Vater zu vertreten . « Lange stand Dezimus unbemerkt an Rosens Seite , und als sie darauf seine Nähe spürte , starrten ihre Augen in unheimlicher Irre , als ob sie ihn nicht erkennten . Er zog sie in die Höhe ; schauernd und zitternd lag sie an seinem Herzen , bis endlich ein Tränenstrom den Krampf der Seele löste . » Er hat mir nicht mehr den Kelch der Versöhnung gereicht , aber lieb hat er mich gehabt bis zum letzten , « schluchzte sie , » wird er mich auch liebhaben dort , dort , wo er nun - alles weiß ? « » Ewig ! « sagte Dezimus , und dann führte er sie hinauf in das einstige Familienzimmer , unter die verdorrten Blumenstöcke und die lange abgewelkten Kränze ihrer Freudenzeit , und Hand in Hand feierten sie das Trauerfest ihrer Verwaisung . Sie sprachen nur von ihm oder schwiegen in der Erinnerung an ihn . Keine Frage über ihr gegenwärtiges Verhältnis oder das zu einem anderen wurde laut . In Dezimus ' Herzen aber hallte das letzte Vaterwort wider , und dieses Wort bedeutete : » Bleib und hilf meinem liebsten Kind ! « Und daß er bleiben werde , wurde als selbstverständlich auch in beiden Gemeinden angenommen . Am Morgen hatten sie ihren alten Pastor hinausgetragen , am Nachmittag kamen sie , ihren neuen Pastor willkommen zu heißen : die Kantoren , die Schulzen , der Pächter , die großen Hofbesitzer , alle voll Preis des Abgeschiedenen , aber auch voll guten Zutrauens in den , welcher ihn ersetzen sollte ; alle jedoch nebenbei mit einem Etwas auf dem Herzen , das sich befremdlich in Mienen , Achselzucken und halben Redensarten kundtat und immer noch eher zu der Kondolation als zu der Gratulation zu stimmen schien . Seltsam ! während der Trauerfeier war es Dezimus kaum aufgefallen , und jetzt fiel es ihm plötzlich ein : das Augenverdrehen und Kopfnicken und Schütteln und die Blicke , die nach dem vergitterten Pfarrstuhl geworfen wurden beim Erwähnen der schweren innerlichen Anfechtungen in des Greises letzten Lebenstagen . Waren die Zeitzustände gemeint , des Sohnes Verwundung - oder - was sonst ? Etwas deutlicher drückte sich der alte Thränhard aus , der bereits zu Vater Klausens Zeiten die Schulzenwürde bekleidet hatte . » Sie dauern mich , Herr Pastor ; grausam dauern Sie mich , « sagte er seufzend , nachdem er eben erst schmunzelnd des Herrn Pastors grausames Glück hervorgehoben hatte , in so jungen Jahren und obendrein in seinem eignen Orte , in eine so schöne Stelle gerückt zu sein . » Und daß der ehrwürdige Herr Pflegevater in seinen alten Tagen das noch erleben mußte ! « » Was erleben ? « hätte Dezimus fragen mögen , aber die Kehle war ihm zugeschnürt . Der Emeritus Beyfuß , als Respektsperson aus Bakelzeiten und als wandelnde Glocke der Gemeinde , glaubte noch weniger ein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen . » Danken Sie Ihrem Schöpfer , Herr Pastor , daß Sie noch so mit einem blauen Auge davongekommen sind , « meinte er . » Die Menschheit wird alle Tage schlechter ! aber , hören Sie , sehen Sie , ich habe dem Pudelkopf sein Lebtage nicht getraut . Schon da sie im kurzen Kittelchen und gestickten Höschen , Tag für Tag ein frisches Bukett im Schürzenbunde wie eine Bachstelze in meine Schulstube gewippt kam , da habe ich zu meiner Frau gesagt : Julchen , habe ich gesagt , die wird ihrem Manne einmal was zu raten aufgeben ! Na , bis zum Manne ist es - Gott sei Dank ! - nicht gekommen . Aber , hören Sie , sehen Sie , Herr Pastor , wenn zweie miteinandergehen , und es geht nachhero wieder auseinander , na , das kann einer alle Tage passieren sehen . Liebesstand ist nicht Ehestand . Wenn der Liebste aber für seine Liebste sein Blut vergossen hat und es um ein Haar bis zum Aufgebote gelangt ist , und nur die Gesundheit kommt dazwischen und nachhero die Fasten und nachhero der Krieg : mir nichts , dir nichts , bloß , weil er sich Herr Baron tituliert , sich mit einem so nichtswürdigen Rebellen einzulassen , dem der heilige Ehestand ein Kinderspott ist , dem alten ehrwürdigen Papachen ein Schnippchen zu schlagen , mit dem buckligen Fräulein , das seinen leiblichen Großvater , um ihn nach Herzenslust bemopsen zu können , in alten Tagen zum Saufaus macht , unter einer Decke zu spielen , alle Abende , - na , ich will nichts weiter verraten , aber hören Sie , sehen Sie , Herr Pastor , nehmen Sie mirs nicht übel , aber da steht einem der Verstand stille . « Die Pein der Gegenrede wurde dem armen Dezimus durch den eintretenden Martin und den Rückzug des Emeritus erspart . Seit dem Frühling in die unferne Festungsstadt versetzt , von welcher aus er mit blanker Klinge , aber gottlob ! ohne Blutvergießen , die kleinen Unruhen der Umgegend hatte zerstreuen helfen , war der brave Leutnant eilend herbeigekommen , dem Veteranen die letzte Ehre zu erweisen , und hatte schon am Grabe geweint wie ein rechter Held , der sich seiner Tränen nicht zu schämen braucht . Weinend stürzte er sich auch jetzt dem Freunde in die Arme . » Das war ein guter Mann , « schluchzte er . » Auf Ehre ! der Tod meines Vaters ist mir nicht so nahe gegangen wie der seine ; schon um des lieben Mädchens , deiner Rose willen . Aber sie soll gerächt werden , als ob sie meine leibliche Schwester wäre . Du darfst es nicht , weil du ein Geistlicher bist , und dir nimmt es am Ende auch kein Mensch übel , wenn du ihn nicht forderst . Du bist ja kein Offizier , nicht einmal bei der Landwehr . Aber ich , ich ! Verlaß dich auf mich ! Wie lange dürstet mich schon