vor leeren Bänken predigen müsse , während die große katholische Kirche , in der Niemand außer der Herrschaft und den Fremden seine Andacht halten und seinen Gottesdienst begehen könne , sich der Vollendung nähere . Früher hätte der Freiherr von allen diesen Dingen in seiner sorglosen und heitern Unnahbarkeit nicht viel erfahren . Jetzt fragte er danach , fragte , weil er dies nicht gewohnt war , nicht immer an der rechten Quelle , und glaubte , da er häufig falsch berichtet ward , es mit einem Geiste des Aufruhrs zu thun zu haben , den er unterdrücken , und zwar mit Gewalt unterdrücken müsse , während er und sein Thun und Gebieten ganz allein die Unzufriedenheit und Aufsässigkeit erzeugten , die er dem bösen , von Frankreich kommenden Zeitgeiste entsprungen wähnte . So viel stellte sich indeß an Einsicht für ihn bald heraus , daß er , um dem neuen Amtmanne gewisse Pflichten auflegen zu können , auch die drückendsten Geldverlegenheiten beseitigt haben müsse , und da bisher die schriftlich oder durch Dritte geführten Verhandlungen mit Herrn Flies zu keinem befriedigenden Abschlusse gelangen wollten , beschloß der Freiherr , persönlich einen Versuch zu einem Uebereinkommen mit ihm zu machen . Er war ohnehin lange nicht in der Stadt gewesen ; die Herzogin , welche von seinem Vorsatze sprechen hörte , nannte einen solchen kleinen zeitweiligen Ortswechsel angenehm , und da Renatus ein großes Verlangen zeigte , mitgenommen zu werden , war der Freiherr schnell bereit , aus einer Geschäftsreise , die er antreten wollen , um sich aus Geldverlegenheiten zu befreien , eine Vergnügungsreise mit seiner ganzen Familie zu machen , welche bei der damaligen Art zu reisen nicht ohne einen ansehnlichen Aufwand zu bestreiten war . Die Baronin , deren Gesundheit immer schwankender und deren Brustbeklemmungen immer häufiger geworden waren , hatte Anfangs eine Scheu vor dieser Reise getragen , da sie die zunehmende Wärme der Jahreszeit und die Unbequemlichkeit der Nachtquartiere fürchtete ; aber der Freiherr hatte auf ihr Mitgehen gerechnet , Renatus bat ebenfalls , die Mutter möge doch nicht zu Hause bleiben , und die Baronin gab endlich gegen ihr richtiges Gefühl dem Verlangen der Ihrigen nach , weil sie für sich keine lebhaften Wünsche und kaum noch lebhafte Besorgniß hegte . So fuhren denn an einem frühen Morgen die großen , vierspännigen Reisewagen vor das Portal . In dem einen wollte der Freiherr mit den beiden Frauen , in dem anderen sollte Renatus mit seiner französischen Bonne und der Kammerjungfer seiner Mutter fahren , die während der kurzen Reise den Dienst bei den beiden Damen zu versehen hatte ; aber schon am ersten Reisetage zeigte es sich , daß die Baronin es nicht ertragen konnte , Tag über in der Gesellschaft der lebhaften Herzogin zuzubringen , und man mußte für den nächsten Morgen die Einrichtung treffen , sie den einen Wagen allein mit ihrer Kammerjungfer einnehmen zu lassen , um ihr die nöthige Ruhe zu gönnen . Es war am Mittage des dritten Tages , nachdem man Richten verlassen hatte , als man dem Freiherrn , der das ganze erste Stockwerk des Gasthauses für sich in Beschlag genommen hatte , die Nachricht brachte , Herr Flies , den er zu sich bitten lassen , sei gekommen . Der Freiherr befahl , ihn herein zu führen , und setzte sich auf das Sopha , den Besuch zu erwarten , damit er nicht nöthig hatte , ihm etwa entgegen zu gehen , denn nun er an der Schwelle der mündlichen Verhandlung stand , dünkte ihm diese noch lästiger als die schriftliche zu sein . Als Herr Flies eintrat , hieß der Freiherr ihn mit den Worten : Sie sind pünktlich , lieber Flies ! willkommen . Ich bin ein Geschäftsmann ! entgegnete dieser höflich . Aber der Freiherr konnte sich eines gewissen Erstaunens bei dem Anblicke des Juweliers nicht erwehren . Er kam ihm größer , ansehnlicher vor , denn er trug sich aufgerichteter als früher ; seine Kleidung war einfach , indeß nach der Mode und von den besten Stoffen . Er hatte eine gewisse demüthige Weise , gewisse tiefe Verbeugungen und gewisse Manieren , die er sonst als Stammesgewohnheiten unwillkürlich zur Schau getragen , völlig abgelegt und dafür eine ruhige Haltung gewonnen , welche ihn dem Freiherrn wie einen Fremden erscheinen machte . Er hatte vorgehabt , ohne Weiteres mit Herrn Flies die Angelegenheit zu durchsprechen , wegen derer er ihn rufen lassen ; nun er den Kaufmann vor sich hatte , dessen Augen klug und forschend auf ihm ruhten , wußte er nicht gleich , von welchem Punkte er die Sache in Angriff nehmen sollte , und wie alle vom Glücke Verwöhnten vor jeder Unbequemlichkeit zaghaft und zaudernd , sagte er : Wie geht es Ihnen , lieber Flies ? Ich habe Sie lange nicht gesehen , ich war lange nicht hier ; aber ich wollte meinem Sohne doch einmal eine Stadt zeigen und muß auch einen der hiesigen Aerzte wegen der Baronin zu Rathe ziehen . So sind die Frau Baronin leidend ? fragte Flies . Recht sehr , recht sehr , antwortete der Freiherr mit sichtlicher Zerstreutheit ; ich denke , der Doctor muß bald kommen ! Er hatte noch immer nicht den Muth , dasjenige zu verlangen , was er mit Leichtigkeit gefordert haben würde , als er sich noch im Vollbesitze seines Vermögens und seines Ansehens gewußt hatte , und Herr Flies , welcher den Zustand des Freiherrn wohl erkannte , fand es daher angemessen , ihm mit der Bemerkung entgegen zu kommen , daß es ihm , da er den Arzt erwarte , wahrscheinlich erwünscht sein werde , die Geschäfte schnell zu beenden , und daß er ihm einen , wie er glaube , sehr annehmbaren Vorschlag für dieselben zu machen habe . Der Freiherr , sehr zufrieden , daß er nicht derjenige zu sein brauchte , der die Verhandlungen in Gang brachte , und doch zugleich verdrießlich darüber , daß Flies sich so heiter und frei zu