Zehntes Kapitel . » Komm , Alte , komm , erzähle uns ein Mährlein ! « Gern , liebe Püppchen ; werdet Ihr aber auch das Grausen vertragen können ? Wer kein gut Gewissen hat , setze sich vor die Thüre , und bete indessen ein Vaterunser ! Kindermährchen . Das Schloß Neufalkenstein , der Sitz des Ritters Bechtram von Vilbel , hatte seit Langem nicht so viel Geplauder und Gelärm in seinen Mauern gefaßt , als seit der Zeit , da der Graft von Montfort dem Besitzer einen Besuch abgestattet , und demselben aufgetragen hatte , das schöne Fräulein von Baldergrün von der Heerstraße wegzufangen , zum schuldigen Dank für so manche Unbill , die der Graf zur Zeit , da er um das Edelfräulein warb , hatte ertragen müssen . Dem in dergleichen Aufträgen geübten Bechtram , welcher , nachdem er lange Jahre hindurch der Hauptmann der Reichstadt Frankfurt in Ehren und Frieden gewesen , vorgezogen hatte , das unedlere Gewerbe der Wegelagerei wieder zu ergreifen , war des Grafen von Montfort Aufgabe über alle Maßen trefflich gelungen , und die Beute richtig geworden . Ein solcher Fang warf zu viel an Gewinn ab , und war überhaupt so selten in der Rechnung der Herren vom Stegreif , als daß sich die Letztern nicht hätten etwas zu Gute thun sollen . Bechtram mit seinen Genossen bankettirte Tag aus , Tag ein , was doch sonst seine Sache nicht war ; seine Hausfrau hatte alle Hände vollauf zu thun , um ihre Gäste zu bewirthen , und Wallrade hatte in ihrem männlichen Geiste mit überraschendem Scharfblick den Standpunkt erfaßt , von welchem sie ohne weitere Demüthigung in das Gewühl um sie her herniedersehen konnte . So finster es auch in ihrem Innern wogte , so heiter und glatt hatte sie die Stirne gelegt . - Nicht die Gefangene schien sie zu seyn , - preisgegeben der harten Willkür räuberischer Wächter ; - eine Fürstin vielmehr , die sich es gefallen läßt , auf kurze Zeit von dem Gipfel ihrer Größe in ' s gemeinere Leben herniederzusteigen , und durch ihre Gegenwart das Haus eines ihrer ärmern Wasallen zu beglücken . Den Zwang , der sie drückte , wußte sie unvermerkt in den Hintergrund zu drängen , und zu ihrem Diener zu machen , daß es den Anschein hatte , als sey jede Beschränkung ihre freie Wahl . Sie sah auf den Lippen oder der Stirne ihrer Hüter keinen Befehl , keinen Wunsch schweben , den sie nicht plötzlich errathen , und zu ihrem eigenen Willen gemacht , ihn also geäußert hätte . Sie vermochte es über sich , dem ganzen Abenteuer eine scherzhafte Seite abzugewinnen , und dann und wann mit feinem Spott ihren Umgebungen merken zu lassen , daß der ganze Vorfall ihr nichts weniger , als wichtig erscheine , sondern im Gegentheile kurzweilig und ergötzlich , da er über Kurz oder Lang dennoch ein für sie erwünschtes Ende nehmen werde . Mit verächtlicher Kälte hatte sie ihre Kleinodien und ihre Baarschaft den Räubern hingegeben , mit unbefangner Ruhe hatte sie es mit angesehen , da Frau Else , Bechtram ' s Hauswirthin , ihre breitschultrige , unangenehme Gestalt mit diesen Kostbarkeiten geschmückt , und sich ihr also geputzt wie in höhnendem Scherz vorgestellt hatte . Den derben Übermuth des Burgherrn und seiner Freunde vergalt sie eben so mit unempfindlicher Derbheit , des Leuenberger ' s und Petronellen ' s schadenfrohen Spott mit schalkhaften Antworten , die die Lacher auf ihre Seite brachten ; und stand im Ganzen genommen da , nicht wie ein eingekerkert schwaches Weib , sondern wie ein zu Schutz und Trutz gerüsteter Kämpfer , der keine Blöße gibt , ohne die des Gegners zugleich zu treffen . - Je unerwarteter dieses Benehmen den Innsassen und Gästen Neufalkensteins war , je weniger verfehlte es seinen Zweck , und die kräftige Wallrade hatte die Genugthuung , bald den Erfolg zu beobachten . - Bechtram , sein Weib und seine Gesellen , rauhe Menschen , wie das wilde Leben in Fehde , Forst und abgeschiedner Veste sie zu gestalten pflegt , hätten die stillduldende Sanftmuth einer Unglücklichen unerbittlich zu Boden getreten ; aber der unduldsame Trotz , die kecke Widerspenstigkeit und Spottsucht Wallradens erschienen den Harten als Eigenschaften , eines bessern Schicksals , wie einer günstigern Behandlung würdig . Bechtram lächelte , wenn das Fräulein ihn einen grauen Taugenichts , seine Veste ein Raubnest schalt . Else duldete scherzend den Spott , welchen die gezwungne Gastfreundin über ihre unschmackhafte Küche aussprudelte . Der wilde Hornberger gerieth in Entzücken , sah er Wallraden auf dem Rücken seines Gauls , dessen Koller sie mit aller Kraft eines Mannes im wenig geräumigen Zwinger bändigte . Der schielende Doring , der wüste Reifenberger , der dicke Henne von Wiede , - Bechtram ' s Gefährten - so wie der ab und zu fahrende Eppsteiner bemühten sich um die Wette , das in Haft liegende Fräulein durch kurzweilig Gesprächsel zu vergnügen , oder durch ein Spiel im Brette , oder durch ein vom Zuge mitgebrachtes Geschenk . Der Leuenberger legte nach und nach , von Stunde zu Stunde , mehr von der Schroffheit ab , die er gegen seine Stiefnichte geäußert hatte , und wandelte sein Betragen in eine gewisse tölpische Höflichkeit und Augendienerei um , die von Wallraden nicht unbemerkt , so wie von allen Übrigen nicht ungeneckt blieb . Die Base Petronella endlich , verblüfft von dem ungezwungnen und freien Benehmen Wallradens , hatte so ziemlich ihre beißende Zunge zur Ruhe verwiesen , und ihren gewöhnliche Standpunkt eingenommen ; nämlich den einer Zeitvertreiberin , weil ihre Mährlein und Schnurren weit und breit in den adelichen Genossamen der Gegend guten Klang und Ruf hatten . Frau Else liebte das Erzählen im traulichen Kreise , und Wallrade forderte oft selbst die Muhme dazu auf , wenn sie den Zudringlichkeiten des Leuenbergers ein Ende machen wollte . War die Alte dann im Zuge , so entfernte sich Diether ' s Tochter gewöhnlich unvermerkt