die meisten Schaulustigen herbei . Viel gebräuchlicher war es , gemeine Verbrecher am Galgen aufzuknüpfen , zu rädern oder zu säcken , auch lebendig zu vergraben und zu pfählen , wobei ein förmlicher Wetteifer der Grausamkeit bei Verordnung und Vollziehung dieser und anderer gräßlichen Strafen stattfand . Ganz Nürnberg war auf den Beinen , müssig und geputzt wie an einem Festtag , um den gefährlichen Straßenräuber sterben zu sehen , den Viele kannten , weil er sich bei König Maxens Anwesenheit mit unter dessen Gefolge gemischt und mit den ehrsamen Nürnbergerinnen getanzt hatte . Gerade dadurch , daß sie nun seiner Enthauptung zusahen , meinten sie von sich selbst jeden Schimpf abzuwaschen und den seinen zu erhöhen . Auch Beatrix Immhof und die Hallerin fehlten nicht unter ihnen an den dicht besetzten Fenstern des Marktes ; die Hallerin hatte zumeist Ursache ihre Verachtung zu zeigen , denn Weyspriach ' s Aussagen über ihre feindlichen Pläne gegen die Scheurl und die Gunst , die sie ihm selbst erwiesen , waren zu den Ohren des Rathsherrn Haller gekommen und machten ihm nun ihre Bemühungen , Elisabeth als schuldig erscheinen zu lassen , doppelt verdächtig , so daß ihm nöthig schien , zur äußersten Vorsicht und Rücksicht zu rathen . - Das Läuten des Armensünderglöckchens , momentane Stille , dann Trommelwirbel und ein Aufschreien aus tausend und abermals tausend Menschenkehlen verkündete , daß der Henker sein Werk vollendet hatte . Ja , sie jubelten , die guten , gesitteten Nürnberger : es war der Triumph des Bürgerthums über das Raufboldthum der Ritterschaft , die sich selbst um ihr einstiges Ansehen gebracht - aber noch mehr war es das Aufheulen einer blutgierigen Bestie , die nach Blut dürstet und sich freut wenn sie welches gesehen . So war das Volk in diesem Augenblick , so jedes menschlichen Gefühls und höheren Gedankens baar - ein Ungeheuer , das sich in seiner natürlichen Wildheit zeigte . - Auch Elisabeth vernahm diese Trommelwirbel und dieses viehische Gebrüll , so abgelegen auch ihr Haus von dem Platz des Blutgerüstes war und das Zimmer , in dem sie weilte . Clara Pirkheimer war bei ihr und hatte ihr in derselben Stunde erzählt , was ihre Schwester Charitas im Kloster der heiligen Clara erlebt , wie sie in der Nonne Ulrike , Ulrich ' s von Straßburg Mutter entdeckt , und diese dann nicht eher habe sterben können , bis sie den Sohn auf ihrem Sterbebette gesegnet . » Und jetzt höre ich , « fuhr Clara fort , » daß Ulrich aus der Bauhütte ausgestoßen ist und gefangen fortgeführt worden - ich weiß nicht , welches Verbrechens man ihn zeiht ! « Elisabeth hatte mit steigender Theilnahme zugehört ; sie erbleichte und erröthete während dieser Erzählung - und jetzt , da der Trommelwirbel tönte , der das Ende eines Opfers der strafenden Gerechtigkeit verkündete , zuckte sie zusammen - in demselben Augenblick erfaßte sie die Vorstellung mit der furchtbarsten Angst : wenn Ulrich auch ein solches Opfer wäre ? - Aber nein ! das war unmöglich ! Wenn Ulrich ein Schuldiger war , der ihr so rein und heilig erschienen , wie der heilige Johannes selbst , dem er diente , dann gab es nur noch lauter Verbrecher in der Welt ! Wer konnte es wagen ihn anzuklagen ? Wie konnten die freien Maurer , deren Zierde und erster Künstler er gewesen war , ihn ausstoßen aus ihrer Genossenschaft , wenn sie nicht irgend eine Schuld an ihm gefunden ? Aber wieder : sie selbst war ja auch eine Unschuldige - und doch hatte man den Verdacht eines Verbrechens auf sie geworfen , vor dem ihre reine Seele schauderte ! Zwei Mal hatte er sein Leben für sie gewagt - jetzt war es an ihr , jetzt mußte sie Alles versuchen ihn zu retten ! Auf einmal blitzte ein Gedanke in ihr auf . » Wißt Ihr , ob König Max schon in Augsburg ist ? « fragte sie . Clara antwortete : » Ich glaube es « - aber sie begriff nicht , wie Elisabeth in demselben Augenblick eine müssige Frage nach dem König thun konnte , wo sie gemeint hatte , sie sei ganz ergriffen von Ulrich ' s Geschick - und darum fügte sie nichts weiter hinzu . Aber Elisabeth sagte : » Ich muß ihn retten , es ist meine Pflicht und ich hoffe , es ist in meiner Macht . Da mich der König mit der Nadel beschenkte , knüpfte er das Versprechen daran , daß ich , wenn ich einmal etwas von ihm zu bitten habe , ihm nur die Nadel zu zeigen brauche , um gewiß zu sein , daß er meinen Wunsch erfüllt . Ist es nun nicht schon zu spät , so kann ich Ulrich retten ; denn in wessen Händen er auch ist : des Königs Fürwort muß ihn befreien - muß ihm auch bei den Baubrüdern die verlorene Ehre wiedergeben ; Max ist ja selbst ein Baubruder und wird sich Ulrich ' s von Straßburg noch gar wohl erinnern . « » Ihr wolltet diesen Schritt für Ulrich thun ? « rief Clara staunend ; » Ihr könntet das wollen ? « Elisabeth fuhr zusammen - sie war ja selbst eine Gefangene ! In diesem Augenblick hatte sie das vergessen , sie hatte ja überhaupt sich selbst vergessen , ihr eigenes trauriges Geschick über das eines andern theuern Wesens - nach edler Frauenart . Was sie erst selbst zu Ursula gesagt , da diese um ihretwillen zu König Max hatte senden wollen , das mußte sie jetzt sich erst von Clara sagen lassen - und mehr als das ! sie fügte noch hinzu : » So wißt Ihr nicht , wie die Rede Eurer verruchter Feinde in Nürnberg geht ? daß diejenigen , die den schrecklichsten Verdacht auf Euch werfen , auch noch hinzufügen : Ihr hättet die gräßliche That vielleicht um dieses Baubruders Willen gethan ? « » Herr des Himmels ! « rief Elisabeth und verhüllte