Zerreiß ' mir nicht das Herz ! « murmelte er mit bleichen Lippen ... » Eine ruhige Sterbestunde ! - Glaubst du , daß Gott so richtet wie Rabbi Manasse ? Du kannst in Freuden leben , in Freuden sterben , auch wenn dein Sohn Schauspieler wird ! « » Nein ! « schrie sie auf . » Der Rabbi ? Das braucht mir kein Rabbi zu sagen ! « Wieder mischte sich der Marschallik ein . » Komm ' mit uns , Sender , sprich mit unserem Stadtarzt ! Vielleicht beruhigt er die Mutter . Auf einige Wochen kann es dir ja nicht mehr ankommen . « » Nein ! « rief sie . » Auch wenn es der Arzt erlauben würde . Ich darf ' s nicht zulassen . Entscheide dich ! « » Ich habe mich entschieden « , erwiderte er . » Sehr viel darf eine Mutter von ihrem Kinde verlangen - so viel nicht ! « Wieder wollte sie sich zu seinen Füßen stürzen . Der Marschallik hielt sie zurück . » Frau Rosel « , sagte er . » Er ist krank . Ihr werdet es werden . Schont ihn und Euch und scheidet in Frieden ! Wie Gott will - was zu sagen war , ist gesagt . « » Nein , ich geh ' nicht ! « schrie sie gellend . » Nein ! Nein ! Nein ! « Sie war unheimlich anzusehen . Die Augen glühten wie im Wahnsinn , sie hatte alle Herrschaft über sich verloren . » Mein Leben auf Erden hab ' ich dem fremden Kind geopfert , mein Leben im Jenseits nicht ! Ich will ruhig sterben , ich will seinen Eltern sagen können- « » Mutter « , stammelte Sender entsetzt . » Barmherziger Gott « , dachte er , » sie ist wahnsinnig geworden ... « Auch der Marschallik war bis in die Lippen erbleicht . » Frau Rosel « , murmelte er , » um Gotteswillen , was redet Ihr da ? « » Nun ist mir alles gleich ! « rief sie wild . » Hier war ich in Jammer und Elend um seinetwillen - meine Seligkeit geb ' ich nicht für ihn . Ehe sein armer Vater , Mendele Kowner , im Straßengraben gestorben ist , war sein letztes Wort : Alles soll mein Sohn werden , nur kein Schnorrer ! Und deiner Mutter , mit der Friede sei , hab ' ich ' s gelobt , du wirst es nicht ... « Sie preßte die Linke wie in Todesangst aufs Herz , die Rechte reckte sie empor . » Was soll ich ihnen nun sagen ? Was ? Was ? ! « Sender stand regungslos , nur die bleichen Lippen zitterten . Starr blickte er sie an , dann den Marschallik . Als er die Augen des Alten voll tiefsten Mitleids auf sich gerichtet sah , schloß er die seinen und sank wie vernichtet auf den Stuhl , neben dem er stand . Darauf war es sehr lange still , man vernahm nur die erregten Atemzüge der drei Menschen . Dann erhob sich Sender wankend , tastete nach dem Büchlein und führte es an die Lippen . Hierauf barg er sein Gesicht und brach in heftiges Schluchzen aus . Auch Frau Rosel begann heftig zu weinen . Sie wollte auf ihn zutreten , aber der Marschallik hielt sie zurück . » Kommt « , flüsterte er , und als sie ihm nicht folgte , wiederholte er befehlend : » Kommt . Nun ist er nicht Euer Sohn mehr , laßt ihn mit seinen Eltern allein ! « Und zu Sender gewendet : » Du triffst uns unten . « Zwei Stunden mochten vergangen sein , Sender ließ sich noch nicht blicken . Da schlichen die beiden an seine Tür und wagten endlich einzutreten . Sie trafen ihn in derselben Haltung , wie sie ihn verlassen , die eine Hand hielt das Büchlein fest , die andere deckte die Augen . Als sie vor ihn traten , richtete er sich auf . So schmerzvoll hatte der alte Mann in seinem langen Leben noch keines Menschen Antlitz gesehen , jedoch Senders Stimme klang zwar tonlos , aber fest : » Ich komme mit ! « » Sender ! « jubelte sie auf und wollte auf ihn zustürzen . Der Marschallik hielt sie zurück . » Ihr müßt es ihm versprechen « , sagte er , » daß Ihr nichts dagegen habt , wenn es unser Arzt erlaubt ... Er überlebt sonst den Schmerz nicht « , flüsterte er ihr zu . Dann wieder laut : » Es ist nicht für immer . Die Toten dürfen nicht verlangen , daß sich die Lebenden für sie opfern . « » Wie Gott will ! « erwiderte Sender . » Meine Eltern - das würde ich auf mein Gewissen nehmen . Aber hat mir eine Fremde ihr Leben geopfert , so darf sie mein Leben dafür verlangen . « Sechsunddreißigstes Kapitel Es währte eine volle Woche , bis die drei wieder das Mauthaus zu Barnow erreicht . Sie mußten im Schritt fahren und täglich nur wenige Stunden , in Zaleszczyki und Tluste je zwei Tage rasten . Denn wohl brachte Frau Rosel ihren Pflegesohn zurück , aber als einen Schwerkranken . Immer schlimmer wurde das Fieber , immer quälender der Husten . Es hätte nicht erst der Mahnung der Ärzte bedurft , daß er nicht sprechen solle , mit geschlossenen Augen , stumpfe Trauer in den Zügen lag er im Wagen . Er litt es , daß sich die Mutter um ihn mühte , und wenn sie ihm zärtlich Mut zusprach und auf den Sommer verwies , der ihm , wie im vorigen Jahre , die volle Genesung zurückbringen werde , so gewann er es sogar zuweilen über sich , zu lächeln . Aber unruhig wurde er , wenn ihn der Marschallik zu trösten suchte , vielleicht werde der Stadtarzt im Sommer doch gestatten , daß