sehen Sie ja selbst , daß Armuth und Dürftigkeit sich recht gut mit Liebe verträgt . M.M. Sehr hübsch gesagt , äußerte Albert , diesen Brief zu den andern legend ; aber doch sehr dumm ! Armuth und Liebe vertragen sich gerade so gut , wie Wasser und Feuer . Ich möchte die feurige Liebe kennen , die nicht ausginge , wenn ihr ein Eimer Armuth über den Kopf geschüttet wird ! Pah , das muß ich besser wissen ! Ich glaube , ich wäre albern genug , die kleine Marguerite zu heirathen , wenn ich ein Mann in Amt und Würden mit vom Staat garantirter guter Beköstigung wäre , aber da ich nichts weiter bin , als ein armer Teufel , mit einem famosen Appetit und wahrem Patent-Magen , so wäre es doch reiner Selbstmord , wollte ich die schon knapp genug zugemessene tägliche Ration noch mit einem Andern theilen ! Liebe ! Unsinn ! Liebe ist höchstens ein ganz wünschenswerthes Dessert zum Diner des Lebens . Ein gutes Diner ohne Dessert - bon ! ein Diner mit Dessert - noch besser , aber ein Dessert ohne Diner ! - nun , für Frauenzimmer mag auch das genügen ; aber mit meiner Constitution verträgt es sich nicht . Ob die gute Marie , wenn sie noch lebt , wie ich sehr stark hoffe , jetzt nicht doch manchmal beklagt , daß sie die kostbaren Rubinen und das rothe Gold anderen jungen Damen , die es weniger verdienten , zugewandt hat ? Im nächsten Brief wird die tugendhafte kleine Person sogar ganz übermüthig . Nr. 8. Sieh , sieh , mein Lieber ; also auch eifersüchtig können Sie sein ! wer hätte dem Baron Harald von Grenwitz solche bürgerliche Schwäche zugetraut ! Ich soll eine andere Wohnung beziehen ; weshalb ? Damit ich im Winter nicht vor Frost und im Sommer vor Hitze umkomme ; nicht alle Tage ein paar Mal Gefahr laufe , mir auf den engen , steilen Treppen den Hals zu brechen ? bewahre ! nur weil die Madame Schwarz , bei der ich wohne , dem gnädigen Herrn nicht gefällt , und weil der gnädige Herr in Erfahrung gebracht hat , daß ein junger Franzose , ein Monsieur d ' Estein , mit mir auf demselben Flur wohnt , daß ich mit besagtem Monsieur auf einem vertrauten Fuße stehe , ja mit demselben , selbst des Abends spät , Arm in Arm , auf der Straße gesehen worden bin ! Entsetzlich ! Aber im Ernst , theuerster Harald , Sie haben wahrlich keine Ursache , sich zu beklagen . Die Madame Schwarz ist eine sehr ehrbare , ausgezeichnete Frau , der ich unsäglich viel verdanke , und die , so lange ich denken kann , eine Mutter für mich gewesen ist ; und was Monsieur d ' Estein anbetrifft , so wird Ihre Eifersucht sich wohl wieder schlafen legen , wenn ich Ihnen sage , daß es derselbe kleine , ältliche Herr ist , an dessen Arm Sie mich zum ersten Mal im Thiergarten sahen . Monsieur d ' Estein könnte den Jahren nach mein Vater sein , wie er denn auch der Freund meines Vaters war . Er stammt wie wir aus einer Familie französischer Refugiés und wäre wohl schon längst in das geliebte Land seiner Väter zurückgekehrt , da er hier gar keine Verwandte , ja nicht einmal Freunde hat , wenn er nicht fürchten müßte , dort , wo alle Welt die Sprache spricht , in der er hier Unterricht ertheilt , Hungers zu sterben . Er ist sehr wunderlich , aber das bravste Herz von der Welt . Er würde für mich durch ' s Feuer gehen und au désespoir sein , wenn er nur die leiseste Ahnung von unserem Verhältnisse hätte . - Dies Alles würde ich Ihnen schon gestern Abend gesagt haben ; aber ich wollte einmal sehen , ob Sie auch Widerspruch vertragen könnten . Sind Sie jetzt zufrieden ? A revoir , monsieur le Baron . Votre très-méchante Marie M. Dies ist die einzige Notiz über diesen Monsieur d ' Estein , sagte Albert , den Brief auf den Schooß sinken lassend und nachdenkliche Wolken aus seiner Cigarre blasend ; ohne Zweifel derselbe , welcher in der Erzählung der Alten als Schacherjude wieder auftritt , um das Terrain vorläufig zu recognosciren , und hernach die Entführung der bedrängten Unschuld bewerkstelligt . Ich fürchte , es sind hier einige Briefe verloren gegangen , denn , als der nächstfolgende geschrieben wurde , waren die Affairen schon sehr weit gediehen . Nr. 9. So eben erhalte ich den - was soll ich es verschweigen ! - längst erwarteten Brief Ihrer Frau Tante . Sie schreibt mir mit zitternder , aber doch leserlicher Hand , daß sie das Lebensglück ihres geliebten Großneffen höher stelle , als die Ruhe der wenigen Tage , die sie noch zu leben habe ; ja , daß sie sich freue , eine so dringende Veranlassung zu haben , nach dem Stammsitz ihrer Väter , dem Orte ihrer Geburt , wo sie denn nun auch zu sterben gedenke , eine Reise , die letzte vor der großen Reise , anzutreten . Sie werde am 13. von St. abreisen , und bereits vor mir in Grenwitz angekommen sein , » da Sie ein tête-à-tête mit meinem wilden Neffen so sehr fürchten , liebes Kind . « - Ich kann nicht sagen , wie unaussprechlich mich so viel Güte und Liebe rührt ! wie dankbar ich der alten herrlichen Dame bin , wie ich mich freue , ihr die welken , lieben Hände zu küssen ! Ja , Harald , wenn sie , die Greisin , die Aelteste Deines ritterlichen Geschlechts , mich Deiner würdig gefunden hat , wenn sie unsere Liebe segnet , dann will ich mit tausend Freuden die Deine sein . Nur eines schmerzt mich , daß ich bei Nacht und Nebel wie ein Dieb von hier , von der Frau , die ich wie eine Mutter