dunkle Vorstellung muß denn doch wohl mit diesem unbegreiflichen Worte verbunden seyn . Denkst du dir die Natur vielleicht als eine unendliche Reihe an einander geketteter einzelner Dinge ? Diagoras . Ich sehe wohin du willst , Aristipp , und ich will dir die Mühe ersparen , mir die Ungereimtheit einer unendlichen Reihe von Eiern und Hühnern darzuthun . Ich denke mir die Natur als das einzige , ewige , unendliche Urwesen , und alles was ist als eine Art von Erzeugnissen , die es ewig aus sich selbst hervorbringt . Ich . Da hätten wir den Kronos der Dichter , der seine eignen Kinder aufißt , um immer neue zeugen zu können ? Diagoras . Oder , wenn du lieber willst , so stelle sie dir als den Proteus vor , der sich selbst in alle möglichen Gestalten wandelt . Ich . Für poetische Darstellungen mögen diese Bilder brauchbar genug seyn ; aber dem Verstande erklären sie nichts , und wir sind noch um kein Haar breit weiter als anfangs . Alles was ich sehe ist , daß du dich so gut als wir andern genöthigt fühlst , etwas Erstes , Unerklärbares , Unendliches , mit Einem Worte , Göttliches zu glauben , um dich nicht in einem Labyrinth von Fragen und Zweifeln zu verlieren , aus welchem kein Ausgang ist . - Diagoras . Und weiter wollen wir uns , wenn dir ' s gefällig ist , nicht versteigen . Mit diesen Worten führte mich Diagoras zu seinen Götterbildern zurück , um ( wie er sagte ) die Spinneweben wieder los zu werden , womit uns der Sophistische Dialog über Seyn und Nichtseyn den Kopf angefüllt habe . Er ließ mich eine Menge possierlicher Dinge bemerken , welche meiner Aufmerksamkeit entgangen waren , und überzeugte mich durch sein herzliches Wohlgefallen an den Mißgeburten seiner witzelnden Phantasie immer mehr , wie lächerlich es von mir gewesen wäre , über einen Gegenstand , für welchen er keinen Sinn hatte , in einem ernsthaftern Tone zu sprechen . Uebrigens muß ich dir sagen , daß mein Ton ungefähr der nämliche war , worin Sokrates mit den Sophisten , und allen andern , denen es ( wie er glaubte ) nicht ernstlich um Wahrheit zu thun war , von solchen Dingen zu disputiren pflegte ; und ich wollte diese Gelegenheit nicht vorbei lassen , dir eine kleine Probe zu geben , daß ich nicht drei Jahre lang mit einem solchen Meister in der subtilsten Dialektik gelebt habe , ohne ihm auch in diesem Stück etwas abzulernen ; wiewohl ich gern gestehe , daß die ihm eigene ironischeinfältige Miene , die er in solchen Fällen anzunehmen wußte , schlechterdings dazu gehört , wenn diese Manier zu philosophiren ihre ganze Wirkung thun soll . Ich werde erst jetzt gewahr daß meine Erzählung unvermerkt zu einem Buch angeschwollen ist , und der Griffel in meiner Hand zu zittern anfängt . - In wenigen Tagen , lieber Kleonidas , hoffe ich die schöne Minervenstadt wieder zu sehen , zu welcher ich mich , nach einer langen Trennung , von einer Art verliebter Sehnsucht hingezogen fühle . Daß vielleicht auch die Nähe von Aegina Antheil an dieser Gemüthsstimmung haben mag , warum sollt ' ich es vor einem Freunde wie du verheimlichen wollen ? 21. Kleonidas an Aristipp . Wenn ich nicht schon lange wüßte , daß du ein weiserer Mann , oder wenigstens ein nicht so heißer Liebhaber des Schönen bist als ich , so würde mich dein Benehmen gegen den leidigen Zerrbildner Diagoras davon überzeugt haben ; denn ich muß gestehen , mir wäre es unmöglich gewesen , beim Anblick seiner unartigen Machwerke Geduld zu behalten . Mag doch immerhin eine Art von Genie und Kunst dazu gehören , auch an lächerlichen Carricaturen nicht über eine gewisse Gränzlinie hinauszuschweifen , und das Burleskhäßliche nicht bis zum Ekelhaften , das Ueberladene und Verzerrte nicht bis zur gänzlichen Unnatur zu treiben : aber was berechtigt diesen Menschen , mit dem Muthwillen eines trunkenen Barbaren in das Heiligste der Kunst einzufallen , und , einer grillenhaften Phantasie zu Liebe , die Ideale alles Schönen , Lieblichen und Erhabenen zu verunstalten und in schmutzig possierliche Mißgestalten zu verkehren , wozu er die Urbilder aus den Hefen der pöbelhaftesten Natur zusammensuchen mußte ? Seine Götter und Göttinnen sind unstreitig die schlechteste Gesellschaft , die ein Mensch sich nur immer geben kann : aber mit welchem Recht erkühnt er sich , den Vater der Dichtkunst zu seinem Mitschuldigen zu machen ? und wie kann er , ohne von seinem eigenen Gefühl Lügen gestraft zu werden , vorgeben : » seine Zerrbilder seyen den Homerischen Göttern angemessener als die erhabenen Darstellungen eines Alkamenes und Phidias ? « - Es ist wahr , wie hoch Homer sich auch immer über sein Zeitalter hätte schwingen mögen , bis zur göttlichen Natur selbst vermocht ' er sich und uns nie zu erheben . Er mußte , gern oder ungern , die Götter zu uns herabziehen ; aber , da er nun einmal genöthigt war , sie entweder ganz aus dem Spiele zu lassen oder bloß als eine Art menschenähnlicher Wesen aufzuführen ; bestand da nicht die größte Kunst darin , sie , dessen was sie mit uns gemein haben ungeachtet , hoch genug über uns zu erheben , um einen stark in die Sinne fallenden und der Einbildung Ehrfurcht gebietenden Unterschied zu bewirken ? Ich denke man kann in dieser Rücksicht mit dem , was er geleistet hat , zufrieden seyn . Seine Götter nähren sich z.B. wie wir , aber weniger aus Bedürfniß als zum Vergnügen , von Ambrosia und Nektar , die ihren Leib in Unsterblichkeit und ewiger Jugend erhalten . Sie haben Leidenschaften wie wir ; aber auch diese sind nur erhöhte Aeußerungen übermenschlicher Kräfte , oder Wirkungen des lebhaften Antheils , den sie an den Menschen nehmen . - Niemand wird zu läugnen begehren , daß dem Dichter der Ilias bei allem dem noch Spuren der Rohheit seines Zeitalters ankleben :