“ Siebentes Kapitel . Käthchen mit dem silbernen Arm . Das war eine merkwürdige Geschichte in dem Dorfe Hochstetten ! Die ältesten Leute im Orte konnten sich solcher Ereignisse nicht entsinnen . Das große Unglück , das Kellers getroffen , hatte sich in das größte Glück verwandelt . Kellers , die armen verachteten Tagelöhner , waren reiche Leute geworden und sollten nächstens noch viel reicher werden . Dafür konnte sich das Käthchen schon den Arm abfahren lassen . Und da es ihm ja weiter nichts geschadet hatte , so war die Sache am Ende nicht einmal das viele Geld wert . Manch Einer war noch weit schlimmer zugerichtet worden , und es hatte sich keine Katze drum gekümmert , ja er war noch obendrein gepfändet worden , wenn bei der langen Arbeitsunfähigkeit Haus und Hof in Verfall kamen . Und diesem Glückskind flog für so ein einziges kleines Ärmchen ein ganzes Vermögen zu ! Wo war denn da die Gerechtigkeit ? Man hätte sich gerne damit getröstet , das Geld sei vom Satan und könne den Kellers keinen Segen bringen und man möchte selbst lieber hungern , als solchen Höllenlohn annehmen . Die Kellers hatten es auch zuerst zurückweisen wollen , aber der Herr Vikar hatte dem Teufel das Neujahr abgewonnen . Der hatte den Leuten geraten , von dem Gelde ein schönes Kruzifix zu errichten und dreihundert Gulden zu Seelenmessen für ihre Wohltäterin an die Kirche zu stiften . Dadurch war das Geschenk geweiht und sie durften es nun ruhig nehmen . Kaum vier Wochen waren seitdem verflossen und schon stand auch das Kreuz an der Landstraße gerade da , wo Käthchen überfahren worden . So schön war keines in der ganzen Gegend , und die Keller ’ schen Eheleute hoben so stolz die Köpfe , wenn sie vorbei gingen , als hätten sie unsern Herrn Jesus Christus leibhaftig in die Welt gesetzt . Das Kreuz war zehn Schuh hoch und stand noch auf einem fünf Fuß hohen Untergestell , das die Inschrift trug : „ Dieses Kreuz stifteten zur Ehre Gottes Pankratius und Kolumbane Keller . Anno Domini 18 ... Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht , denn ihrer ist das Himmelreich ! “ Weiter unten aber hing eine schön gemalte Tafel , worauf zu lesen war : „ Wanderer , steh still und siehe , wie wunderbarlich solche Verheißung sich bewährt hat an unserem Kinde . “ Das Gemälde , welches diese Worte erläutern sollte , stellte Käthchen mit einem Arme dar , der andere lag am Boden , und aus der leeren Schulter schoß ein breiter Strom von Blut . Ein Wagen fuhr in größter Eile davon . Über Käthchen öffnete sich jedoch der Himmel und aus den Wolken reichte ihr das von der Madonna getragene Jesuskind einen silbernen Arm herab . Diese herrliche , sinnreiche Allegorie auf den aus Käthchens Unglück entsprungenen silbernen Segen , die dem Poeten des Dorfes , dem hochbegabten Kirchendiener , so viel Kopfzerbrechens gekostet , hatte die Folge , daß die Kleine seitdem nicht mehr anders als Käthchen mit dem silbernen Arm hieß , obgleich sie sich beharrlich weigerte , den Spitznamen zur Wahrheit zu machen und sich eines künstlichen Gliedes zu bedienen . Hohn und Spott und Neid hatten die Keller ’ schen Eheleute genug auf sich gezogen , aber es machte ihnen nichts , sie konnten die Leute wiederum auslachen , sie hatten ja Geld — und was mehr war , sie hatten sich vermöge dessen dem lieben Gotte wohlgefälliger gemacht als alle Andern . Der Hirschenwirt und der Bürgermeister waren die reichsten Leute im Dorfe , aber Keiner konnte sich rühmen , gleich dreihundert Gulden der Kirche geweiht zu haben , und der Bürgermeister hatte drüben an der Matte um einen „ geschundenen “ Herrgott aufrichten lassen , d.h. ein Kreuz , an welches der Ersparnis halber nichts als Kopf , Hände und Füße Christi gemalt waren , daß man sich das Übrige hinzudenken mußte . So konnten sie ohne Sorge ihres Reichtums genießen . Sie wußten ja , wie sie mit ihrem Herrgott standen , und Frau Keller hatte noch obendrein das Päckchen mit dem Gelde , wie sie es von Möllner erhalten , mit Weihwasser besprengt . Das hatte sie ganz auf ihre eigene Hand getan , man konnte in der Hinsicht nicht vorsichtig genug sein . Nun war aber auch Alles geschehen , was den Bösen austreiben mußte , und nun konnte der Segen ja nicht ausbleiben ! Anders dachte und fühlte Käthchen . Ihm tat es gar weh , daß die Kinder es von ferne umstanden und anstaunten wie ein Wundertier , wenn es vor dem Haus in der Sonne sitzen durfte , daß die großen Buben es um den silbernen Arm beschrieen und an dem leeren Ärmelchen zupften , das ihm von der Schulter hing . Am wehsten aber tat es ihm , als einmal ein Krüppel vorbeischlich — deren es viele im Orte gab und überall gibt , wo die Menschen mit den rohen Naturkräften um die Herrschaft kämpfen müssen — stehen blieb und brummte : „ Du hast ’ s gut , Du wirst verpflegt wie eine Prinzessin . Unsereins hat ’ s noch schlechter als ein Hund , einen solchen schießt man doch tot , wenn er ’ s Bein bricht , aber unsereins läßt man sich herumquälen und verhungern um der Gottes-Barmherzigkeit willen ! Aber freilich , so fromme Leute , wie Ihr seid , sind beim lieben Gott immer besser angeschrieben , drum hast Du von einer Herrschaftskutsche überfahren werden dürfen . Mir hat nur ein Block im Steinbruch die Hüfte zerschmettert , der hat sich weiter nicht viel entschuldigt , und die Leute in dem Hause , zu dem ich die Steine sprengte , fragen auch nicht , wie viel Menschenblut eingemauert ist ! Na , Jedem das Seine ! “ Damit humpelte der Bettler auf seinen Krücken fort und Käthchen bedeckte mit dem einzigen Händchen , das es besaß , die