die Sache erschien , so konnte er doch ein Lächeln über den Eifer seiner Verbündeten nicht unterdrücken . Er theilte nun ihr und Dübois mit , daß er gezwungen sei , auf einige Tage zu verreisen , und bat Beide , wenn die Mutter des jungen Mannes während seiner Abwesenheit kommen sollte , Alles genau zu beobachten und auf keinen Fall eine übereilte Abreise vor seiner Rückkunft zuzugeben , unter welchem Vorwande man sie auch vielleicht verlangen sollte , aber auch mit allen entscheidenden Schritten , die zu Entdeckungen führen könnten , bis zu seiner Rückkunft zu warten , damit Alles mit so viel Schonung für die Gräfin als möglich eingeleitet werden könne . Beide versprachen ihm pünktlich zu gehorchen , und die Wittwe des Professors sagte : Sie sehen , daß ich schweigen kann , das ist nur ein einfältiges Gerede , wenn die Männer immer darauf sticheln , daß die Weiber nicht schweigen können . Ist es mir der Mühe werth , so weiß ich meine Zunge wohl zu bändigen . Sie sehen , ich lebe hier Wochenlang und es brennt mir täglich auf dem Herzen , wenn ich sehe , wie kummervoll die Frau Gräfin den jungen Mann betrachtet . Ich möchte ihr gerne sagen : So öffnen Sie doch die Augen , wischen Sie die Thränen daraus hinweg , damit sie hell werden , und umarmen Sie das beweinte Kind , damit der nutzlose Jammer endlich endigt . Aber Sie haben mir so viel vernünftige Gründe angeführt , daß ich immer schweige und das Elend ruhig ansehe . Der Graf dankte ihr für ihre Standhaftigkeit und versicherte , daß er überhaupt nicht so nachtheilige Meinungen in Betreff der Klugheit und Zurückhaltung der Frauen hege , und daß ihr Beispiel auch jeden andern eines Besseren belehren müsse , und verließ mit Dübois die durch so freundliche Worte hochbeglückte Frau , um mit diesem noch nähere Verabredungen zu treffen für den Fall , daß St. Juliens Mutter während seiner Abwesenheit eintreffen sollte . Dieser ahnte nichts von den feindlichen Anstalten , die gegen eine Frau getroffen wurden , die sich ihm stets als eine zärtliche Mutter gezeigt hatte . Er sehnte sich mit dankbarer Liebe nach dem Augenblicke , in welchem sie ihn in die Arme schließen würde , und sein inniger Schmerz entstand nur aus der Ueberzeugung , daß diesem glücklichen Augenblicke die Trennung von zärtlich und leidenschaftlich geliebten Wesen folgen müßte . Der Graf hatte seine Reise nach Breslau angetreten und traf dort nun einen Tag früher ein , als er den Baron erwarten durfte . Er wollte diese Zeit dazu benutzen , um den Rath eines Rechtsgelehrten über den vorgeschlagenen Kauf früher zu nehmen , ehe er sich weiter gegen den Verkäufer erklärte . Doch war seine Vorsicht in sofern vergeblich , weil der Baron ebenfalls den Entschluß gefaßt hatte , einen Tag vor der verabredeten Zusammenkunft in Breslau zu sein , um den Rath eines Rechtsgelehrten zu benutzen , und das Schicksal wollte , daß Beide sich an denselben wendeten und schon in der ersten Stunde nach ihrer Ankunft zusammentrafen . Da der Baron sehr zu verkaufen wünschte und der Graf , nachdem er sich genau über Alles unterrichtet hatte , einsah , daß er wenigstens keinen großen Verlust zu befürchten habe , so war der Handel bald abgeschlossen . Der Graf übernahm alle auf den Gütern ruhenden Schulden , und der Baron empfing noch eine Summe baar , die er , wie er lächelnd bemerkte , mit Weisheit anlegen wollte , und theilte dem Grafen die willkommene Nachricht mit , daß er in drei Tagen sein Geburtsland zu verlassen und seiner Bestimmung entgegen zu eilen denke . Gegen seinen Wunsch war der Grundbesitz des Grafen so um eine bedeutende Herrschaft vermehrt worden , und er kehrte nur halb zufrieden nach Schloß Hohenthal zurück . Denn wenn es ihm auch erfreulich war , nun auf die Entfernung eines Verwandten rechnen zu dürfen , dessen Gegenwart seiner Gemahlin so schmerzlich werden konnte , so fühlte er doch , wie sehr seine Sorgen in der verhängnißvollen Gegenwart durch diesen neu erworbenen Grundbesitz vermehrt würden . Es war ihm nicht entgangen , daß die Gräfin sich zum Theil eben deßhalb von allem Umgange mit den Nachbarn zurückgezogen hatte , um der Gefahr eines zweiten schmerzlichen Zusammentreffens mit einem Bruder auszuweichen , der nur unheilbringend auf ihr Leben eingewirkt hatte , und er hoffte mit Recht , daß ihr die Nachricht , die er mitzutheilen hatte , erfreulich sein würde . Er hatte den kurzen Aufenthalt in Breslau auch dazu benutzt , für den jungen Gustav zu sorgen . Auch sein Vetter sollte reisen , und er sah ein , daß die Einsamkeit drückend werden müßte , wenn man sich noch ferner von den Nachbarn zurückhalten wollte . In diesen mannigfachen Betrachtungen hatte der Graf die Reise zurückgelegt und erreichte ziemlich ermüdet Schloß Hohenthal , denn der Spätherbst des Jahres achtzehn hundert und sieben war eingetreten . Die feuchte , kalte Luft durchschauerte den Grafen und er sehnte sich nach der wärmenden Flamme des Kamins . Mit bekümmerter Miene eilte ihm der Haushofmeister entgegen . Gottlob , daß Sie , gnädiger Herr , kommen , rief er ihm zu , ich bin in einer tödtlichen Verlegenheit . Was ist vorgefallen ? fragte der Graf ängstlich . Ein zweiter Brief der angeblichen Mutter des Herrn St. Julien , erwiederte der alte Mann , ist angekommen , und sie verlangt , er soll ihr bis zum nächsten Städtchen entgegen kommen . Wie kann man dieß verhindern ? Es ist besser , wir machen keinen Versuch dieß zu hindern , sagte der Graf nach einem Augenblicke des Nachdenkens . St. Julien kann nicht so von uns scheiden , auch wenn es von ihm gefordert würde , und auch sonst ist dieß , selbst wenn Ihre Vermuthung gegründet wäre , nicht wahrscheinlich ; denn unmöglich kann seine Mutter den Verdacht ahnen , den wir hegen . Mir scheint es , daß sie