Augen und schluchzte bitterlich . — „ Ist das mein herziges Käthchen , das ich weinen höre ? “ fragte plötzlich eine wohlbekannte Stimme , und als Käthchen aufschaute , sah es Herrn Leonhardt , geführt von seinem Sohn , daherkommen . Der junge Herr Leonhardt war hoch und schlank gewachsen , klar und mild im Ausdruck und schön von Angesicht , ein Jüngling im echtesten Sinne des Wortes , wie man sich den verratenen Lieblingssohn Jakobs denkt . Es lag eine biblische Poesie in der Hingebung , mit der er die unsicheren Schritte seines blinden Vaters leitete , seine Augen waren zur Erde gesenkt , um auf jede Unebenheit zu achten , woran des Vaters Fuß straucheln könnte , und dennoch war es , als strahle ein heller Glanz durch die gesenkten Lider . Den leichten Strohhut schwang er in der Hand hin und her , und das blonde Haar umwallte die edle Stirn in reichen Locken . Käthchen verging alles Weinen , da sie ihn sah . Er war ja die einzige Lichtgestalt unter den plumpen Bauern , und wie sehr sie auch seinen Vater geehrt und geliebt , der Sohn stand ihrem kindlichen Sinne näher , denn er war jung , kaum zwölf Jahre älter als sie , und die Jugend findet sich stets zusammen . Es stand auf und schwankte den Beiden ein paar Schrittchen entgegen . „ Nu , Käthi , Du tapferes Mädchen , das nicht geweint hat , als ihm der Arm abgenommen worden , was ist Dir denn geschehen ? “ sagte der junge Walter und ließ seinen Vater sich auf die Bank neben ihr niedersetzen . „ Sie schelten mich , “ klagte Käthchen , „ weil ich es so gut habe und von einer Herrschaftskutsche überfahren worden bin . Sie neiden mir mein Glück und Keiner kann mich mehr leiden . Das soll aber nicht so sein , ich will nichts vor den andern armen Krüppeln voraus haben , ich will ihnen auch etwas abgeben von meinem Reichtum . Der Sepp hätt ’ s viel nötiger gehabt und viel besser verdient als ich und hat nichts für den Stein bekommen , der auf ihn fiel , und er ist doch ein großer , erwachsener Mann . Ich aber bin ja nur so ein kleines , dummes Kind , das noch nicht einmal eine Arbeit versäumt , wenn ’ s stille sitzt , und mir haben sie so viel Geld dafür gegeben ! Ich will ’ s aber nicht allein behalten , und die Eltern sollen ’ s auch nicht allein behalten , sie sind ja gesund . Ich will ’ s mit denen Allen teilen , die einen Schaden haben wie ich ! “ „ Aber , mein liebes Käthchen , “ sagte Herr Leonhardt gerührt , „ Du bist gar zu großmütig gegen die Leute , die Dir doch so wehe getan . Wenn Du mit allen Krüppeln und Bresthaften96 im Dorfe teilen wolltest , so würde für Dich wenig übrig bleiben . Wenn aber der Himmel bestimmt hat , daß Du reich werdest und Jene arm bleiben , so mußt Du Dich ohne Gewissensbisse und dankbar seinem unerforschlichen Ratschluß fügen . Du kannst den Bedürftigen wohl tun , indem Du ihnen auf Deinen künftigen Grundstücken angemessene Arbeit gibst , wenn Ihr erst das große Kapital habt , das Dir noch in Aussicht gestellt ist . Bis dahin setz ihnen eine kleine wöchentliche Unterstützung aus , das ist besser , als ihnen eine große Summe zu schenken , die solche rohe Menschen nur zum Müßiggang , Trunk oder Spiel verleiten würde . “ „ Ja , das wäre recht schön — aber die Mutter läßt mir nichts . Ich kann ja Keinem einen Kreuzer schenken , sie leidet ’ s nicht . “ „ Billigt denn das Dein Vater ? “ fragte Walter , der das Kind mit stillem Entzücken betrachtete . „ Ach ! Er arbeitet den ganzen Tag auf unserm neuen Felde und kümmert sich um nichts . Die Mutter hat ’ s Geld aufgehoben , und wenn sie sagt : < < So soll ’ s sein > > — dann ist er stille . “ „ Aber wie reimt sich das mit der unerhörten Freigebigkeit Deiner Eltern an die Kirche ? “ „ Ja , ich habe der Mutter auch gesagt , sie hätte lieber den armen Leuten etwas von dem vielen Gelde gönnen sollen , das sie dem Herrn Vikar und dem Steinmetz für die Messen und das Kreuz zahlte , aber da hat sie , mich angefahren , ich sei ein dummes Ding . Das Geld sei ja dem lieben Gott geschenkt und dem etwas zu geben , sei klüger und profitlicher , als den Menschen , denn unser Herrgott sei mächtiger als diese und könne einem besser lohnen , was man für ihn tue . “ Herr Leonhardt wandte sich mit seinem milden Lächeln an seinen Sohn : „ Bezeichnet nicht das eine Wort die ganze Verderbnis dieser falschen Frömmigkeit ? Der liebe Profit allein veranlaßt sie , sich an den Höchsten zu wenden . Sie halten den Herrn für eine käufliche Kreatur , deren Protektion durch Bestechung zu gewinnen ist , und fühlen sich mit diesem einen Opfer aller andern Menschen- und Christen-Pflichten entbunden . O heilige — nein , nicht heilige — unheilige Einfalt ! “ „ Lieber Vater , “ sagte Walter , „ es ist und bleibt eben die alte Geschichte vom Ablaß , nur in anderer Form . < < Den Tetzel habt ihr ausgetrieben — die Tetzel aber sind geblieben > > könnte man da sagen , und Tetzel muß und wird es so lange geben , als es Menschen gibt , denen Geld das höchste Gut auf Erden ist und die es daher keineswegs unter der Würde des Herrn finden , sich gelegentlich auf Geldgeschäfte mit ihnen einzulassen ! 97 Der edle Gedanke des antiken Opfers liegt dem allem * zu Grunde : Polykrates warf