Jetzt erst verstehe ich Ihre Meinung ; ich werde zum zweitenmal verbannt . Doch weshalb ? und warum so ? O Gabriele ! und warum eben so ? Wie ist es möglich , daß ich so ganz und gar keiner Schuld mir bewußt bin , und doch schwer genug gefehlt habe , um dieses zu verdienen ? Ich sehe es wohl , gnädige Frau ! ich habe Ihre Achtung , mein einziges Glück verscherzt , denn Sie , Sie sonst so wahr und offen gegen jedermann , Sie sind es nicht mehr gegen mich ! « Vom Schmerz überwältigt , wandte sich hier Hippolit mit verhülltem Gesicht von Gabrielen ab , während sie vergebens nach Athem rang zu beruhigenden tröstenden Worten . » Gnädige Frau , « begann Hippolit wieder mit einem ganz eignen , an Verzweiflung gränzenden Ausdrucke , » ich flehe , « rief er halb knieend , » ich flehe darum wie ein Schwerverwundeter um den Tod , sagen Sie mir : ich sey unwürdig in Ihrer Nähe zu athmen , sagen Sie mir , ich soll fort , ich soll aus der Welt , ich will nicht mehr fragen , warum ? denn sie können nicht ungerecht seyn ; aber sagen Sie es mir nur unumwunden , geben Sie es mir nur nicht so zu verstehen , nur nicht so ! O mein Gott , nur nicht so ! « » Ich wollte - ich will Ihr Glück ! « hauchte Gabriele fast unhörbar . » Mein Glück ! « erwiderte Hippolit , » Sie wollten mein Glück ! und zeigen mir deshalb , daß es noch ein höheres Unglück für mich giebt als das , von Ihnen verbannt zu seyn , ein Unglück , dessen Möglichkeit ich vor einer Stunde noch nicht ahnen konnte ! Gabriele achtet mich nicht mehr ihrer Befehle würdig , sie will mich nicht ausdrücklich verbannen , sie will mich vertreiben . Dagegen freilich ist Verbannung Seligkeit ! « rief er , wie außer sich . Doch mitten im höchsten Sturme seines empörten Gemüths fiel ein Strahl aus Gabrielens jetzt überquellenden Augen auf ihn und er verstummte . Gefaßter näherte er sich ihr nach einigen Augenblicken , und betrachtete sie mit immer steigender Wehmuth . » Oder wäre es möglich ? konnten Sie wirklich wähnen ? « fragte er jetzt so sanft und leise als er es nur vermochte , » konnten Sie es ? Nein es ist unmöglich ! eben so unmöglich , als daß Sie zu einer Ehe ohne Liebe mich führen , mich zum Heuchler , zum Meineidigen herabwürdigen wollten . Verzeihung , daß ich in dieser Trostlosigkeit einen Gedanken nur zu berühren wage , der Ihnen so fern steht . Einmal nur noch würdigen Sie mich Ihres Vertrauens , um meine Zweifel zu lösen , « setzte er bittend hinzu , » Ihr Schweigen treibt mich sonst dem Wahnsinn entgegen , ich flehe darum , erklären Sie mir , was meine schwachen Sinne zu begreifen nicht vermögen . « Gabriele sammelte jetzt alle ihre Kraft , um ihm mild und begütigend die zitternde Hand wie zur Versöhnung zu reichen . Er hielt sie , doch wagte er es nicht , sie an seine Lippen zu drücken , sein Auge ruhte in angstvoller Erwartung auf dem ihrigen . » Ich wollte Ihr Glück , « wiederholte sie endlich , » ich will es stets , ich werde es immer wollen , möge dieß Ihnen genügen , forschen Sie nicht weiter . « » Mein Glück ? « rief er sehr bewegt . » Und wo ist es außer bei Gabrielen ? O lassen Sie es stets nur bleiben wie es war ! ich verlange ja nichts Höheres . Lassen Sie mich nur in Ihrer Nähe , nur täglich Sie sehen , mehr will ich nicht , doch hieran hängt mein Leben . « » Gabriele ! « fuhr er nach einer kleinen Pause fort , » Sie sind bewegt , erschöpft , und alles in dieser Stunde Vorgegangne ist mir so unbegreiflich ! doch ich frage nicht , ich forsche nicht . Nur ein Blick , ein Wink sage mir , daß auch Sie des Gegenstandes dieser Unterredung nie wieder erwähnen wollen , nur dieß gewähren Sie mir , und ich bin wieder ruhig . « Mit schmerzlichem Lächeln hob Gabriele das trübe Auge zu Hippoliten auf und senkte hocherröthend schnell es wieder . Ein Blick drückte Hippolits Dank aus . Ruhiger setzte er dann hinzu : » Ich sehe es aus Ihrem Schmerze , ich fühle es in meiner Brust , es war nicht Gabriele selbst , die vorhin jene entsetzlichen Worte zu mir sprach , aus dieser reinen Seele konnten sie nicht kommen . Ich ahne fremde Einwirkung ; vielleicht war es Ihr Gemahl , vielleicht sogar - nein ich frage , ich forsche nicht weiter , « setzte er schnell hinzu , da er Gabrielens Bewegung bei diesen Worten bemerkte ; » ich will sogar jetzt Sie der Ruhe überlassen , deren Sie so sichtlich bedürfen , ich gehe freudig , denn ich darf zur glücklichen Stunde wieder kommen , und bin nicht verbannt . « Der Zustand , in welchem Gabriele nach Hippolits Entfernung allein zurückblieb , läßt sich kaum in Worte fassen . Lange ruhte sie in jener stillen wehmüthigen Ermattung , der treuen tröstenden Nachfolgerin zerreißender Schmerzen , in der wir es nicht wagen , uns zu regen , kaum zu athmen , und nur ganz leise , leise uns sagen : es ist überstanden !