Glaube , mein Trost - laß mich selig in ihm werden , mein Johannes ! Willst Du es tun , so gib Antwort , je eher , je besser ; ich vergehe vor Bangen . Sobald Du entschlossen bist , meine Sehnsucht zu erfüllen und ganz einig mit mir zu sein , entzünde das Feuer am Hohen Stein . Ich weiß dann Bescheid und bin getröstet . Freilich erst am Sonntag kann Sibylle zum Kesselstein gehen . Da Du also Zeit hast , so laß Dein Schreiben reichlich sein ; tu mir die Liebe , Dein Leben zu schildern , soweit es mir noch unbekannt . Vertraue Deiner Gattin an , was in den Jahren unserer Getrenntheit Dein Herz bewegt hat . Vergiß auch nicht , Gedichte beizufügen , die Du ersonnen . Deine Weisen sollen mich in Schlummer wiegen , dabei will ich lächeln , Du wirst an meinem Lager sitzen und die treue Hand über meine geschlossenen Augen halten . Oh , trenne Dich nie von mir , Du Meiner ! Ewig bin ich Dein . « Unter dem Buchenbaum am Kesselstein , wo ich diese Worte Theklas gelesen , warf ich mich ins Beerenkraut , wie ein Kämpfer , der vor seinem Gegner reuig und gehorsam die Waffen streckt . Die Hände gefaltet , ergab ich mich der heiligen Seele , die ich anbetete . Ich küßte den Brief und flüsterte flehentlich : » Du reine Quelle , verzeih , daß ich dich trüben wollte ! Und Dank dir , daß du mit Wohltat mein garstig Ungestüm vergelten , das Unlautere von mir tun willst ! « Zähren brachen aus meinem Auge , es schwand die Welt , nur das zuckende Herz war zu spüren , zugleich aber Linderung wie von einer sanften Hand , süßes Schaudern , stilles Aufjubeln , als sei ein Engel nah . Und ich begab mich zu einer Senkung des Geländes , wo Rüstern einen dunklen Hain wölbten , und zwischen moosigen Blöcken ein dünn Wässerlein wimmerte . Draußen aber auf die Wipfel schien die Herbstsonne warm hernieder und kosete die grünen Kindlein , so auf den Zweigen saßen in dichtem Gewimmel . Und diese Sonne , ihre Güte ergießend über tausend mal tausend schmachtende Kreaturen , deuchte mich Thekla . Waren denn nicht die Waisen , Kranken und Einsamen zu Petersdorf , waren nicht Heinrich und ich selber wie die grünen Sonnenkinder , denen die mütterliche Göttin mit einem Lächeln myriadenfach wohltut ? Und da sollte ich neidisch sein auf ein Geschwister ? sollte grollen , weil nicht bloß mir das lichte Heil zugute kommt ? sollte meinem Bruder Heinrich sein Teilchen Sonnenschein mißgönnen , obwohl ich selber doch nicht im Schatten stund ? Nicht doch ! gelobte ich inbrünstig ; laß schwinden die Habsucht , meine Seele , der Liebesflut gib dich hin , so aus dem Sonnenherzen quillt ! - Und im lauschigen Hain , wo durch dunkles Laubdach güldene Lichter äugelten , wo winzige Flügeltierlein ihren Luftreigen summten und das Wasserseelchen weinte , hub mein Herz zu singen an : Wie traurig diese Wälder düstern ! Kein Sonnengold tiefinnen lacht . Das tun die felsengrauen Rüstern , Von Laubgeflechten überdacht . Auch ich so trüb ! Der Liebe Gnade Darf strahlen nicht zu meinem Grund . Die Sorg umdüstert meine Pfade ; Bin gar ein öder Dickichtschlund . Doch duld ich lächelnd , fromme Sonne , Daß sich dein Brautkuß mir verschließt - Wenn draußen nur die güldne Wonne Um all die Sonnenkindlein fließt . Laß lieben dich mit jener Liebe , So nicht Genuß , nur Andacht will . Und ob ich ewig dunkel bliebe , Von deinem Leuchten träum ich still . Wiewohl so unter Theklas Führung mein besser Selbst wiedergefunden und gesichert war , vermochte ich meinen Trost nicht festzuhalten . Zweifel und Gram überfielen mich aufs neue , und ich fragte : Muß denn Tugend so streng und herbe sein ? Du göttliche Macht der Liebe , warum lässest du zwei deiner Getreusten solche Entbehrung leiden ? Ist das dein Heil , wenn Gatte und Gattin , die endlich einander wiederfanden , nachdem sie in Trennung ihre jungen Jahre vertrauerten , jetzunder vor der Umarmung zurückweichen , als wären sie Mönch und Nonne ? und nur verstohlene Zwiesprache wagen , ähnlich dem griechischen Liebespaar Pyramus und Thisbe , so nichts anderes für sein Schmachten hatte als zärtlich Gewisper durch den Spalt der grausamen Wand ? Mit Stöhnen sah ich meines wallenden Bartes ergrauend Haar und bedachte , daß verlorene Jugend nicht zurückkehre . Versäumt , armer Johannes , hast du dein Liebesglück . Es lächelt dir zwar wieder - doch spät , und dann nur von ferne ! Solche Gedanken trug ich bei Tage mit mir herum , nachts machten sie das Herz schwer und den Kopf heiß , kein Schlummer brachte Trost . Da übermannte mich die Erschöpfung eines Mittags , als die Herbstsonne noch einmal wärmte , und ein duftiger Heuhaufen auf Preislers Wiese lockte . Und es kam mir ein süßbanger Traum : Sonntag war ' s und Erntefest , ich aber hatte der köstlichen Zeit nicht wahrgenommen , hatte im Heu die Stunden verschlafen . Traurig zumute war meinem Schätzchen , der Hirtin Thekla , die gekommen war , mit ihrem Johannes zu tanzen , und nirgends ihn fand , bis er endlich vom Abendläuten wach wurde . Da war ' s nun zu spät , Versäumtes nachzuholen , Mißlungenes wieder gut zu machen . Ein anderer Mann hatte ihr den Arm geboten , die Einsame hatte ihn angenommen , der andere führte sie heim . Noch einmal schaute sie nach dem säumigen Liebsten zurück , unsagbare Trauer im Auge . O Träumer , Versäumer ! Den verlorenen Tag kann die Allmacht nicht zurückbringen . Die Welt geht ihren starren Gang . Nun fühle , Närrchen , was es heißt : zu spät ! Aufschluchzend erwachte ich , einen Augenblick war ' s , als wandle unweit Thekla an Heinrichs