indessen sollte , meines Bedünkens , auch der Umstand in Betrachtung kommen , daß , dem gemeinen Volksglauben nach , alle Heroen und Heroiden jener Zeit halbbürtige , mit Sterblichen erzeugte Götterkinder waren , und also der Abstand zwischen Göttern und Menschen bei weitem nicht so groß schien , daß es billig wäre , dem Dichter zum Vorwurf zu machen , wenn er sich hierin den Begriffen seiner Zeitgenossen fügte ; zumal da er das Menschenähnliche seiner Götter fast immer dermaßen zu veredeln weiß , daß in Stellen , wo sein Genius sich zum wirklichen Anschauen dieser himmlischen Naturen zu erheben scheint , selbst Pindars mächtiger Adlersflug sich nicht höher aufzuschwingen vermocht hat . Oder bedarf es etwa hiervon eines stärkern Beweises , als daß es ja eben der Homerische Götterkönig war , der den größten Bildner unsrer Zeit mit der hohen Idee begeisterte , die wir in seinem Jupiter Olympius so rein und kraftvoll dargestellt sehen , daß wir bei dessen Anblick , wie vom Schauder des gegenwärtigen Gottes ergriffen , die Augen niederzuschlagen genöthigt sind und den Boden unter uns erzittern zu fühlen glauben ? - Gesetzt aber auch ( was kein unbefangener Leser Homers zugeben wird ) der Dichter hätte durch seine Art die Götter reden und handeln zu lassen dem leichtfertigen Diagoras zu seinen Zerrbildern Gelegenheit gegeben ; mit welchem Grunde kann er es unsern größten Meistern übel nehmen , daß sie alle Nerven ihrer Phantasie angestrengt haben , sich vermittelst dessen , was an der menschlichen Natur das Schönste , Reinste und Vollkommenste ist , zu so hohen Idealen von Göttergestalten zu erheben , daß wir in ihren Werken , wie in theurgischen Erscheinungen , Götter zu sehen glauben , wiewohl wir im Grunde nur Menschen sehen ? Ist es ihnen nicht vielmehr zum Verdienst anzurechnen , daß sie , in eben dem Augenblick da sie die Religion des Volkes durch die würdigsten Darstellungen , deren der gemeine Menschensinn fähig ist , reinigen , den Menschen zugleich anschaulich zu machen suchen , welcher Würde ihre eigene Natur fähig sey . Verzeihe mir , Lieber , daß ich mich in meinem gerechten Unwillen so lange bei einer Sache verweile , worüber wir , deiner anscheinenden Gleichgültigkeit ungeachtet , unmöglich verschiedener Meinung seyn können . Ich kann dir nicht ausdrücken , wie angenehm es mir ist , dich wieder mitten in der schönen Hellas zu wissen , in welcher ich noch immer durch die Erinnerung zur Hälfte lebe . Mir ist als ob du mir um so viel näher wärest ; und auch Musarion , die Schöne und Gute , schmeichelt sich , ihre theilnehmende , wiewohl unsichtbare , Gegenwart dir und ihrer edeln Freundin bis in Aegina fühlbar zu machen . 22. Aristipp an Kleonidas . Schon zwei bis drei Monate , lieber Kleonidas , suche ich eine Gelegenheit dich zu benachrichtigen , daß ich mich zum drittenmal wieder im Schutz der hehren Athene befinde , und durch Vorsorge unsers Freundes Eurybates eine bequeme Wohnung nicht weit vom Pompeion und dem Tempel der Demeter bezogen habe . Ich bin dadurch dem Hafen um so näher , wohin mein unbescholtener Aethiopier tagtäglich zweimal traben muß , um sich zu erkundigen , ob irgend ein Fahrzeug aus euern Gegenden angekommen oder dahin abzugehen begriffen sey . Aber auch jetzt danke ich es bloß dem verwöhnten Gaumen der Athener , denen unser stinkendes Silphi zu einem unentbehrlichen Küchenbedürfniß geworden ist , daß ich endlich eine Gelegenheit aufgetrieben habe , diese Epistel an dich gelangen zu lassen . Vor allen Dingen , Freund , laß dir sagen , daß die holden Kechenäer sich wieder auf der höchsten Spitze ihres stolzen Selbstgefühls wiegen : denn , um mit Einem Wort alles zu sagen , sie haben wieder Mauern ! und zwar noch höhere und festere als die alten , die ihnen Lysander vor zwölf Jahren niederreißen ließ : sie haben wieder neue Mauern , und ( worauf sie sich am meisten zu Gute thun ) ohne daß es sie einen Heller kostet . Du wunderst dich wie das zuging ? Wisse also , daß der schlaue Konon , ihr zweiter Themistokles82 ( wie sie ihn zu böser Vorbedeutung nennen ) , Konon , ein eben so gewandter Staatsmann als braver Seeofficier , seinen berühmten Sieg über die Spartaner bei Knidos durch seinen Gönner den Satrapen Pharnabaz in einen so hohen Anschlag bei dem großen Könige zu bringen gewußt hat , daß dieser eine sehr staatskluge Partei zu nehmen glaubte , wenn er den Athenern wieder zu ihrem ehmaligen Uebergewicht über Sparta , seine zeitherige Feindin , und zum ersten Rang unter den Griechischen Republiken in Europa behülflich wäre . Die Wiederherstellung der Mauern von Athen ( eine Kleinigkeit für die unerschöpflichen Schatzkammern des Königs der Könige ) war zu dieser Absicht , und also ( wie es freilich von Seiten der Perser gemeint war ) zum Dienste des Königs unumgänglich . Konon betrieb das Werk mit unsäglichem Eifer ; alles was Hände hatte wurde angestellt ; von allen Enden Griechenlands strömten die Arbeiter schaarenweise herbei ; der König bezahlte mit blanken Dariken , und der Satrap ließ sich den Auftrag geben mit einer ansehnlichen Flotte , wozu die Griechischen Städte in Karien und Ionien Mannschaft und Schiffe lieferten , die Unternehmung zu beschützen . Mehr brauchte es nicht , um den Attischen Autochthonen - die , so lange ihre von Lysandern erlittne Schmach durch die Offenheit ihrer Stadt und ihres Hafens noch augenscheinlich beurkundet wurde , die Flügel ziemlich demüthig sinken ließen - auf Einmal ihren ganzen Uebermuth wieder zu geben . Kaum erhoben sich ihre neuen Mauern , kaum hatte ihnen Konon mit der Persischen Flotte , deren Anführung ihm der Satrap überlassen hatte , wieder zu ihrer alten Tyrannie über die kleinern Inseln verholfen , so war auch alles Vergangene wieder rein vergessen ; so betrachteten sie sich selbst wieder als die Herren der Welt , und den König , ihren Wohlthäter , als ihren bloßen Zahlmeister , der