auch Ehrgeiz , doch verdingte sie sich jedem Lob , ohne des Lobers zu achten , und was eine Übereinkunft von unbekannter Entstehung an Gefühl forderte , wähnte sie zu geben , indem sie beim Spielen an ihre persönlichen Wünsche , Freuden und Vergnügungen dachte . Daniel umarmte sie und küßte sie . Sie riß sich los und stellte sich trotzig ans Fenster . » Hättest es ja nur sagen müssen , daß ich dir zu schlecht spiele , « stieß sie hervor und schluchzte zornig auf , » hättest nicht gleich so roh den Bogen zerbrechen müssen . Ich spiel ja nimmer . Wär mir gar nicht in den Sinn gekommen , dich zu belästigen . « Und sie weinte wie ein verzogenes Kind . Daniel ließ sich ' s viele Worte kosten , sie zu beschwichtigen . Schließlich sah er ein , daß keine Worte fruchteten , und seufzend schwieg er still . Nach einer Weile nahm er ihr das Taschentüchlein aus der Hand , trocknete lächelnd ihre Tränen und sagte : » Ich hätte ja lieber gewollt , daß du nicht zur Kommerzienrätin aufs Kränzchen gehst . Denn siehst du , ich halte nicht viel von einem solchen Verkehr . Er bereichert nicht und zieht allerlei Gelüstchen groß . Aber weil ich dir so weh getan hab , magst du ruhig hingehen , vielleicht vergißt du dann den Schmerz , du Närrchen . « » Dank dir schön , ich verzichte , « antwortete Dorothea schnippisch und ging aus dem Zimmer . 4 Desungeachtet erklärte Dorothea am andern Tag beim Mittagessen , daß sie der Einladung der Kommerzienrätin doch folgen werde . Es sei viel einfacher , hinzugehen , äußerte sie mit einer Miene , als ob ihr der Entschluß schwer geworden wäre , als sich den Vorwürfen und dem beständigen Gefrage auszusetzen . » Tu es nur , « ermunterte sie Daniel , » ich hab dir ja selbst dazu geraten . « Sie hatte sich ein dunkelblaues Sammetkleid machen lassen ; es war sehr schön , und sie wollte es bei dieser Gelegenheit zum erstenmal tragen . Als nun Daniel gegen fünf Uhr ins Schlafzimmer trat , sah er Dorothea mit dem neuen Kleid vor dem Spiegel stehen . Es war ein hoher , schmaler Spiegel auf einer Konsole . Dorothea hatte ihn von ihrem Vater als Hochzeitsgeschenk erhalten . Was ist mit ihr ? fuhr es Daniel durch den Kopf , da er die seltsame Regungslosigkeit des jungen Weibes gewahrte . Sie war wie verloren in den Anblick ihres Spiegelbildes ; ihr Auge hatte etwas Starres , Saugendes und krankhaft Entzücktes . Sie bemerkte nicht , daß Daniel in der Stube stand ; als sie den Arm rührte und den Kopf drehte , geschah es , um diese Gesten im Spiegel zu genießen . » Dorothea ! « rief Daniel leise . Sie zuckte zusammen , schaute ihn sinnend an und lächelte benommen . Da ward es Daniel angst und bang . 5 » Ich bin eine Verwandte von Daniel , und wir müssen uns duzen , « sagte Philippine zu Dorothea . Dorothea war damit einverstanden . Jeden Morgen , wenn Dorothea in die Küche kam , erkundigte sich Philippine : » Was hast denn geträumt ? « » Ich war auf dem Bahnhof , es war Krieg , und Zigeuner haben mich fortgeschleppt , « antwortete Dorothea einmal . » Bahnhof bedeutet unerwarteten Besuch , Krieg bedeutet Zwietracht mit verschiedenen Persönlichkeiten , und Zigeuner bedeuten , daß du ' s mit leichtsinnigen Menschen zu tun bekommst , « ratschte Philippine im Hochdeutsch ihres Geheimbuchs . Philippine wußte auch in der Punktierkunst Bescheid ; oft saß Dorothea bei ihr und stellte Fragen , z.B. ob der oder der in sie verliebt sei , oder ob die und die den und den liebe ; Philippine malte Punkte auf ein Blatt Papier , schrieb die Zahlen daneben , schlug das Verzeichnis auf und teilte die Antwort des Orakels mit . Binnen kurzem waren die beiden ein Herz und eine Seele . Bei ihren Ausgelassenheiten durfte Dorothea stets auf das Beifallsgelächter Philippines zählen , und wenn Agnes apathisch zuschaute , stieß Philippine sie in den Rücken und fuhr sie an : » Dummes Luder , kannst gar nit ' s Maul aufmachen ? « Da schlich Agnes traurig zu ihren Schulheften und saß stundenlang über einer einfachen Rechenaufgabe . Dorothea brachte ihr bisweilen ein Stück Gugelhupf ; den wickelte sie ein , steckte ihn in die Tasche und gab ihn am andern Morgen einer Kameradin , aus deren Heft sie die Aufgabe abschreiben durfte . Der Provisor Seelenfromm hielt Philippine auf der Gasse an und fragte : » Na , wie stehts denn bei euch ? Wie macht sich die junge Frau ? « » Joi , wir leben wie Gott in Frankreich , « versetzte Philippine , und ihr Mund dehnte sich bis an die Ohren , » jeden Tag Braten , jeden Tag Kuchen , der Wein steht immer auf ' m Tisch , und ein Besuch gibt dem andern die Tür in die Hand . « » Da muß der Nothafft aber hundsmäßig reich geworden sein , « meinte der Provisor verblüfft . » Muß wohl so sein , ums Geld sorgt sich keiner mehr bei uns , unsere Frau wenigstens hat alleweil das Portemonnaie voll . « Der Himmel war blau , die Sonne schien , der Frühling war gekommen . 6 Jeden Sonntag mittag aß Andreas Döderlein bei seinen Kindern . Er liebte eine saftige Schweinskeule , einen Salat in Eierbrühe und eine Torte mit Zuckeraufguß . Der alte Jordan , der an den sonntäglichen Mahlzeiten teilnehmen durfte , ließ die einzelnen Bissen auf der Zunge zergehen . In seinem ganzen Leben waren ihm so leckere Dinge nicht vorgesetzt worden , und bisweilen warf er einen verwunderten Blick auf Daniel . Ins Gespräch mischte er sich selten . Wenn die Teller abgetragen wurden , erhob er sich und ging in seine