, er gebärde sich , wie er wolle , und so auch ganze Nationen immer wieder zum Angebornen zurückkehren . Und wie wollte das anders sein , da ja dieses seine Natur und Lebensweise bestimmt . Die Franzosen haben dem Materialismus entsagt und den Uranfängen etwas mehr Geist und Leben zuerkannt ; sie haben sich vom Sensualismus losgemacht und den Tiefen der menschlichen Natur eine Entwickelung aus sich selbst eingestanden , sie lassen in ihr eine produktive Kraft gelten und suchen nicht alle Kunst aus Nachahmung eines gewahrgewordenen Äußern zu erklären . In solchen Richtungen mögen sie beharren . Eine eklektische Philosophie kann es nicht geben , wohl aber eklektische Philosophen . Ein Eklektiker aber ist ein jeder , der aus dem , was ihn umgibt , aus dem , was sich um ihn ereignet , sich dasjenige aneignet , was seiner Natur gemäß ist ; und in diesem Sinne gilt alles , was Bildung und Fortschreitung heißt , theoretisch oder praktisch genommen . Zwei eklektische Philosophen könnten demnach die größten Widersacher werden , wenn sie , antagonistisch geboren , jeder von seiner Seite sich aus allen überlieferten Philosophien dasjenige aneignete , was ihm gemäß wäre . Sehe man doch nur um sich her , so wird man immer finden , daß jeder Mensch auf diese Weise verfährt und deshalb nicht begreift , warum er andere nicht zu seiner Meinung bekehren kann . Sogar ist es selten , daß Jemand im höchsten Alter sich selbst historisch wird und daß ihm die Mitlebenden historisch werden , so daß er mit niemanden mehr kontrovertieren mag noch kann . Besieht man es genauer , so findet sich , daß dem Geschichtschreiber selbst die Geschichte nicht leicht historisch wird : denn der jedesmalige Schreiber schreibt immer nur so , als wenn er damals selbst dabei gewesen wäre ; nicht aber was vormals war und damals bewegte . Der Chronikenschreiber selbst deutet nur mehr oder weniger auf die Beschränktheit , auf die Eigenheiten seiner Stadt , seines Klosters wie seines Zeitalters . Verschiedene Sprüche der Alten , die man sich öfters zu wiederholen pflegt , hatten eine ganz andere Bedeutung , als man ihnen in späteren Zeiten geben möchte . Das Wort : es solle kein mit der Geometrie Unbekannter , der Geometrie Fremder in die Schule des Philosophen treten , heißt nicht etwa , man solle ein Mathematiker sein , um ein Weltweiser zu werden . Geometrie ist hier in ihren ersten Elementen gedacht , wie sie uns im Euklid vorliegt und wie wir sie einen jeden Anfänger beginnen lassen . Alsdann aber ist sie die vollkommenste Vorbereitung , ja Einleitung in die Philosophie . Wenn der Knabe zu begreifen anfängt , daß einem sichtbaren Punkte ein unsichtbarer vorhergehen müsse , daß der nächste Weg zwischen zwei Punkten schon als Linie gedacht werde , ehe sie mit dem Bleistift aufs Papier gezogen wird , so fühlt er einen gewissen Stolz , ein Behagen . Und nicht mit Unrecht ; denn ihm ist die Quelle alles Denkens aufgeschlossen , Idee und Verwirklichtes , potentia et actu , ist ihm klar geworden ; der Philosoph entdeckt ihm nichts Neues , dem Geometer war von seiner Seite der Grund alles Denkens aufgegangen . Nehmen wir sodann das bedeutende Wort vor : Erkenne dich selbst , so müssen wir es nicht im aszetischen Sinne auslegen . Es ist keineswegs die Heautognosie unserer modernen Hypochondristen , Humoristen und Heautontimorumenen damit gemeint ; sondern es heißt ganz einfach : Gib einigermaßen acht auf dich selbst , nimm Notiz von dir selbst , damit du gewahr werdest , wie du zu deinesgleichen und der Welt zu stehen kommst . Hiezu bedarf es keiner psychologischen Quälereien ; jeder tüchtige Mensch weiß und erfährt , was es heißen soll ; es ist ein guter Rat , der einem jeden praktisch zum größten Vorteil gedeiht . Man denke sich das Große der Alten , vorzüglich der sokratischen Schule , daß sie Quelle und Richtschnur alles Lebens und Tuns vor Augen stellt , nicht zu leerer Spekulation , sondern zu Leben und Tat auffordert . Wenn nun unser Schulunterricht immer auf das Altertum hinweist , das Studium der griechischen und lateinischen Sprache fördert , so können wir uns Glück wünschen , daß diese zu einer höheren Kultur so nötigen Studien niemals rückgängig werden . Wenn wir uns dem Altertum gegenüberstellen und es ernstlich in der Absicht anschauen , uns daran zu bilden , so gewinnen wir die Empfindung , als ob wir erst eigentlich zu Menschen würden . Der Schulmann , indem er Lateinisch zu schreiben und zu sprechen versucht , kommt sich höher und vornehmer vor , als er sich in seinem Alltagsleben dünken darf . Der für dichterische und bildnerische Schöpfungen empfängliche Geist fühlt sich dem Altertum gegenüber in den anmutigst-ideellen Naturzustand versetzt ; und noch auf den heutigen Tag haben die homerischen Gesänge die Kraft , uns wenigstens für Augenblicke von der furchtbaren Last zu befreien , welche die Überlieferung von mehrern tausend Jahren auf uns gewälzt hat . Wie Sokrates den sittlichen Menschen zu sich berief , damit dieser ganz einfach einigermaßen über sich selbst aufgeklärt würde , so traten Plato und Aristoteles gleichfalls als befugte Individuen vor die Natur ; der eine mit Geist und Gemüt , sich ihr anzueignen , der andere mit Forscherblick und Methode , sie für sich zu gewinnen . Und so ist denn auch jede Annäherung , die sich uns im ganzen und einzelnen an diese dreie möglich macht , das Ereignis , was wir am freudigsten empfinden und was unsere Bildung zu befördern sich jederzeit kräftig erweist . Um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit , Zerstückelung und Verwickelung der modernen Naturlehre wieder ins Einfache zu retten , muß man sich immer die Frage vorlegen : Wie würde sich Plato gegen die Natur , wie sie uns jetzt in ihrer größeren Mannigfaltigkeit , bei aller gründlichen Einheit , erscheinen mag , benommen haben ? Denn wir glauben überzeugt zu sein , daß wir auf demselben