er gehe , wohin ihn sein Herz ziehe , und die Mutter werde sich dann wohl auch darein finden . Daran wollte er nicht erinnert sein , damit war ' s aus und vorbei für immer , und wie furchtbar sein Schmerz darüber war , er zuckte zusammen , wenn die fremde Hand mitleidig an die Wunde rührte , die nur der Tod heilen konnte . So stumpf , so todtraurig blieb er auch in den ersten Wochen nach seiner Heimkunft . Still lag er , die Hand auf dem Kopf seines treuen Hundes , den Blick ins Leere gerichtet , auf dem Sofa der Wohnstube oder im Lehnstuhl am Ofen , den am Fenster vermied er ängstlich . Niemand hatte ihm erzählt , welches Aufsehen seine Flucht im Städtchen erregt , welche Flüche und Verwünschungen sich über seinem Haupte entladen , weil er in deutscher Tracht heimgekehrt ; wahrscheinlich ahnte er es , aber nicht deshalb mied er den Sitz am Fenster . Nur niemand sehen und von niemand gesehen werden , in Ruhe sterben - das war alles , was er noch wollte . Selbst die Besuche des Marschallik und seiner Tochter rissen ihn nicht aus diesem dumpfen Hinbrüten , so lieb ihm die beiden Menschen waren , so sehr ihn ihr Mitgefühl rührte . Kamen sie , so gingen sie auch bald wieder , denn er selbst tat nie eine Frage ; was sie ihm erzählten , hörte er kaum an , wohl aber schien ihn ihre bloße Anwesenheit zu beunruhigen . Nur einmal , als er erfuhr , daß der neue Advokat und seine Gattin in den nächsten Wochen erwartet würden , belebte sich sein Gesicht . » Da kann ich wohl noch Abschied von ihr nehmen « , dachte er , aber gleich darauf wurden seine Züge wieder stumpf , » wozu - ich war ihr ja immer gleichgültig ! « Auch seine deutschen Bücher rührte er nicht mehr an , während er das Gebetbuch kaum noch aus den Händen ließ ; aber auch nach seinen Eltern tat er keine Frage , er fühlte sich ja schon auf dem Heimweg zu ihnen ! Die drei Menschen , die an ihm hingen , waren tiefbekümmert , aber nur dem Marschallik und Jütte war es klar , daß ihn nicht der Husten allein gebrochen . Frau Rosel gab wohl zu , daß er traurigen Herzens sei , » aber « , meinte sie , » das gibt sich mit der Krankheit . « Daß sie recht gehandelt , stand ihr unerschütterlich fest , aber sie vermochte auch nicht einzusehen , daß sie ein Opfer gefordert und empfangen . Im Gegenteil , schenkte ihm der Himmel die Gesundheit wieder , so hatte sie ihr Teil Verdienst daran , bei jenem elenden Leben unter Dirnen und Vagabunden wäre er verloren gewesen . Sie war sehr bestürzt , als ihr der Arzt eines Tages das Gegenteil sagte . Es war dies nach seinem zweiten Besuche zu Anfang April . Als ihn Frau Rosel , das erste Mal holte , wußte er von Sender nur , was alle Welt in Barnow erzählte : daß der unstete Mensch unter wandernde Gaukler geraten und von der Mutter zwangsweise zurückgebracht worden - das vermochte ihm kein tieferes Interesse einzuflößen . Er untersuchte den Kranken und meinte : es liege Grund zur Sorge vor , aber nicht zur Verzweiflung , bei guter Ernährung , Gemütsruhe und einer Molkenkur im Sommer könne er noch recht glimpflich davonkommen . Aber seither hatte ihm - er war ja auch der Arzt des Klosters - Pater Marian von Sender erzählt und das weckte seine Teilnahme . Obwohl ihn Frau Rosel nicht wieder holen ließ - Sender hatte so dringend gebeten , dies zu unterlassen , daß sie ihm den Willen getan - trat er eines Tages wieder in die Wohnstube . Er untersuchte den Kranken und schüttelte den Kopf . Dann ersuchte er die Frau , ihn mit Sender allein zu lassen , und sagte : » Ich glaube nun Ihre Geschichte zu kennen , eine echte , rechte Märtyrergeschichte . Aber zum Teil mindestens liegt es in Ihrer Hand , welchen Ausgang sie nimmt . So , wie Sie vor mir liegen , sind Sie das Musterbild eines Kranken , wie er nicht sein soll : apathisch , ja verzweifelt . So können Sie nie gesund werden . « Sender erhob abwehrend die Hand : » Das werd ' ich ohnehin nie mehr . « » Da wissen Sie mehr als ich « , erwiderte der Arzt . » Wie es um Sie steht , habe ich Ihnen schon vor Wochen gesagt . Sie werden sich auch bestenfalls Ihr Leben lang etwas mehr schonen müssen als andere , im schlimmeren viel mehr , an das schlimmste glaube ich nicht . Sie haben etwas von der Natur Ihres Vaters geerbt , dessen Kraft und Ausdauer in meiner Jugendzeit fast sprichwörtlich waren . Wer nach einem Blutsturz , wie Sie ihn vor einem Jahr hatten , und nach den furchtbaren Strapazen und Aufregungen Ihrer letzten Wanderung nur eben mit einem schweren Husten davongekommen ist , braucht nicht zu verzweifeln . « Sender lag schweratmend da , er erwiderte nichts . Auch der Arzt sprach nicht weiter , es war ja jedes Wort nutzlos . Wohl aber sagte er draußen Frau Rosel seine Meinung : » Nichts hätte für seine Krankheit schlimmer sein können , als diese Rückkehr . Dort wollte er leben , und hier will er sterben . « Das traf sie hart , aber sie glaubte es doch nicht recht . Umso besser verstand Pater Marian den Bericht des Arztes . » Wenn ich ihn nur besuchen könnte ! « rief er und schickte Fedko mit einem Schreiben an Sender , worin er ihm seinen Besuch oder doch Bücher anbot . Der Pförtner kam betrübt zurück . » Mit unserem armen Verrückten geht ' s zu Ende « , meldete er . » Er dankt für beides .