Wege bis zu den letzten Verzweigungen der Erkenntnis organisch gelangen und von diesem Grund aus die Gipfel eines jeden Wissens uns nach und nach aufbauen und befestigen können . Wie uns hiebei die Tätigkeit des Zeitalters fördert und hindert , ist freilich eine Untersuchung , die wir jeden Tag anstellen müssen , wenn wir nicht das Nützliche abweisen und das Schädliche aufnehmen wollen . Man rühmt das achtzehnte Jahrhundert , daß es sich hauptsächlich mit Analyse abgegeben ; dem neunzehnten bleibt nun die Aufgabe : die falschen obwaltenden Synthesen zu entdecken und deren Inhalt aufs neue zu analysieren . Es gibt nur zwei wahre Religionen , die eine , die das Heilige , das in und um uns wohnt , ganz formlos , die andere , die es in der schönsten Form anerkennt und anbetet . Alles , was dazwischen liegt , ist Götzendienst . Es ist nicht zu leugnen , daß der Geist sich durch die Reformation zu befreien suchte ; die Aufklärung über griechisches und römisches Altertum brachte den Wunsch , die Sehnsucht nach einem freieren , anständigeren und geschmackvolleren Leben hervor . Sie wurde aber nicht wenig dadurch begünstigt , daß das Herz in einen gewissen einfachen Naturstand zurückzukehren und die Einbildungskraft sich zu konzentrieren trachtete . Aus dem Himmel wurden auf einmal alle Heiligen vertrieben und von einer göttlichen Mutter mit einem zarten Kinde Sinne , Gedanken , Gemüt auf den Erwachsenen , sittlich Wirkenden , ungerecht Leidenden gerichtet , welcher später als Halbgott verklärt , als wirklicher Gott anerkannt und verehrt wurde . Er stand vor einem Hintergrunde , wo der Schöpfer das Weltall ausgebreitet hatte ; von ihm ging eine geistige Wirkung aus , seine Leiden eignete man sich als Beispiel zu , und seine Verklärung war das Pfand für eine ewige Dauer . So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischet , so erfrischet das Gebet die Hoffnungen des Herzens . Ich bin überzeugt , daß die Bibel immer schöner wird , je mehr man sie versteht , d.h. je mehr man einsieht und anschaut , daß jedes Wort , das wir allgemein auffassen und im besondern auf uns anwenden , nach gewissen Umständen , nach Zeit- und Ortsverhältnissen einen eigenen , besondern , unmittelbar individuellen Bezug gehabt hat . Genau besehen haben wir uns noch alle Tage zu reformieren und gegen andere zu protestieren , wenn auch nicht in religiosem Sinne . Wir haben das unabweichliche , täglich zu erneuernde , grundernstliche Bestreben : das Wort mit dem Empfundenen , Geschauten , Gedachten , Erfahrenen , Imaginierten , Vernünftigen möglichst unmittelbar zusammentreffend zu erfassen . Jeder prüfe sich , und er wird finden , daß dies viel schwerer sei , als man denken möchte ; denn leider sind dem Menschen die Worte gewöhnlich Surrogate ; er denkt und weiß es meistenteils besser , als er sich ausspricht . Verharren wir aber in dem Bestreben : das Falsche , Ungehörige , Unzulängliche , was sich in uns und andern entwickeln oder einschleichen könnte , durch Klarheit und Redlichkeit auf das möglichste zu beseitigen . Mit den Jahren steigern sich die Prüfungen . Wo ich aufhören muß , sittlich zu sein , habe ich keine Gewalt mehr . Zensur und Preßfreiheit werden immerfort miteinander kämpfen . Zensur fordert und übt der Mächtige , Preßfreiheit verlangt der Mindere . Jener will weder in seinen Planen noch seiner Tätigkeit durch vorlautes widersprechendes Wesen gehindert , sondern gehorcht sein ; diese wollen ihre Gründe aussprechen , den Ungehorsam zu legitimieren . Dieses wird man überall geltend finden . Doch muß man auch hier bemerken , daß der Schwächere der leidende Teil , gleichfalls auf seine Weise die Preßfreiheit zu unterdrücken sucht , und zwar in dem Falle , wenn er konspiriert und nicht verraten sein will . Man wird nie betrogen , man betriegt sich selbst . Wir brauchen in unserer Sprache ein Wort , das , wie Kindheit sich zu Kind verhält , so das Verhältnis Volkheit zum Volke ausdrückt . Der Erzieher muß die Kindheit hören , nicht das Kind . Der Gesetzgeber und Regent die Volkheit , nicht das Volk . Jene spricht immer dasselbe aus , ist vernünftig , beständig , rein und wahr . Dieses weiß niemals für lauter Wollen , was es will . Und in diesem Sinne soll und kann das Gesetz der allgemein ausgesprochene Wille der Volkheit sein , ein Wille , den die Menge niemals ausspricht , den aber der Verständige vernimmt und den der Vernünftige zu befriedigen weiß und der Gute gern befriedigt . Welches Recht wir zum Regiment haben , darnach fragen wir nicht - wir regieren . Ob das Volk ein Recht habe , uns abzusetzen , darum bekümmern wir uns nicht - wir hüten uns nur , daß es nicht in Versuchung komme , es zu tun . Wenn man den Tod abschaffen könnte , dagegen hätten wir nichts , die Todesstrafen abzuschaffen , wird schwerhalten . Geschieht es , so rufen wir sie gelegentlich wieder zurück . Wenn sich die Sozietät des Rechtes begibt , die Todesstrafe zu verfügen , so tritt die Selbsthülfe unmittelbar wieder hervor , die Blutrache klopft an die Türe . Alle Gesetze sind von Alten und Männern gemacht . Junge und Weiber wollen die Ausnahme , Alte die Regel . Der Verständige regiert nicht , aber der Verstand ; nicht der Vernünftige , sondern die Vernunft . Wen jemand lobt , dem stellt er sich gleich . Es ist nicht genug , zu wissen , man muß auch anwenden ; es ist nicht genug , zu wollen , man muß auch tun . Es gibt keine patriotische Kunst und keine patriotische Wissenschaft . Beide gehören , wie alles hohe Gute , der ganzen Welt an und können nur durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden , in steter Rücksicht auf das , was uns vom Vergangenen übrig und bekannt ist , gefördert werden . Wissenschaften entfernen sich im ganzen immer vom Leben und kehren nur durch einen Umweg