widrig freche Lächeln des Grafen und die finstere Miene des Fürsten . Es war ein unheimlicher Geist , der durch dieses Haus ging . Und diesem Geist hatte sie sich ergeben , hatte sie ihre Freiheit , ihre Mädchenträume , ihre Zukunft geopfert ! Um was dafür zu gewinnen ? hohe Stellung , Reichthum ! - Wie wenig begehrenswerth ihr das Alles in diesem Augenblicke vorkam ! wie gern sie das Alles hingegeben hätte , ein Ahnung des seligen Glücks zurückzurufen , das in dem Sommer des vergangenen Jahres ihr Herz erfüllt hatte , wenn sie aus ihrem kühlen Gemach in den goldigen Morgensonnenschein des Parkes hinaustrat und , langsam zwischen den Blumenbeeten auf - und abwandelnd , bei jeder Wendung um ein dichteres Bosquet Oswald zu begegnen hoffte . Wie weit , wie unerreichbar weit lag jetzt dies Alles hinter ihr ! weit , wie das Paradies der Kinderjahre , das kein Sehnen und kein Frühling zurückbringt ! Wieder und immer wieder schweiften ihre Gedanken nach Grenwitz ; tausend kleine Scenen , die sie vergessen zu haben glaubte , erwachten in ihrer Erinnerung , - ein Spaziergang mit Bruno und Oswald durch die Felder , als die Abendsonne tief am Horizont wie ein ungeheurer Feuerball in dem goldstrahlenden Aether hing und über dem reifenden Korn glänzende Lichter wogten , während hoch über ihnen , verloren im tiefen Blau des Himmels , die Lerchen jubelten ; ein anderes Mal , als sie am heißen Nachmittage , ermüdet von dem monotonen Summen und Schwirren der Insekten , auf einer Bank in einem kühlen Baumgang des Gartens eingeschlummert war und sie in dem Augenblick erwachte , als ihr Jemand - es war Bruno - einen Kranz von dunkelrothen Rosen auf ' s Haupt setzte , während wenige Schritte davon entfernt ein Anderer - Oswald war ' s - hinter einem Baum versteckt lauschte . Und immer waren es Bruno und Oswald , welche die friedlichen Bilder belebten - elysische Gestalten in elysischen Gefilden ! Waren doch Beide todt ; - Helene hatte , als Oswalds Flucht mit Emilie das unerschöpfliche Thema des Gesprächs in Grünwald war , unbeschreiblich gelitten , denn erst jetzt , als sich eine Welt zwischen ihn und sie gelegt , fühlte sie , wie theuer ihr dieser Mann gewesen war . Zwar bemühte sie sich ernstlich , diese Leidenschaft zu bemeistern und sich mit dem Schicksal , das sie sich doch schließlich selbst bereitet , auszusöhnen ; aber nur zu oft ertappte sie sich darauf , daß sie die Persönlichkeit ihres Verlobten mit der Oswalds verglich , um immer wieder zu dem Resultat zu kommen , daß Jenem Alles fehlte , was diesen in ihren Augen so liebenswürdig gemacht hatte : die anmuthig elegante Gestalt und Haltung , die geistvollen und doch so zärtlichen Augen , die tiefe und doch so weiche Stimme , der immer wechselnde und immer interessante Ausdruck des edlen Gesichts . - - Nie hatte sie lebhafter als an diesem Abend gefühlt , wie stumm ihr Herz ihrem Verlobten gegenüber war . Sie dachte mit Entsetzen daran , daß , als der Generalmarsch auf der Straße geschlagen wurde , von fern her das Brausen und Toben der Volksmenge ertönte und der Fürst aufsprang , um an seinen Posten zu eilen , sie weiter nichts empfunden hatte , als daß dies eine vortreffliche Gelegenheit sei , sich in ihre Gemächer zurückzuziehen . Und immer schwerer wurde dem jungen Mädchen das Herz , und immer trüber wurde es vor ihren Augen . Sie kam sich grenzenlos unglücklich vor ; sie hatte Mitleid mit sich selbst , daß sie so allein sei , daß Niemand ihren Kummer theile . Aber hatte sie sich denn diese isolirte Stellung nicht selbst bereitet ? hatte sie die guten Menschen , die ihr mit offenem Herzen entgegengekommen waren , nicht mit kühler Höflichkeit zurückgewiesen ? Wie sehnte sie sich jetzt nach dem braven alten Fräulein Bär , nach der klugen , herzigen Sophie Robran ! Aber war nicht Sophie in der Residenz ? konnte sie die Freundin , die sie in der letzten Zeit in Grünwald so vernachlässigt hatte , hier nicht wieder aufsuchen ? Helene klammerte sich an diesen Gedanken wie an einen Rettungsanker , und fragte sich seufzend , während sie ihr schönes Haupt in den seidenen Kissen verbarg , ob sie denn wirklich die stolze Helene sei , die gemeint hatte , einsam ihre Bahn , wie ein Stern über den Himmel , ziehen zu können , unbekümmert um das Treiben der Menschlein da unten in den niederen Menschenhütten ! Vierundvierzigstes Capitel Die Aufregung in der Stadt nahm mit jedem Tage zu . Vergebens , daß man Truppen über Truppen ansammelte und Tag und Nacht in den Casernen zum Gefecht bereit hielt ; daß man jeden Volkshaufen mit bewaffneter Hand auseinander trieb und die Schreier auf alle Weise einzuschüchtern suchte . Jeder Tag brachte neue und immer verhängnißvollere Unruhen ; die Ansammlungen des Volks , besonders auf den weiten Plätzen in der Nähe des Schlosses , wurden immer bedrohlicher : immer öfter ertönte die aus gellendem Pfeifen und Hurrahrufen eigenthümlich componirte Volksfanfare , und immer seltener konnte das durch wochenlangen überstrengen Dienst gegen das Volk erbitterte Militär diesem prickelnden Reizmittel widerstehen . Immer häufiger wurde auf jener Seite von den Pflastersteinen , die man schon hier und da aufzureißen begann , auf dieser von der blanken Waffe Gebrauch gemacht . Bereits war die Zahl der mehr oder weniger schwer Verwundeten , welche in die öffentlichen Hospitäler abgeliefert waren , sehr bedeutend . Besonders verhängnißvoll war der letzte Abend gewesen . Eine Abtheilung Gardekürassiere hatte , mit verhängten Zügeln und gezogener Waffe dahersprengend , einen Volkshaufen in eine der dem Schlosse benachbarten Straßen hineingetrieben , deren Ausgang von der andern Seite durch ein Piket Dragoner besetzt war , welche Niemand durchließen . Eine Scene grauenhafter Verwirrung entstand in dieser von beiden Seiten zusammengequetschten Menge , in welche die Reiter , links und rechts Säbelhiebe austheilend , erbarmungslos ihre Pferde