. Ich komm zu dir im Sonnenstrahl , So spricht der Herr und steigt hernieder . Die Glocken klingen übers Thal , Und von den Bergen tönt es wieder . Brich auf , mein Herz , der Rose gleich , In der sich alle Düfte regen . Es naht sich dir das Himmelreich ; Brich auf , und dufte ihm entgegen ! « Ueber diesen Text ist nichts zu sagen , kein Wort . Er spricht ja selbst ! Wovon ? Von einer Begegnung im Beit-y-Chodeh . Nun verstand ich die Worte , welche der Ustad sagte , als er mir die Rose gab . Aber die Tonweise ! War das Gesang , oder war es Sprache ? Gesangssprache oder Sprachgesang ? Ich meine keineswegs Recitativ . Mit diesem hatte es nicht die entfernteste Aehnlichkeit . Unser Gesang ist Kunst ; dieser war Natur . Aus unserer Harmonisierung ist jeder einzelne Akkord zu lösen ; hier war das eine Unmöglichkeit . Bei uns pflegt man im Liedgesange die Melodie einer einzelnen Stimme , den andern die Begleitung zu geben ; hier war alles Melodie , jede Stimme , und doch wurde jede eine von den andern harmonisch unterstützt . Das war schwer , sehr schwer und klang aber doch so außerordentlich natürlich , so ungewollt , so ganz von selbst . Es gab keine Absicht , irgend einen bestimmten Akkord zu bilden , eine Septe in die Sexte herabzuleiten . Alles , was ich über Komposition wußte , war hier gleich Null ! Und aber doch diese Wirkung ! Von mir und den Dschamikun selbst will ich in dieser Beziehung nicht sprechen ; aber das Lied hatte sämtliche Perser vom Waldesrande herabgelockt . Sie hatten ihre Pferde oben gelassen und sich hinten bei den Säulen hingesetzt . Es war ihnen und ihrem Verhalten anzusehen , welchen Eindruck das Lied auf sie gemacht hatte . Indem sie miteinander sprachen , drückten ihre Mienen und Blicke sehr deutlich den Wunsch aus , daß man doch weitersingen möge . Er wurde erfüllt . Die vorigen Sänger hatten sich entfernt . Jetzt kamen vier Männer und vier Frauen , also acht Personen . Man nennt das bei uns ein Doppelquartett . Was sie sangen , klang außerordentlich ernst . Die Worte lauteten : » Wir knieen hier vor deinem Angesichte Im Geist vom Geiste , nicht im Staub vom Staube , Wir flehen um das Licht von deinem Lichte ; Im Dunkel bleibt der falsche Erdenglaube . Du bist der Vater . Alle sind wir dein . Laß uns im Lichte deine Kinder sein ! Du schufst die Welt als größtes Wort der Liebe , Doch will die Menschheit dieses Wort nicht fassen . Und wenn sie tausend heilge Bücher schriebe , Sie würde doch nicht lieben , sondern hassen . Du bist der Vater . Alle sind wir dein . Laß uns in Liebe deine Kinder sein ! In ewgem Frieden kreisen deine Sterne . Ihr Licht umfließt die ganze , ganze Erde , O daß sie doch von diesem Lichte lerne Und endlich , endlich menschenfreundlich werde ! Du bist der Vater . Alle sind wir dein . Laß uns im Frieden deine Kinder sein ! « Das war ein Gebet ! Und wie wurde es gesungen ! Nicht etwa nach einer alten , wohlbekannten Melodie , der man auch jeden andern Text unterlegen kann . Hier beteten die Töne noch deutlicher als die Worte . Die Perser waren doch wohl Leute , welche durch Worte nicht so leicht überwältigt werden konnten ; aber als der letzte Ton jetzt über das Thal hinüber nach den lauschenden Bergen klang , wo die Hirten still bei ihren Herden standen , da sah ich alle zwölf Köpfe tief herabgesenkt , und es dauerte längere Zeit , ehe sich die Gesichter wieder sehen ließen . Worte klingen sehr leicht nur an das Ohr . Waren bei ihnen die Töne tiefer eingedrungen , um ihnen das erbetene Licht zu der Erkenntnis zu bringen , daß niemand sich der wahren Liebe rühmen darf , wenn er nicht den Frieden seines Nächsten achtet . Dann hätte der zum Menschenherzen trachtende Himmelsklang hier , am Beit-y-Chodeh der Dschamikun , ein Wunder bewirkt , welches den wohlerwogenen Worten und wohlgesetzten Reimen und Liedern anderer nicht gelingen will ! Nun kam Tifl zu mir her und sagte , indem er mich von der Seite her pfiffig anlächelte : » Effendi , jetzt ist die Zeit gekommen , in der man essen muß - - wenn man nämlich etwas hat . « » Ich habe aber nichts ! « klagte ich . » O , mehr als ich ! Sogar Pflaumen ! « » Wo ? « » Da , wo es im Wald am schönsten ist . Der Ort ist nur für einen einzigen , und ich soll dich bitten , heut auch einmal dort sein Gast zu sein . « » Wer ist ' s ? « » Du wirst ihn sehen . « » Aber , bin ich nicht zu schwach , da hinaufzusteigen ? « » Es ist nicht weit von hier . Auch kannst du unterwegs ruhen , so oft du willst . « » So laß uns gehen ! « Er führte mich an den Persern vorüber , bergan dem Walde zu . Der Stock erleichterte mir den Weg . Dennoch mußte ich schon am Waldesrande anhalten , um auszuruhen . Man konnte von hier aus den ganzen Park übersehen , durch dessen vielgewundene Gänge schmale , lebendige Menschenströme wie durch Rosenadern pulsierten . Der Ustad und der Pedehr waren noch im Tempel . Wer Schatten suchte , kam herauf zum Walde . Ueberall glänzten freundliche Gesichter . Heiteres Lachen erscholl . Hier und da erklang schon die abgerissene Zeile eines kleinen Liedchens . Allerlei sangeslustige , flügellose Lerchen stimmten vorschnell ihre Kehlen . » Man soll jetzt noch nicht singen , « erklärte mir » das Kind « . » O , Sihdi , wir haben