nicht bereits festgesetzt gewesen , würde der Sohn diesen Freudentag des Greises mitgefeiert haben als einen eigenen Freudentag . Länger als eine Woche blieb er von nun ab ohne Kunde aus der Heimat . Jener Termin war unerwartet einige Tage früher , als er ihn dorthin gemeldet hatte , anberaumt worden ; spätere Briefe mochten ihn daher noch auf der Insel gesucht und nicht mehr vorgefunden haben . Er hatte seit Monaten nur Lokalblätter zu Gesicht bekommen ; nun erst , im Zentrum der Provinz , erfuhr er , wie kindisch aufgeregt es auch in diesem gemütlichsten aller Landesteile , ja im unmittelbaren Umkreis von Werben zugegangen war . Hatte man es , gottlob ! bis zum Blutvergießen auch nirgendwo kommen lassen , wie viele betörte Exzedenten büßten den Frevel , einen Adler abgerissen , ein Steueramt geplündert , die einberufene Landwehr aufgewiegelt zu haben , mit langjähriger Festungshaft oder im glücklichsten Fall mit der Flucht über das Meer ! Und bei der Mehrzahl dieser Ausschreitungen wurde der rote Hartenstein als heimlicher Anstifter genannt . Dezimus sah in seinem einstigen Idol jetzt einen Feind ; dennoch sträubte seine ganze Seele sich dagegen , ihn verantwortlich zu machen für den Jammer und das Elend , das in unzählige Familien getragen worden war . Von der Mutter eines seinen Eltern bekannten und werten Arztes , eines bis dahin unbescholtenen , gebildeten , wohlsituierten Mannes , der einen seinem letzten Zwecke nach durchaus unverständlichen Bauernaufstand angefacht hatte , wurde erzählt , daß sie sich vor Kummer die alten Augen blind geweint habe . Und alles das , was wenigstens den Vater bis auf den Herzgrund erschüttert haben mußte , hatte man dem Sohne verschwiegen . Aus Schonung - oder warum sonst ? Die bänglichste Ahnung übermannte ihn . Abgesehen von seiner Verwundung würde er schon durch den geschlossenen Waffenstillstand seiner militärischen Verpflichtung enthoben worden sein . Des Vaters Widerspruch durfte ihn nicht länger bannen . In der Nacht , die seiner Ordination folgte , brach er nach der Heimat auf . Ach , mit welch anderen Empfindungen war er nach seiner vorjährigen Prüfung in das liebe Haus zurückgekehrt ! Wie öde war es darin für ihn geworden ! Nichts ihm geblieben als noch für etliche Wochen oder Monde die Vatertreue eines Greises und nichts für alles Verlorene ihm gegeben als - freilich das Höchste ! - der Blick in Lydias hohe , reine Freundesseele . Früh am Morgen erreichte er die Werbensche Flur . Die Ernte war eingebracht , das Leben auf den Feldern hatte aufgehört . Sobald er jedoch die Friedhofspforte erreichte , umfing ihn dichtes Drängen und Treiben . Er brauchte nicht zu fragen , was es bedeute . Neben dem Hügel der Mutter , die er geliebt hatte , war eine Grube ausgehöhlt . Er erreichte das Haus nur noch zu rechter Zeit , um die treueste Segenshand zum letzten Male zu küssen , den Deckel auf den Sarg seines Vaters zu heben und dann den Friedensspruch über sein Grab zu sprechen . Erst durch die Kanzelrede des Pfarrers von Bielitz erfuhr er den wunderherrlichen Ausgang dieses teueren Lebens . Niemand hatte ihn , seitdem der Greis die winterliche Abspannung so glücklich überwunden , in dieser Kürze vorausgesehen . Rüstig wartete er seines Amtes , hielt mit der unerschöpflichen Fülle seiner Liebe den schwersten Gemütsprüfungen stand . Am Sonnabend morgen befiel ihn plötzlich eine Ohnmacht ; er erholte sich von dieser ; doch mag er das nahende Ende vorgefühlt haben , denn er begann einen Brief mit den Worten : » Komm , mein Sohn , den Vater zu vertreten - - . « Nach diesem Satze entglitt die Feder seiner Hand ; man drang in ihn , sich zu schonen , allein er bestand darauf , wie alljährlich am Erntedankfeste , das Versöhnungsmahl zuerst sich selbst aus des geistlichen Freundes Hand reichen zu lassen , dann es seiner Gemeinde auszuteilen . Und ohne Zeichen von Schwäche schritt er am Morgen zum Gotteshause , nahm erst selbst die weihende Speisung und darauf in seine Hand den Kelch , um ihn der väterlich geliebten Freundin zu reichen , welche , an der Seite seiner Tochter , sich zum ersten Male in seiner Gemeinde dem Tische des Herrn nahte . Noch sprach er die Spendeformel mit sicherer Stimme , dann sank er zu Füßen des Altars nieder - entseelt . So in Herrlichkeit mögest auch du einmal heimgehen , du Glücklicher , wenn deine Stunde gekommen ist ! Dezimus hatte bis jetzt Rosen nur flüchtig aus der Ferne gesehen , während der Grablegung unter der Gartenpforte ; dann während des kirchlichen Aktes im vergitterten Pfarrstuhl ; beide Male an Lydias Seite . Nun erst , nachdem alles vollbracht , fiel es ihm auf , keines der anderen Geschwister gegenwärtig zu finden , mit Ausnahme von Erikas Gatten , der aber auch unmittelbar von der Kirche zum Bahnhof eilte , da seine Frau im Kindbett lag und er nicht über Nacht vom Hause fern sein mochte . Rose hatte in der Überwältigung des Schlages die Anzeige zu machen vergessen , und als Lydia sie nachträglich erließ , war es für die entfernter Lebenden zu spät geworden , der Trauerfeier beizuwohnen . » Die Kleine ist in einem unzurechnungsfähigen Zustande , « meinte Schwager Bauinspektor ; » wohl begreiflich bei der Last , die sie sich auf das Herz geladen . Du tust mir leid , armer Bruder ! Brauchst du Beistand , rechne auf uns . « Damit ging er . Dezimus entfloh den lästigen Beileidsbezeigungen , die ihn umschwirrten . Er suchte Rosen . Im geistlichen Gemach , wo vor wenig Stunden der Sarg gestanden hatte , kniete sie vor des Vaters Stuhl , das Gesicht in ihre Hände begraben . Auf dem Schreibtisch unter dem Kruzifix lag lorbeerumkränzt das Eiserne Kreuz , das Martin von Hartenstein dem Sarge des Veteranen vorangetragen hatte ; daneben das Blatt mit den letzten Zügen einer zitternden Hand : » Komm , mein Sohn , den